Autofreie Stadt: SZ Utopie Folge 3 Wo München schon autofrei ist

Man möge es sich vorstellen: Eine Hängematte über einer asphaltierten Straße in Riem

(Foto: SZ-Fotografen; Montage Jessy Asmus/SZ)

Eine Stadt ohne Autos, klingt verrückt - dabei gibt es bereits Orte, in denen gute Luft und wenig Lärm zum Alltag gehören. Kann man hier etwas lernen? Folge 3 des neuen Formats "SZ Utopie".

Von Elisa Britzelmeier

Natürlich hört man Kinderlärm. Sie rufen, schreien, lachen, quietschen vom Spielplatz herüber. Die Messestadt Riem ist Münchens kinderreichster Stadtteil, und man hört die Kinder, weil sie so viele sind, man hört sie aber auch, weil man sonst nichts hört. Ein paar Vögel zwitschern, aber sonst: nichts. Vor allem hört man keine Autos.

16 000 Einwohner leben in der Messestadt Riem - weitgehend ohne fließenden Verkehr. Helene Wagner ist eine von ihnen. Vor 18 Jahren ist sie hergezogen, mit ihrem Mann und den Kindern, in das erste autofreie Wohnprojekt Münchens. Wer spüren will, wie sich ein München ohne Autos anfühlen kann, spaziert durch die Fußgängerzone in der Altstadt. Wer aber wissen will, wie man einen Alltag ohne Autos lebt, der fragt Helene Wagner.

Die autofreie Stadt - eine Utopie

Im neuen Format SZ Utopie berichten wir über Fragen der Zukunft, Fragen, die heute noch als Idee, als Traum, vielleicht auch als Horrorszenario erscheinen - und schon bald Realität werden könnten. Beginnen wir mit einer Utopie, von der Tausende Menschen täglich träumen: Wie wäre es, wenn in einer Stadt wie München keine Autos mehr fahren würden? Lesen Sie hier alle Texte zu dieser Utopie.

Wagner, die sich in ihrem Beruf zur besonderen Verschwiegenheit verpflichtet hat und deshalb lieber nicht mit echtem Namen in dieser Geschichte auftauchen will, hat es hier ruhig. Sehr ruhig. Denn in der Messestadt gibt es kaum fließenden Verkehr. Die Straßen sind deutlich schmaler als in anderen Wohnvierteln, am Rand stehen nur sehr wenige parkende Autos, die meisten Anwohner stellen ihre Wagen in einer der großen Tiefgaragen ab.

Die Wagners allerdings haben sich für einen radikaleren Schritt entschieden: Sie haben sich vertraglich verpflichtet, kein Auto anzuschaffen. Nicht damals beim Einzug, nicht jetzt und auch nicht in Zukunft. Das war die Bedingung, um eine Wohnung in Münchens erstem autofreien Wohnprojekt zu bekommen. Eine Bedingung, damit die Bauherren in der Messestadt eine Ausnahme von der Stellplatzverordnung genehmigt bekamen. Sie schreibt eigentlich vor, dass jede neu gebaute Wohnung einen Pkw-Stellplatz braucht - eine Regelung übrigens, die noch auf die Reichsgaragenordnung in der Nazizeit zurückgeht.

14 Familien unterschrieben beim Einzug, darunter viele mit kleinen Kindern, so wie die Wagners. Ihre Häuserreihe heißt heute "Autofrei Wohnen eins", weil es inzwischen auch "Autofrei Wohnen zwei" und "Autofrei Wohnen drei" gibt. Die Bewohner haben einen anderen Namen gefunden: "Ökonische" nennen sie diesen ersten Bauabschnitt. Helene Wagners Küche ist im Obergeschoss, von allen Seiten fällt Licht herein, draußen wildern die Gärten vor sich hin.

Eine Stadt so schön wie München - nur ohne Autos

Wie viele zusätzliche Busse, U-Bahnen, S-Bahnen bräuchte man, wenn die Straßen wieder den Menschen gehören sollen? Auftakt des neuen Formats "SZ Utopie": die autofreie Stadt. Von Esther Widmann und Thomas Harloff mehr ...

