Tel Aviv/Dachau Violinen der Hoffnung

Amnon Weinstein gilt als Koryphäe in der Branche, seine Werkstatt in Tel Aviv wird sein Sohn weiterführen.

(Foto: epd)

Amnon Weinstein restauriert Geigen von Holocaust-Opfern. Auch eine aus Dachau hat er in seiner Werkstatt.

Von Susanne Knaul/epd, Tel Aviv / Dachau

Amnon Weinstein schleift einen Geigenboden, begutachtet das Holz und schleift weiter - behutsam und so langsam, dass die Reparatur eines einzigen Instruments viele Monate dauern kann. Weinstein sammelt und restauriert Geigen aus der Zeit des Holocaust. Sie gehörten einst verfolgten Juden, einige wurden in Konzentrationslagern gespielt. Auch ein Exemplar aus Dachau hat er in seiner Werkstatt in Tel Aviv.

Sein Kittel ist voller Holzstaub, wie alles in seiner kleinen Werkstatt. Hunderte von Instrumenten lagern hier: Die edleren Violinen bewahrt er in einer Glasvitrine auf, die einfachen hängen über dem Arbeitstisch und an den Wänden. Der 76-Jährige hat wilde graue Locken, sein Schnurrbart reicht bis ans Kinn, er trägt eine Nickelbrille. Während er sorgfältig weiterarbeitet, erzählt er von seinen Instrumenten: Jede Geige hat ihre eigene Geschichte. Mit der Restaurierung bewahrt er auch die Erinnerung an die Opfer des Holocaust.

Weinstein nennt die Instrumente "Violinen der Hoffnung". Eine wichtige Rolle für Weinstein spielt Jakob Zimmermann, ein Geigenbauer, der Weinsteins Vater Mosche einst das Handwerk lehrte. Eine Geige aus Zimmermanns Werkstatt landete beim Musiker Schimon Krongold aus Warschau - "kein großartiger Virtuose", sagt Weinstein, "aber er spielte mit Leidenschaft". Als die Deutschen in Polen einmarschierten, floh Krongold erst nach Russland, dann nach Taschkent, wo er an Typhus starb. Viele Jahre später klopfte ein Fremder in Jerusalem an die Tür von Schimon Krongolds Bruder Chaim. In der Hand hatte der Schimons Geige. 250 Dollar verlangte er für das Instrument, Chaim zahlte. Die Geige war für die Krongolds eines der wenigen Erinnerungsstücke an den Bruder und Onkel, von dem Weinstein ein Foto in seiner Werkstatt hat - mit seiner Geige in der Hand.

Nach dem Krieg waren deutsche Geigen verpönt

Überall an den Wänden der Werkstatt hängen Fotos, einige zeigen bekannte Musiker wie Misha Maisky, Issak Stern, Shlomo Mintz. Eines trägt die Unterschrift: "für Dr. Amnon Weinstein". Er erzählt von den Streichern des Palestine Symphonie Orchestra, das Bronislaw Huberman 1935 in Tel Aviv gründete: "Die meisten seiner Musiker waren aus Deutschland gekommen, und sie brachten aus Sorge, dass sie hier niemanden für eventuelle Reparaturen finden würden, gleich mehrere Instrumente mit", sagt Weinstein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aber wollten die jüdischen Musiker nicht länger auf deutschen Geigen spielen, sagt Weinstein. Viele hätten seinem Vater die Instrumente gegeben, die sie sonst aus Wut über Deutschland zerschlagen hätten.

Weinsteins Eltern waren die einzigen Überlebenden großer Familien. Beide sprachen nicht darüber. "Am Esstisch saßen meine Eltern, wir zwei Geschwister und die Geister von 400 Angehörigen." Das Sammeln von Geigen, die Juden während der Verfolgung gespielt hatten, und das Forschen nach ihren Geschichten ist für den Geigenbauer zum Weg geworden, die eigene Familientragödie zu verarbeiten.

Weinstein gilt als einer der Besten in seiner Branche, wie einst sein Vater und wie sein ältester Sohn, der die Tradition bewahrt. Geigen, Bratschen und Celli reparieren die Weinsteins. Die Instrumente aus dem Holocaust erreichten ihn bisweilen in so schlechtem Zustand, sagt Weinstein, "dass man sie besser gleich wegwerfen sollte oder einem Kindergarten schenken, wenn es nicht ihre Geschichte gäbe".

Weit mehr als nur ein Hobby

Dass die alten Instrumente für den Geigenbauer zu weit mehr als einem Hobby wurden, ist einem angehenden Bogenbauer aus Dresden zu verdanken, wie Weinstein erzählt. Der junge Deutsche habe vom Holocaust "so gut wie nichts gewusst", als er nach Tel Aviv kam. Bald forschte er selbst, wo die Geigen in Weinsteins Werkstatt herkommen und wer einst darauf spielte.

Ende der Neunzigerjahre sprach Weinstein zum ersten Mal im Radio über sein Projekt. Daraufhin meldeten sich die Krongolds aus Jerusalem bei ihm. Weinstein erkannte sofort, dass ihre Geige aus der Werkstatt von Jakob Zimmermann kam. "Plötzlich hielt ich ein Instrument in der Hand, das der Lehrer meines Vaters gebaut hatte." Weinstein hält Vorträge, lässt seine Instrumente ausstellen und spielen; 24 Konzerte gab es schon. Besonders beeindruckt hat ihn ein Konzert Anfang des Jahres in Berlin: Die Berliner Philharmoniker spielten zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. "Ich war so ergriffen davon, ich habe mich bis heute noch nicht beruhigt." Als Weinstein aus Deutschland abreiste, hatte er zwei Geigen im Gepäck: "Eine aus Dachau und die andere aus Berlin."