Amazon Studios Der Chefsessel bleibt leer. Wem könnte das nutzen?

Transparent ist Amazons Vorzeigeserie – nach Belästigungsvorwürfen gegen Jeffrey Tambor (li.) steht sie nun womöglich ohne Hauptdarsteller da.

(Foto: Beth Dubber)

Seit Monaten sucht Amazons Produktionsfirma nach einer Leiterin - ausgerechnet jetzt, da in der Branche heftige Verteilungskämpfe ausgetragen werden. Womöglich steckt eine Strategie dahinter.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt noch immer keinen Nachfolger für Roy Price. Solche Nicht-Meldungen sind normalerweise so prickelnd wie seit vier Wochen geöffneter Prosecco, in diesem Fall allerdings ist sie tatsächlich spannend. Price war Chef der Produktionsfirma Amazon Studios, er musste vor zwei Monaten nach Vorwürfen wegen sexueller Nötigung zurücktreten - und in Hollywood raunten sich die Leute zu, dass die Verantwortlichen beim Mutterkonzern Amazon gar nicht mal so unglücklich über diesen Rücktritt waren: Ein schlimmer Skandal, gewiss, aber auch die gar nicht mal so ungelegene Möglichkeit zu einem Neubeginn, sehr wahrscheinlich mit einer Frau an der Spitze. Das Scheitern als Chance, warum denn nicht?

"Big Little Lies" wollte der Konzern nicht haben - bei HBO war die Serie ein Riesenerfolg

Die Leute hatten schon lange vor dem Skandal über das wundersame Gespür von Price für fiktive Formate gelästert, der Erfolg riechen konnte - und dann zielsicher in die entgegengesetzte Richtung lief. Das Drama Big Little Lies mit Nicole Kidman und Reese Witherspoon als Produzentinnen und Hauptdarstellerinnen etwa soll er aufgrund mangelnder Aussicht auf nackte Haut abgelehnt haben. Er soll bei einem Meeting gefragt haben, ob die Stars denn "ihre Titten zeigen" würden - und dann abgewunken haben, als die Leute im Raum erschüttert und angewidert die Köpfe schüttelten. Die Serie wurde beim Pay-TV-Sender HBO ein gigantischer Erfolg, bei den Emmy Awards in diesem Jahr mit acht Trophäen ausgezeichnet und kürzlich um eine zweite Staffel verlängert.

Es läuft nicht so recht bei den Amazon Studios - und es heißt, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos über diese Entwicklung nicht erfreut ist, im Gegenteil: Bezos hasst Misserfolg ungefähr so, wie ein Sommelier seit vier Wochen geöffneten Schaumwein verabscheut. Er ist daran gewöhnt, dass die Fangarme seines krakenhaften Konzerns die Mitbewerber einer Branche vereinnahmen oder erdrücken und sich dann eine Art Monopol erarbeiten. Das Amazon-Studios-Tentakel allerdings hat bislang derart wild um sich geschlagen, dass es sich in sich selbst verknotet hat.

Vorbei mit dem Punkrock

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Bezos fordert von seinem Studio seit Jahren ein popkulturelles Phänomen, wie es HBO mit Game of Thrones gelungen ist oder Netflix mit House of Cards. Der größte Amazon-Studios-Hit bislang, das Gender-Drama Transparent, wird gerade ebenfalls von einem Skandal um sexuelle Nötigung geplagt. Nach mehreren Vorwürfen gegen Hauptdarsteller Jeffrey Tambor solle die fünfte Staffel ohne ihn auskommen, heißt es - auch wenn ein Sprecher von Tambor der New York Times kürzlich sagte, dass die Entscheidung noch nicht gefallen sei.