Kann aus der "Ökonische" ein Vorbild für die ganze Stadt werden? Also Nachfrage: Welche Lehren haben sie hier, in der Ökonische, gewonnen? Was sagen Verkehrsforscher dazu? Wie wird ein Viertel - und wie womöglich eine ganze Stadt - autofrei?

Erste Erkenntnis: Ganz ohne Verkehr geht es nicht

Natürlich geht es nicht ganz ohne Ausnahmen. Versorgungsfahrzeuge wie Feuerwehr, Rettungswagen und Müllabfuhr dürfen auch in der Messestadt Riem fahren, genauso wie öffentliche Verkehrsmittel. Die Wagners lassen sich ihre Getränke liefern, einer der wenigen Einkäufe, die sich mit dem Fahrrad schlecht erledigen lassen. Und auch den neuen Wohnzimmerschrank dürften sie mit dem Transporter ins Viertel bringen. "Wir machen das nicht wie die Amish-People, dass man hier nur mit der Pferdekutsche reinfahren darf", sagt Gunhild Preuß-Bayer von der Initiative "Wohnen ohne Auto", die auch in der Messestadt lebt.

Preuß-Bayer rechnet auch Taxis zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie seien für Notfälle unverzichtbar, sei es, dass eine alte Dame in den Supermarkt muss oder Eltern mit müden Kindern vom Bahnhof nach Hause.

Einladungen zur ihr nach Hause, sagt Helene Wagner, sind ein Problem. Die meisten ihrer Verwandten sind Autofahrer. Sie wohnen auf dem Land, wo es viele Autobahnausfahrten, aber keine gute Zuganbindung gibt. Für sie ist es lästig, in die Messestadt zu kommen. Das war es dann aber auch schon, mehr Nachteile fallen Wagner nicht ein. Echt nicht?

Zweite Erkenntnis: Missionieren bringt wenig

Ganz ohne Auto leben auch die Menschen im autofreien Wohnprojekt nicht. In der Tiefgarage stehen mehrere Fahrzeuge von Stattauto. Der Carsharing-Anbieter unterstützt das Wohnprojekt seit den Anfängen. Wenn Helene Wagner also doch einmal ein Auto braucht, plant sie die Fahrt und bucht einen Leihwagen. Denn eigentlich fährt Helene Wagner gern Auto. Aber sie findet Autos teuer. Und zeitaufwendig. Und gefährlich. Alle neun Minuten passiert in München ein Unfall. Dazu kommt die Parkplatzsuche, kommen Reparaturen, und kommt das schlechte Gewissen, wenn man an die Umwelt denkt; daran, dass ein Mittelklassewagen im Schnitt 180 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstößt, daran, dass Anwohner, Radfahrer und Fußgänger täglich Feinstaub aus den tonnenschweren Geländewagen einatmen müssen, und daran, dass diese Erde endlich ist.

Helene Wagner wirkt nicht so, als wollte sie andere missionieren, auch, wenn sie immer wieder diese Gespräche führt. Eigentlich super, sagen die Leute, wenn sie hören, wie Helene Wagner mit dem Fahrrad oder der U-Bahn durch den Tag rauscht, wenn sie hören, dass bei Helene Wagner kein Erstwagen, kein Zweitwagen, kein Firmenwagen, einfach gar kein Auto vor der Tür parkt. Ich würd' meins ja auch gern öfter stehen lassen, sagen die Menschen dann, aber ich brauch' es halt. Geht so schwer ohne. Die weite Strecke zur Arbeit, mit der S-Bahn dauert es viel länger, und dann ist die auch noch immer überfüllt, und die Einkäufe, und die Kinder zur Kita in der Früh, also nein, bei euch geht das vielleicht, aber bei uns nicht.

Nachfrage, was antworten Sie dann, Frau Wagner? "Viele bräuchten ein bisschen Unterstützung", sagt sie. Und sei es nur durch günstigere Tickets für Zug und U-Bahn. Gunhild Preuß-Bayer sagt: "Selbst wer bereit wäre, aufs Auto zu verzichten, steigt nicht von einem Tag auf den anderen um."