Eine kleine Nachtkritik. Von Franziska Seng

Schwesternküsse, Schlafzimmerblick und spätrömische Zustände: Das ist Germany's Next Topmodel. Ein Länderbericht aus Heidiland 2010.

"Afghanistan ist nicht Heidiland", meinte kürzlich der CDU-Abgeordnete Armin Schuster vor dem Bundestag klarstellen zu müssen. Das ist, zumindest für eingefleischte Pro-Sieben-Zuschauer, eine überflüssige Information. Denn es gibt - zum Glück - wenige Szenarien, die im Heidiland von Germany's next Topmodel (GNT) weniger vorstellbar wären als posende Mädels in Burkas.

Gernanys Next Topmodel, Foto: Pro Sieben

Neue Staffel, neue Jury - nur die Diva bleibt die gleiche: Heidi Klum. Sie ist die Sonnengöttin in Heidiland. (© Foto: ProSieben)

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Trotzdem stellt das junge, erst fünf Staffeln alte Machtgebilde made by Heidi Klum eine nicht zu unterschätzende Bedrohung dar. Scharen junger, zum Teil gut ausgebildeter und des Deutschen mächtiger Nachwuchskräfte wandern ab, pilgern an die Pforten Heidilands. Über 2000 Mädels mit dem Lebensziel "Topmodel" waren am Donnerstagabend auf Pro Sieben zu sehen, die um Einlass in die glamouröse Glamourwelt kämpften - so viele wie nie zuvor bei einem GNT-Casting.

Die Mädels fühlen sich angesprochen von den Lehren der Model-Mama. Sie predigt Sekundärtugenden (Disziplin! Professionalität! Mehr Leistung!), mit denen man auch 30 Schlecker-Filialen leiten könnte.

In den vagen Heilsversprechen der Model-Mama (Fashion Week, Editorial Posing, Versandhauskatalog) sehen sie eine Alternative zum drögen Ernährungswissenschaftenstudium oder dem Job bei Schlecker, sodass sie Heimat, Freunden und Familie den Rücken kehren.

In Regierungskreisen ist das Problem erkannt, die weitere Vorgehensweise jedoch strittig. Mehrere Strategien - diplomatische Verhandlungen forcieren, humanitäre Zwangsernährung einleiten (Roger Willemsen würde sechs Sorten Torte spenden) oder gewaltsam einmarschieren - stehen zur Debatte. Um in der Zukunft kein Desaster zu provozieren, wurde von Experten ein "Länderbericht Heidiland" erstellt, der sueddeutsche.de vorliegt und aus dem wir hier erstmalig Auszüge veröffentlichen.

Länderbericht Heidiland

(...)

Hauptstädte: Los Angeles - Bergisch Gladbach - New York

Staatsform: Pseudo-Matriarchat. Forschungskreise glauben unter dem Deckmantel der Alma-Model-Mater Züge einer rigiden Militärdiktatur zu erahnen: Eine Fachzeitschrift identifizierte die Staatsgründerin als "kaltschnäuzige Scharführerin" und verlieh ihr den Titel "Pascha des Monats" (siehe EMMA - Das politische Magazin von Frauen. Jg. 22, Heft 3/2009.).

Regierungsform: Erinnert an die römische Kaiserzeit. Der Autokratin und Kaiserin sind - pro forma - zwei hochdekorierte Konsuln beigestellt, zwischen denen sie als prima inter pares erscheint. Die Konsuln wirken/sind professionell und/oder sehen gut aus, sind jedoch den Urteilen der Kaiserin gegenüber machtlos. Wie ihre antiken Vorgänger, die zum Amtsantritt Gladiatorenkämpfe, Seeschlachten oder Wagenrennen auszurichten hatten, werden die Konsuln mit öffentlichkeitswirksamen Aufgaben betraut: Sie organisieren Challenges wie Wet-Bikini- und Unterwasser-Shootings oder Begegungen mit exotischen und/oder ekligen Tieren (Krokodil, Vogelspinne, Elefant). Außerdem rapportieren sie der Kaiserin, falls sie nicht im Lande ist.

Die Amtszeit der Konsuln obliegt Heidis Gutdünken. In dieser Staffel lösen Fashion-Fotograf Kristian Schuller und Marketing-Experte Qualid "Q" Ladraa den Booker Peyman Amin und Casting-Direktor Rolf Schneider ab, wodurch sich die Jury deutlich verjüngt. Kristian Schuller ist ein ambitionierter Fotograf, der zunächst "rein intellektuell" Bedenken an einer Mitarbeit bei GNT 2010 geäußert hatte. Nun hat er es sich zur Aufgabe gemacht, dem drohenden Brain-Drain der Show entgegenzusteuern. Ob allein seine giganteske Ironie-Brille den gewünschten Effekt, das Eindringen von GNT in Berliner Ironie-Salons haben wird, bleibt abzuwarten.

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