Antisemitismus und Islamfeindlichkeit Die Macht der Vorurteile

Der Historiker Wolfgang Benz warnt vor gefährlichen Stereotypen.

(Foto: Toni Heigl)

Der NS-Forscher Wolfgang Benz zieht bei seinem Vortrag im Max-Mannheimer-Haus Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.

Von Richard Möllers, Dachau

Professor Wolfgang Benz ist einer der international renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Antisemitismus- und NS-Forschung. Am Dienstagabend hielt er einen Vortrag im Max-Mannheimer-Haus. Der Runde Tisch gegen Rassismus Dachau hatte mit der gerade stattfindenden Internationalen Jugendbegegnung kooperiert und den Historiker eingeladen. Benz ist sich durchaus bewusst, dass er sich mit dem Vergleich zwischen dem Antisemitismus der Nazi-Zeit und dem antimuslimischen Kulturrassismus auf dünnes Eis begibt. Seit Beginn seiner Arbeiten auf diesem Gebiet 2008 stieß er auch auf heftigen Widerstand. Kritiker wie der Historiker und Politikwissenschaftler Julius Hans Schoeps werfen Benz vor, durch den gewagten Vergleich die Besonderheiten des Holocaust zu verwischen. Benz dagegen verweist auf Gemeinsamkeiten: "Antisemiten des 19. Jahrhunderts und manche Islamkritiker des 21. Jahrhunderts arbeiten mit ähnlichen Mitteln an ihrem Feindbild." Das ist seine zentrale Aussage. Bei beiden Ausgrenzungsmechanismen gebe es Parallelen. Der Wissenschaftler sieht deshalb die Gefahr einer wieder aufkommenden Fremdenfeindlichkeit.

Seinen Vortrag leitet er zunächst mit einer Definition von Vorurteilen ein: Diese seien meist an unangenehme Eigenschaften von Personen oder Personengruppen geknüpft. Dabei bedürfe es meist keiner Erklärung oder Argumentation, weil die Vorurteile als "feststehende Tatsachen" angesehen würden, sagt Benz. Das sei eine der häufigsten Grundlagen für Feindbilder, die anschließend schnell entstehen können, so Benz. Das Gefährliche daran sei, dass sie oftmals im Unterbewusstsein der Menschen verankert sind. Die Betroffenen seien sich gar nicht bewusst, dass sie Vorurteile gegenüber anderen haben. Entsprechenden Reaktionen entstünden reflexartig, ohne dass sich der Betroffene dagegen wehren kann.

Das Charakteristische an Stereotypen sei, dass sie die komplexen, mehrschichtigen Identitäten von Personen oftmals auf einige wenige Eigenschaften reduzieren. Das werde aber der Realität nicht gerecht. Die verallgemeinerte Welt sei verführerisch, weil sie einfacher zu verstehen sei, nach der klassischen Einteilung von "Gut und Böse", so Benz. Genau hier seien die gemeinsamen Wurzeln von Antisemitismus und antimuslimischen Kulturrassismus zu sehen: Beide hätten ihren Ursprung in der Denotation durch die Religion.

Hetze gegen Muslime ist kein Tabubruch mehr in Deutschland

Anschließend ging der Professor auf die Besonderheiten beider Ausgrenzungsmechanismen ein. Antisemitismus begann mit der antiken Judenfeindlichkeit und dem religiös motivierten Antijudaismus schon vor 2500 Jahren. Dieses Feindbild setzte sich über viele Jahre fort und hatte für die Machtergreifung des NS-Regimes zentrale Bedeutung. Die letzte Konsequenz war der Holocaust, also die systematische Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden. Heutige Formen von Judenfeindlichkeit seien das Leugnen des Holocausts und der Antizionismus, der sich gegen das Existenzrecht Israels richtet. Diese seien aber nur marginal in Deutschland verbreitet, so Benz. "Antisemitismus ist heute gesellschaftlich stark geächtet und hat harte rechtliche Konsequenzen wie in keinem anderen Land."

Hier bestehe ein Unterschied zu der sich ausbreitenden Islamfeindlichkeit in Deutschland. "Muslime zu stereotypisieren und gegen sie zu hetzen, ist inzwischen kein Tabubruch mehr in Deutschland", sagt Benz. Ein Grund hierfür liege auch in dem Umgang mit den Anschlägen auf das World Trade Center 2001. "Seitdem heißt es nicht mehr Araber, Türken oder Tunesier, sondern verallgemeinernd Muslime", sagt der Historiker. Seitdem neigten manche Menschen dazu, allen Muslimen zumindest eine Billigung der Anschläge zuzutrauen. Dies sei aber nicht nur falsch, sondern auch sehr gefährlich.

Die organisierte Rechtsradikalität sei seit Jahren konstant. Doch die Islamfeindlichkeit sei mit Bewegungen wie Pegida und der "sogenannten Alternative für Deutschland" wieder salonfähig geworden und werde auch von der Mitte der Gesellschaft mitgetragen. Das hat für Benz mehrere Gründe: Zum einen finden mit den Flüchtlingen viele Leute einen Sündenbock, den sie für ihre allgemeine Unzufriedenheit und ihren Missmut verantwortlich machen. Zum anderen seien die genannten Bewegungen eine Art sicherer Rahmen, um mit "einem Mischmasch aus erzkonservativen, fremdenfeindlichen und antiislamischen Elementen" Ängste zu artikulieren. Intoleranz gelte dabei als Tugend, führende Personen schreckten keineswegs vor kalkulierter Wahrheitswidrigkeit zurück. Tabubrüche würden gekonnt eingesetzt, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Benz zieht daraus zwingend den Schluss: "Ja, die AfD ist rechts und ja, sie ist radikal".