TV-Serie "House of Cards" Tage des Verrats

Mr. und Mrs. Macbeth: Kevin Spacey und Robin Wright intrigieren in Washington.

(Foto: Sony Pictures Television Inc.)

Kevin Spacey gibt den bösen Marionettenspieler mit umwerfendem Charme: "House of Cards" zeigt das politische Washington in der Tradition Shakespeare'scher Königsdramen. Der Streaming-Provider Netflix versucht sich damit erstmals an einer Originalproduktion - und an einem neuen Serien-Modell.

Von Fritz Göttler

Wo ist die Wut, fragt die Frau den Mann. Der hätte allen Grund für einen Wutausbruch, er ist gerade böse ausgetrickst worden. Er hat seiner Partei, den Demokraten, einen erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf organisiert, aber nun wird ihm der versprochene Posten des Außenministers verweigert. Wir brauchen Sie einfach noch im Kongress, Frank, sagt die neue Stabschefin im Weißen Haus.

Frank Underwood kennt das Politmilieu in Washington so gut wie kein anderer, die Politiker, Lobbyisten, Beamten, Journalisten, die dort zu einer eigenen gesellschaftlichen Klasse verschmolzen sind. Wut nützt nichts, das weiß er, also wird er fortan all seine genialen Fähigkeiten darauf verwenden, das Spiel der anderen zu sabotieren, ihr Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.

House of Cards ist ein Remake der britischen BBC-Serie von 1990, nach einem Roman von Michael Dobbs. Die Tradition der Shakespeare'schen Königsdramen scheint auch in der amerikanischen Bearbeitung durch, die Beau Willimon machte. Auf einem Stück von ihm basierte George Clooneys Film The Ides of March, Willimon hat auch am Drehbuch mitgeschrieben. Der britische Francis war Mitglied der konservativen Partei, aber die Situation war damals in London, nach dem Ende der Thatcher-Zeit, ähnlich wie nun in Washington: der Versuch, nach dem Zusammenbruch einer morbiden, porösen Ordnung die Vision einer neuen Gesellschaft zu entwickeln, eine andere, flexiblere Politik.

Schamlos abgekupfert vom Über-Präsidenten Amerikas

Der Streaming Provider Netflix versucht sich mit House of Cards erstmals an einer Originalproduktion - und an einem neuen Serien-Modell. Ab diesem Freitag sind auf Netflix alle dreizehn Folgen der ersten Staffel im Angebot, betreut von David Fincher (Fight Club, Social Network, Verblendung), die ersten beiden Folgen hat er auch selbst inszeniert. Der Zuschauer kann seinen eignen Rhythmus finden, in dem er die Geschichte sehen mag. Bei uns vertraut der Bezahlsender Sky auf die alte Serienroutine, jeden Montag eine Folge.

Franks Pose, mit der für die Serie geworben wird, ist schamlos abgekupfert vom Über-Präsidenten Amerikas, den Steven Spielberg gerade in einem Biopic noch einmal mythisiert. Kevin Spacey ist Frank, ein Machiavelli in Washington, der mit mathematischer Präzision seine Schachzüge plant. Der Außenminister wird politisch die zweite Folge nicht überleben. Auch die Presse ist mit im Spiel, eine junge ehrgeizige Reporterin, Kate Mara, tut sich mit Frank zusammen und wird von ihm mit Insider-Informationen gezielt versorgt. Ziemlich unkorrekt lässt sie beim ersten Meeting mit ihm ihre Brüste halb aus dem Hemd hängen, pragmatischer Sexismus. Ansonsten bleibt den Leuten bei ihrem Blatt eh nur die Rolle der nützlichen Idioten.

Funktionäre statt Idealisten

Frank, der Kongressabgeordnete aus South Carolina, ist ein klassischer amerikanischer Archetyp, ein Schlangenölverkäufer, a southern smoothie, sagt David Fincher. Seine Methoden sind simpel schmutzig - hinhalten, falsche Versprechungen machen, erpressen -, aber Kevin Spaceys Charme ist einfach umwerfend. Man muss bis ganz nach unten gehen, an die grass roots. Ich hätte nie gedacht, staunt Fincher, wie weit diese grass roots in den Marmorpalast hineinreichen. Robin Wright ist Spacey absolut ebenbürtig als seine Gattin, sie leitet eine Upperclass-Umwelt-Organisation - und muss diese nun leider umschmieden und altgediente Leute ersetzen - Funktionäre statt Idealisten. Der einzige Unterschied zwischen Mr. und Mrs. Macbeth: Sie sieht man beim Joggen, er lässt sich von ihr zum Heimrudern verdonnern.

Nein, keine Wut. Kühl filmt Fincher all diese Leute, die in Räumen sich bewegen, in denen sie nicht heimisch sind, die sie aber auch nicht mehr erschließen oder erobern müssen. Sodass hinter all der eisigen Diskretion plötzlich ein perverses Potenzial zu ahnen ist. Ein wenig vermisst man doch die Leidenschaftlichkeit von Otto Premingers Über-Politmelodram Advise and Consent, 1962, und seinen Sturm über Washington. House of Cards ist ein Lehrbuch in politischer Intrige, immer wieder wendet Frank den Kopf in die Kamera und kommentiert uns, den Zuschauern, direkt das Geschehen. Winkt in der Menge bei der Vereidigung des Präsidenten uns verstohlen zu - versteckte Kamera auf allerhöchstem Niveau.

Aber Franks Gegenspieler sind erst einmal viel zu schwach. Der Marionettenspieler zieht seine Fäden, die Figuren zappeln hilflos. Ganz am Anfang zeigt er sogar einmal Mitleid. Da erlöst er ein Wesen, dem nicht mehr zu helfen ist, von seinen Qualen.

House of Cards, Sky Atlantic HD, montags, 21 Uhr.