ARD WDR-Spitzenpersonal wusste von Belästigungs-Vorwürfen

Beim WDR wusste wohl auch Spitzenpersonal über die Vorwürfe sexueller Belästigung Bescheid.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)
  • Dokumente, die dem Nachrichtenmagazin Spiegel vorliegen, liefern neue Erkenntnisse zu den Fällen sexueller Belästigung beim Kölner Sender WDR.
  • Offenbar waren sowohl die damalige Intendantin Monika Piel und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel als auch der heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn in einen der beiden Fälle involviert.

Beim Kölner Sender WDR ziehen die Fälle sexueller Belästigung weitere Kreise. Wie aus Dokumenten hervorgeht, die dem Nachrichtenmagazin Spiegel vorliegen, waren sowohl die damalige Intendantin Monika Piel und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel als auch der heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn über einen der beiden Fälle informiert, die in den vergangenen Tagen öffentlich wurden. Der Stern und das Rechercheteam Correctiv hatten Vorwürfe zu Tage gefördert, die einen inzwischen freigestellten Korrespondenten und weiteren Mitarbeiter schwer belasten.

Wie der Spiegel nun berichtet, beförderte Schönenborn im Jahr 2012, damals Chefredakteur, einen der beschuldigten Journalisten - obwohl er von den Vorwürfen gegen ihn wusste. Schönenborn hatte offenbar einen Bericht über sexuelle Belästigung gelesen. Die Personalrätin, die zu den Vorwürfen gegen den Redakteur recherchiert hatte, stellt darin fest, dass es in der Auslandsredaktion "Vorkommnisse gab und noch gibt, die die jeweiligen Grenzen von Kolleginnen überschritten und verletzt haben, und somit als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bewertet werden könnten".

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Der WDR teilt mit, die "damals Verantwortlichen" seien "den betreffenden anonymen Hinweisen intensiv und sorgfältig nachgegangen". Die "Anschuldigungen" hätten sich "weder entkräften noch belegen" lassen. Als Chefredakteur hätte Schönenborn die Ergebnisse dieser Untersuchung gekannt und sich mit der zuständigen Abteilungsleiterin Tina Hassel ausgetauscht. Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios sieht "damals wie heute [...] keine verwendbaren Erkenntnisse, die gerechtfertigt hätten, dass ich gegen den Kollegen konkrete Maßnahmen ergreife. Die Sache blieb immer im Ungefähren, was für mich als Vorgesetzte bis heute unbefriedigend ist."

Laut Spiegel war es ebenfalls Schönenborn, der den zweiten der sexuellen Belästigung beschuldigten WDR-Mitarbeiter auf begehrte Korrespondentenstellen schickte. Auch in diesem Fall sollen Schönenborn Gerüchte über sexuelle Belästigung aus den Neunzigerjahren bekannt gewesen sein. Der WDR sagt gegenüber dem Spiegel, diese seien "in der Chefredaktion unter Jörg Schönenborn seit 2002 intensiv und ohne Ergebnis geprüft worden". Trotzdem wurde der Beschuldigte in zwei Auslandsstudios entsandt.

Schönenborn selbst verteidigt sein Verhalten: "Ich habe damals Personalentscheidungen auf der Grundlage der mir vorliegenden Fakten getroffen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich die Informationen, die uns heute vorliegen, schon damals gehabt hätte. Denn mit dem Wissen von heute hätte man damals andere Entscheidungen getroffen."

Der WDR hat eine externe Anwaltskanzlei beauftragt, bei der Aufklärung der Vorwürfe sexueller Belästigung innerhalb der Anstalt mitzuwirken.

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