"Das Unternehmen hat sich in den vergangenen drei Jahren gewaltig gewandelt, die Unterhaltungsbranche sowieso", sagt ein Amazon-Mitarbeiter, der mit der Suche nach der Price-Nachfolgerin vertraut ist. Die Personalie müsse passen, inhaltlich wie menschlich: "Die neue Chefin oder der neue Chef muss die DNA des Konzern verinnerlichen, aber auch die gravierenden Veränderungen in der Branche reflektieren." Als Kandidatinnen gelten Dana Walden (Chefin der Fox TV Group), Susanne Daniels (Programmchefin bei Youtube), Amy Powell (Präsidentin bei Paramount TV), Jennifer Walke (Unterhaltungschefin bei NBC) und Amy Pascal (einst Chefin von Sony Pictures) - es heißt jedoch aus dem Umfeld von Amazon, dass sich das Unternehmen, ohnehin bekannt für unerhört gewissenhafte Auswahlprozesse, noch immer in der Sondierungsphase befindet und mehrere Wochen von einer endgültigen Entscheidung entfernt ist. Derzeit führt Chief Operating Officer Albert Cheng die Geschäfte, Sharon Tal Yguado kümmert sich ums Programm.

Disney ist durch den Zukauf von 21st Century Fox als Konkurrent noch mächtiger geworden

Das klingt problematisch, weil im Haifischbecken der Unterhaltungsbranche gerade heftige Kämpfe ausgetragen werden und ein kopfloser Krake nicht gerade furchterregend daherkommt. Es gibt ja nicht nur die Streaming-Konkurrenten Netflix und das in Europa eher unbekannte Hulu, es gibt nicht nur die Online-Angebote der Bezahlsender HBO und Showtime - die Silicon-Valley-Platzhirsche Apple, Facebook und Alphabet sind ebenfalls in dieses Becken gehechtet, die traditionellen TV-Sender sowieso. Erste Auswirkungen: Der Google-Mutterkonzern Alphabet hat vor ein paar Tagen verkündet, seine Youtube-App nicht mehr für Amazons Fernseh-Stick Fire TV auszuspielen - ein Frontalangriff und eine Reaktion darauf, dass Amazon sich weigert, die Alphabet-Produkte Chromecast oder Nest zu verkaufen.

In der vergangenen Woche wurde außerdem verkündet, dass Disney große Teile des Konkurrenten 21st Century Fox übernehmen wird. Disney möchte einen eigenen Streamingservice einführen für seine Inhalte wie etwa das Superhelden-Universum Marvel oder die Trickfilme von Pixar, dem Unternehmen gehört zudem der Sportsender ESPN. Durch den Zukauf bekommt der Konzern auch den Sender FX (The Americans und American Horror Story), vor allem aber auch Anteile am Streamingportal Hulu. Damit entsteht dort ein gefährlicher und gefräßiger Hai.

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Amazon muss kontern, und eine der spektakuläreren Nachrichten der vergangenen Wochen war der Twitter-Eintrag von Jeff Bezos, dass Amazon Prime nach Mittelerde aufgebrochen sei. Das Unternehmen hat sich die TV-Rechte für The Lord of the Rings gesichert, will nun eine aufwendige Serie produzieren und hat bereits verkündet, dass weitere Produktionen aus diesem Universum möglich seien.

Bezos möchte einen Welthit produzieren, eine kulturell und gesellschaftlich relevante Serie, das nächste große Ding der Unterhaltungsbranche. Das könnte The Lord of the Rings sein. Man kann diesen Zukauf aber auch in einem anderen, womöglich viel größeren Zusammenhang betrachten: Was passiert eigentlich, wenn sich Amazon mit seinem Verlag Kindle Direct Publishing die Rechte an zahlreichen faszinierenden Geschichten sichert, über einen Algorithmus auf die Verfilmbarkeit überprüft, mit Amazon Studios produziert und über Amazon Video vertreibt? Wenn Jeff Bezos gar nicht plant, die Unterhaltungsbranche mit einem Tentakel zu erobern, sondern gleich mehrere Fangarme darauf angesetzt hat - und nur auf den richtigen Zeitpunkt für den Angriff wartet?

Sie lassen sich gerade unerhört viel Zeit bei Amazon Studios mit der Suche nach einer Nachfolgerin für Roy Price. Man kann das abtun als gewissenhaften Prozess. Man kann aber auch daraus schließen, dass Bezos die Unterhaltungsbranche nicht als Haifischbecken sieht, sondern als Schachbrett. Er hat zahlreiche Figuren bestens positioniert - nun braucht er den richtigen Turm auf einem bedeutsamen Feld. Diese Personalie, sie muss passen, inhaltlich ebenso wie menschlich, um alles mit allem zu verbinden.

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