Kneipe Glockenbachviertel "Inges Karotte" Frau sucht Frau

Zaubermäuse, Campari-Hütchen und kopulierendes Gemüse: Inges Karotte ist so wie das Glockenbach früher einmal war: originell, abenteuerlich - und homosexuell. Nur: "Von verlassenen Frauen kann heute keine Kneipe mehr überleben." Ein Besuch in Münchens ältester noch existierender Lesbenbar.

Von Anna Fischhaber

Wer wissen will, wie das Glockenbach einmal war, ist in Inges Karotte richtig. Die Lesbenbar ist so etwas wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Einer Zeit, in der homosexuell sein noch den Makel des Verruchten hatte und im Glockenbachviertel weniger hippe Yuppies mit Kinderwagen und mehr Paradiesvögel lebten. Einer Zeit, in der das Viertel der einzige Ort der Stadt war, wo man schwule und lesbische Kneipen duldete. Den Ochsengarten in der Müllerstraße, Deutschlands erste Lederbar, gibt es seit damals. Und Münchens ältestes noch existierendes Frauenlokal mit dem seltsamen Namen Inges Karotte.

Nur die Bilder von küssenden Frauen und kopulierenden Karotten verweisen darauf, dass die Karotte eine Lesbenbar ist.

(Foto: afis)

Dass Wirtin Inge Greguletz, 65, Frauen mag, weiß sie schon seit einem halben Jahrhundert. Geheiratet hat sie trotzdem irgendwann - sie wollte unbedingt ein Kind. "Und damals war da nichts zu machen." Lange gehalten hat die Ehe nicht, verstehen tun sich die zwei aber noch. Als die Industriekauffrau vor mehr als 30 Jahren ihr Lokal eröffnete, hat ihr Exmann die Karotte dekoriert - und bis heute nicht damit aufgehört. Auf den ersten Blick sieht der Laden aus wie eine ganz normale Eckkneipe. Eine geschmackvolle allerdings. Während in der Nachbarschaft ein Bio-Tagescafé für die junge Mutter nach der anderen eröffnet, ist es in der Baaderstraße 13 vor allem originell.

Das Licht ist gedimmt, der kleine Raum wird von dunklem Grün und Orange dominiert, im Hintergrund laufen alte Liebesschnulzen. Es gibt einen Spielautomat, ein paar Bücher. An der langen Theke werden Kirschlikör und Campari-Hütchen serviert, oft auch literweise Wodka. Für Vieltrinker gibt es eigene Namenslisten, auf denen Inge, klein, zierlich, rothaarig, die lange elektrische Zigarette in der einen Hand, ein Glas Weißwein in der anderen, mit dem Getränkeabhaken kaum hinterher kommt.

Ein Rollo schirmt den Laden gegen neugierige Blicke von außen ab - nicht immer war lesbisch sein so einfach wie jetzt. "Früher war das ein Knaller, jetzt ist es nichts mehr besonderes", sagt Stammgast Renate, weit über 70, die mit einem Weißbier an der Theke sitzt und wie alle Stammgäste hier nur mit "Engelchen" oder "Zaubermaus" angesprochen wird.

"Damals brauchte man noch viel Mut"

Die Stammgäste, das sind vor allem alleinstehende Frauen und schwule Pärchen. Am Wochenende, wenn in der kleinen Bar bis morgens getanzt und gesungen wird, verirren sich auch viele "Stadtteiltouristen" hierher, wie Inge die Nachtschwärmer aus dem Viertel nennt. Nur die Bilder von küssenden Frauen und kopulierenden Karotten verweisen darauf, dass die Karotte eine Frauenbar ist - und manchmal muss die Wirtin den neuen Gästen erklären, wo sie hier eigentlich gelandet sind.

Früher war das anders. Jahrelang hat Inge nur Frauen reingelassen. Manche Männer waren darüber so sauer, dass sie der Wirtin drohten, die Scheibe einzuschlagen. Wild ging es damals zu, erinnert sie sich. Inge hat schon viele Liebschaften gesehen, die an ihrer Bar begonnen und geendet haben. Und auch manchen unschönen Streit, der mit Haareziehen und Schlägen endete.

"Damals brauchte man noch viel Mut, um sich Händchenhaltend öffentlich zu zeigen", sagt Inge. Heute könne man überall Frauen kennenlernen. "Das ist natürlich toll, aber andererseits gibt es praktisch keine lesbische Szene in München mehr." Im Carla in Buttermelcherstraße ein paar Meter weiter, ebenfalls ein Frauenlokal, ebenfalls mehr als 30 Jahre alt, hat man gerade Abschiedsparty gefeiert. Und auch Inge denkt ans Aufhören.

Zaubermäuse und Campari-Hütchen

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