TV-Kritik: Maybrit Illner Welcher Kommunismus darf's denn sein, Frau Lötzsch?

Maybrit Illner will die Wege zum Kommunismus ergründen - keine leichte Aufgabe. Die Antworten ihrer Gäste liegen irgendwo zwischen "Revolution" und "Kasperltheater".

Eine kleine Nachtkritik von Lena Jakat

Vor zehn Tagen rief Gesine Lötzsch zum großen Orientierungslauf auf: Die Vorsitzende der Linkspartei packte bildlich gesprochen allen linken Pfadfindern der Republik ein bisschen Rosa Luxemburg in die Brotdose und ließ sie ausschwärmen, um den Weg zum Kommunismus zu suchen. Wie genau der allerdings aussehen soll, fragen sich seither nicht nur die, die an der programmatischen Schnitzeljagd mitmachen. Soll es die Revolution sein - komplett mit Enteignung, Unterdrückung, Überwachung? Oder doch nur demokratische Reformen, die zu weniger Superreichen und Bettelarmen führen?

Keine leichte Aufgabe, dem Wesen des Kommunismus auf den Grund zu gehen - von Lenin bis Lötzsch. Doch Talkerin Maybrit Illner hatte sich vorgenommen, mehr Klarheit in die seit Tagen schwelende Debatte zu bringen, die die Ko-Vorsitzende der Linkspartei mit ihrem umstrittenen Artikel in der Jungen Welt unter dem Titel "Wege zum Kommunismus" ausgelöst hatte. Illner also fragte: "Welchen Kommunismus hätten Sie denn gern, Frau Lötzsch?" Die Antwort allein blieb zwar so unklar, dass Lötzsch ihre Pfadfinder vermutlich bis in alle Ewigkeit zum Herumirren verdammt hätte, aber Illner hatte ja noch andere Gäste eingeladen. So klappte es dann recht gut mit der Orientierung.

Zwischen Rot, Grün und Schwarz, zwischen Utopie und Pragmatismus entspann sich eine ansehnliche Diskussion, die - was im Talkshowgerausche Seltenheitswert besitzt - ihren Namen verdient hatte. Auch wenn die Diskussion zeitweise soweit in theoretische Sphären abglitt, dass sie ein wenig über die Gemütlichkeit des Bildungsbürgerprogramms hinausschoss.

Illners Gäste rieben sich hauptsächlich an einer Frage, nicht neu und doch noch immer spannend: Ist der Kommunismus böse, oder haben ihn Stalin und die anderen zu etwas Bösem gemacht?

Gesine Courage

Auf der einen Seite waren da Gesine Lötzsch und Claus Peymann. Der Intendant des Berliner Ensembles nahm die Linksparteichefin so vehement vor dem "Verhör" Illners in Schutz, dass man den Eindruck gewinnen konnte, er wolle sie am liebsten sofort und anstelle von Carmen-Maja Antoni als Mutter Courage auf seine Bühne stellen. Neben dem unvermeidlichen Brecht bemühte Peymann reichlich Polemik: Ebenso wie die Idee des Christentums die "Hexen-KZs" der Inquisition überdauert habe, könne der "Spießbürgersozialismus der DDR" den Grundgedanken des Kommunismus nicht kaputtmachen, donnerte der Theatermann, zwar lässig in seinem Sessel versunken, den Zeigefinger jedoch stets gestreckt und erhoben.

Sein Kontrahent, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, bevorzugte das Okay-Zeichen der Tauchersprache, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen: Daumen und Zeigefinger zum Kreis geformt, die anderen Finger vornehm abgespreizt. "Mich regt diese Romantisierung auf, die Sie hier betreiben", schimpfte Dobrindt. "Es ist zynisch, pervers, eine solche Meinung zu vertreten." Bekanntlich würde Dobrindt die Linkspartei zumindest flächendeckend überwachen, am liebsten aber gleich ganz verbieten lassen.

Leisere, aber schlagfertigere Unterstützung bekam Dobrindt von Werner Schulz, dem früheren Bürgerrechtler und Europapolitiker der Grünen. "Die Gewaltfrage spielte im Kommunismus von Anfang an eine große Rolle", argumentierte Schulz. "Man versucht, Menschen mit Gewalt zu einer besseren Welt zu bringen, aber sie war eine schlechtere Welt." Lötzsch warf er vor, die "gefährliche Illusion" zu nähren, dass es heute noch einen Weg zum Kommunismus gebe. "Alle Wege, die bisher ausprobiert wurden, haben zu Millionen Toten geführt."

Salomonische Spitzen

Zwischen alldem ruhten die Fingerspitzen von Klaus von Dohnanyi fest aufeinander. Der besonnene SPD-Mann war nicht nur zuständig für die weisen Worte aus dem Lager der Antikommunisten ("Man kann die Menschen nicht zu ihrem eigenen Glück vergewaltigen"). Der 82-Jährige streute hie und da auch ein salomonisches Urteil ein: "Wir alle wollen eine gerechtere Welt, aber wir wollen keine Diktaturen." Oder: "Jede Welt, die die Menschen machen, wird unvollkommen sein." Oder: "Wer Menschen eine vollkommene Welt verspricht, der täuscht sie."

Immer wieder blitzten im belesenen Austausch Spitzen auf, und auch dafür war Dohnanyi zuständig: Auf Lötzschs Forderung, der Staat müsse dafür sorgen, dass alle zu vernünftigen Konditionen wohnen können, konterte er: "Wohnt man nicht in Ost und West heute besser als früher in der DDR?" Als Theatermann Peymann auf Dohnanyis Vorwurf, er übertreibe es mit seiner zur Schau gestellten Naivität, antwortete, man müsse die Kindheit in der Tasche tragen, war Dohnanyis Replik: "Das Kind in der Tasche ja, aber nicht im Kopf!" Gelächter im Publikum, Lächeln bei Peymann.

Zwischen den rhetorischen Spielereien und demokratietheoretischen Debatten gelang es - wie all den Sit-ins und Fachtagungen vor ihr - auch dieser Runde nicht, die Frage nach dem Wesen des Kommunismus abschließend zu klären. Aber das macht ja auch nichts.

Offen blieb auch, warum Lötzsch überhaupt diese alte Frage in ihre neue Programmdebatte geholt hat. War es ein Anstoß, um über eine gerechtere Gesellschaft zu reden (Lötzsch selbst)? Politisches Kalkül, um am linken Rand aus dem Umfragetief zu kommen (Dobrindt)? Oder plant sie doch schon "übermorgen die Revolution" (Illners Dobrindt-Interpretation)?

Es war der Mann mit dem Kind in der Tasche, der in bewährter Polemik die Debatte von toten Denkern und eingebildeten Gespenstern zurück auf den Boden holte: "Dieser Kasperlverein von den Linken ist jetzt auch nicht so ernst zu nehmen", sagte Peymann. "Und die paar Kommunisten, die da vielleicht noch rumlaufen ..."

Kasperltheater - vielleicht in der Tat eine empfehlenswerte Alternative für Lötzschs Pfadfinder, bevor sie sich noch gänzlich verirren. Sie sollten schleunigst damit anfangen, zu üben: Im Wahlkampf warten viele Bühnen.