TV-Kritik: Letzter Sonntags-Talk von Anne Will "Diesen Wahnsinn müssen wir aufhalten"

Dieser Meinung war auch Jürgen Todenhöfer, der am eigenen Leib miterlebt hat, wie gefährlich europäische Waffen in Krisengebieten werden können: Der 70-jährige ehemalige CDU-Politiker und jetzige Autor war im März 2011 während der Revolution gegen Gaddafi in Libyen nur knapp einem Raketenangriff entkommen - sein Fahrer war dabei ums Leben gekommen. In der Sendung wurden Aufnahmen des Angriffs gezeigt - und Todenhöfer betonte, in Libyen Panzer gesehen zu haben, die aus Italien stammten.

"Diesen Wahnsinn müssen wir aufhalten", so Todenhöfer, denn auch die deutschen Panzer würden in Saudi-Arabien "mit Sicherheit gegen die Bevölkerung eingesetzt, so wie bei Gaddafi." Mit einer vermeintlichen Stabilisierungsstrategie im Nahen Osten sei man "immer auf die Nase gefallen. Das berühmteste Beispiel ist Saddam Hussein." Deutschland müsse sich nun vielmehr darauf konzentrieren, den Arabischen Frühling zu unterstützen. Er selbst habe mit Jugendlichen auf dem Tahrir-Platz in Ägypten zusammengesessen und prophezeie, dass es in der arabischen Welt in ein paar Jahren nur noch Demokratien gebe - weil die Jugend fest daran glaube.

"Ach, Kinder, ihr seid alle simpel!"

Das sorgte nicht nur bei Arnulf Baring für höchste Verärgerung ("Ach, Kinder, ihr seid alle simpel!"), sondern auch beim innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU, Hans-Peter Uhl, 66: Saudi-Arabien sei dem Westen "in allen Fragen" immer ein verlässlicher Partner gewesen - und die nun geführte Debatte über etwaige Panzerlieferungen sei ein "Hochamt der Heuchelei, hysterisch inszeniert". Die Diskussion im Bundestag darüber sei in hohem Maße unfair. "Denn was das Verfahren anlangt, haben wir nichts anderes gemacht als das, was Rot-Grün sieben Jahre lang gemacht hat."

Damit meinte er zum einen Waffenlieferungen unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und zum anderen die Geheimhaltung, unter der solche Verhandlungen sonst geführt würden. Normalerweise tauchen Waffenlieferungen Deutschlands erst im Nachhinein im Rüstungsexportbericht auf - diesmal hatte der Spiegel vergangene Woche vorab von dem Vorhaben berichtet.

Was die Menschenrechts-Sprecherin der Grünen im Europäischen Parlament, Barbara Lochbihler, in der Sendung dazu veranlasste, zu fordern, dass dieser Bericht nicht mehr nur einmal, sondern, wie in Großbritannien, viermal im Jahr veröffentlicht werden solle, um die Öffentlichkeit besser über die Waffengeschäfte der Regierung zu informieren. Denn: "Was wir immer wieder machen, ist, dass man versucht, Potentaten für sich zu gewinnen, indem man sie als Stabilitätsgaranten unterstützt, und dass die dann immer aus dem Ruder laufen. Und dann sind wir gezwungen, wie etwa in Libyen, schnell zu entscheiden, ob wir in einen Krieg hinein wollen oder nicht."

Die 52-jährige Menschenrechtsexpertin und langjährige Chefin der deutschen Sektion von Amnesty International bekam an diesem Abend den größten Publikumsapplaus - unter anderem dafür, dass Lochbihler CSU-Mann Uhl vorwarf, dem Münchner Waffenhersteller Krauss-Maffei Wegmann aus seinem Wahlkreis nach dem Munde zu reden.

Angesichts des Schweigens der Kanzlerin zu diesem Thema war Anne Wills letzte Sonntagssendung einem wichtigen Thema gewidmet, dem sie einigermaßen gerecht wurde, hatte interessante Gäste und erhellende Momente und war in ihrer Gereiztheit sogar unterhaltsam. Die Moderatorin dürfte zufrieden sein mit ihrer letzten Vorstellung.

Ihren Abschied thematisierte Anne Will erst ganz zum Schluss, wies nur kurz auf die neue Sendung am Mittwoch, 31. August, 22:45 Uhr, hin, von der sie in Interviews vorab berichtet hatte, sie werde länger dauern (75 Minuten) und mehr Möglichkeit zu tiefer gehenden Gesprächen bieten. Ihren Nachfolger Günther Jauch indes, für den sie nun erst einmal den Platz räumen muss, erwähnte sie mit keinem Wort. Es heißt, seine Sendung, die am 11. September startet, sei 40 Prozent teurer als die jetzige - unter anderem wegen seines Honorars.