TV-Kritik zu "Hart aber fair" Was ist geil an Böllern?

Bengalische Feuer gibt es im Internet für 1,25 Euro das Stück. Wer wissen wollte, wie man sie am besten ins Stadion schmuggelt, war am Montagabend bei Frank Plasberg genau richtig. Wer eine differenzierte Debatte über Gewalt im Stadion erwartete, leider nicht.

Eine TV-Kritik von Thierry Backes

Johannes B. Kerner hatte da so eine Idee. Für den Fall, dass man ihm nicht glauben will, dass Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien wirklich gefährlich ist. Und so kommt es, dass der Champions-League-Moderator aus Frank Plasbergs Hart aber fair-Studio verschwindet und - von den Kameras begleitet - auf dem Hof dahinter wieder auftaucht: mit einem bengalischen Feuer in der Hand.

Ganz Wissenschaftler hält Kerner die angezündete Fackel an eine Puppe und doziert: "Drei ... vier ... fünf Sekunden, schon steht das Kind in Flammen." Um dann, wieder ganz Mensch, kopfschüttelnd hinzuzufügen: "Wer bei der Ansicht dieser Bilder immer noch denkt, das sei stimmungsvoll, dem kann man nicht mehr helfen."

Kerners Experiment ist effekthascherisch, keine Frage, sorgt aber wenigstens für etwas Abwechslung in einer sonst bemerkenswert einseitigen Sendung zum Thema "Gewaltige Leidenschaft - wer schützt den Fußball vor seinen Fans?". Dabei hätte man über die Entscheidung des DFB-Sportgerichts, das skandalträchtige Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin nicht wiederholen zu lassen, vortrefflich streiten können. Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte die Partie heute vor einer Woche dreimal unterbrechen müssen: Zweimal, weil Feuerwerkskörper vornehmlich aus dem Berliner Block aufs Feld flogen, und einmal, weil Hunderte Düsseldorfer Fans den Platz kurz vor Schluss im Siegesrausch stürmten.

Frank Plasberg schneidet das Thema Wiederholungsspiel zwar kurz an, mehr aber auch nicht. Er lenkt die Diskussion lieber auf die "neue Qualität der Gewalt" in deutschen Fußballstadien, die Kerner diagnostiziert haben will - und damit in vertraute Bahnen. Frank Richter, der stellvertretende Chef der Gewerkschaft der Polizei, spricht von mehr als 12.000 gewaltbereiten Fans, "die den Fußball kaputtmachen", sucht die Schuld für Eskalationen aber auch bei den Vereinen, die man "in puncto Sicherheit" erst einmal "auf den Stand einer Profiliga" bringen müsse. Die Vereine seien gerade den Ultras gegenüber, unter die sich gewaltbereite Fans mischen würden, viel zu tolerant.

Mit Liebesentzug gegen Ausschreitungen?

Der Präsident der Deutschen Fußball Liga, Reinhard Rauball, setzt dem nicht viel entgegen. Er plant eine Konferenz der Klub-Präsidenten der ersten, zweiten und dritten Liga, die noch im Sommer einen "Katalog" erarbeiten sollen, den auch die Mannschaften mittragen. Eine Idee: Gibt es Ausschreitungen, sollen die Spieler sich nach dem Spiel nicht wie üblich bei den Fans in der Kurve bedanken. Ob ein "Liebesentzug" so wirksam ist, wie er sich erhofft?

Die Diskussion wird recht bald sehr monoton. Warum? Weil man sich in der Runde meist schnell einig ist: Pyrotechnik gehört nicht ins Stadion, Chaoten sowieso nicht, und reine Sitzplatzstadien wie in England soll es nicht geben, das zumindest verspricht Rauball.

Dass so wenig debattiert wird, muss Frank Plasberg sich ankreiden lassen. Er hat sich diesmal einfach nicht die profiliertesten Gäste eingeladen - zumindest auf Seiten der Fans. Da sitzt Katja Winkelmann, die zwar authentisch wirkt, weil sie als Anhängerin von Borussia Dortmund seit 1978 mit ihrem Mann "auf der Süd" steht (gemeint ist die oft gewaltige Dortmunder Fan-Wand im Stadion) und nun mit Trikot und Fan-Schal in der Sendung hockt, die aber nicht mehr viel zur aktuellen Debatte beizutragen hat als Plattitüden wie "Emotionen kann man nicht einzäunen".

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