TV-Kritik: Anne Will Denn für Blödsinn sind sie da

Atomkatastrophe in Japan, Krieg in Libyen - kein Grund für Anne Will und ihre Talkgäste, näher auf die dramatischen Ereignisse der vergangenen Woche einzugehen. Stattdessen im Gespräch: Angela Merkels Psyche und das Rumpelstilzchen.

Eine Nachtkritik von Tanjev Schultz

Die Katastrophe in Japan reicht Anne Will natürlich nicht, sie will auch noch über den Krieg in Libyen reden und "die Themen ein bisschen verbinden". Die intellektuelle Kraft oder wenigstens den moderierenden Willen dazu hat die ARD-Talkerin aber nicht, und so nimmt der Katastrophen-Talk seinen gewohnten Verlauf.

Erst mal darf jeder auf die Schnelle sagen, ob es nun gut oder schlecht war, dass die Bundesregierung sich im UN-Sicherheitsrat bei der Libyen-Resolution enthalten hat. Zeit-Journalist Theo Sommer sagt, das sei "schändlich" gewesen. Fernsehkollege Wolf von Lojewski findet es falsch, "aber nicht tragisch".

Wie auch immer, auf Libyen ist Anne Will ja ohnehin nicht vorbereitet. Also weiter auf der Krisenkarte der Welt. Von Libyen wird die restliche Sendung keine Rede mehr sein. Von Japan allerdings auch nicht wirklich.

Wolf von Lojewski tappt kurzzeitig auf dem weiten Feld kulturalistischer Welterklärungen herum und liefert ein paar Laien-Ferndiagnosen zur Mentalität des Asiaten ("Japan ist ein geheimnisvolles Land"). Aber letztlich kreist die Sendung nur um die deutsche Debattenseele.

Der Historiker Arnulf Baring sagt mit aufgeregter Quietsch-Stimme, er wundere sich über die aufgeregte Debatte in Deutschland. Wenn sich jemand aufregt, so ist es natürlich Baring selbst. Er sei "ziemlich empört", ruft er. Worüber eigentlich? Nicht so wichtig. Baring ist nicht glücklich über Angela Merkels abrupte Atomwende. Dagegen darf Hiltrud Schwetje - dem Publikum einst als "Hillu" Schröder bekannt - ihre Anti-Atom-Haltung bekennen und über die Energiekonzerne schimpfen. Ob Baring überhaupt mal in Tschernobyl gewesen sei? (Als ob man seine Meinung nur bilden könnte, wenn man die nicht zu sehende Strahlung dort nicht gesehen hat.)

Da konnte Baring auftrumpfen: Ja, er sei in Tschernobyl gewesen! Aber: "Das waren sowjetische Kraftwerke." Ach so.

Der Katastrophen-Talk muss weitergehen

Während sich Theo Sommer und der ökologisch bewegte Ex-Automanager Daniel Goeudevert halbwegs bemühen, ein paar Gedanken in die Runde zu streuen, gefällt sich Baring in seiner Rolle als vermeintlicher Provokateur. Er sei hier ja unter lauter Idealisten geraten, klagt er. Und er komme sich vor wie Rumpelstilzchen!

Zu Beginn hatte ihn Anne Will als "vielleicht letzten Konservativen Deutschlands" vorgestellt und damit lachhaft groß gemacht. Dabei ist Baring ja wirklich nur ein Rumpelstilzchen des Talkshow-Betriebs.

Und so ist, obwohl oder weil Politiker nicht anwesend sind, auch keine echte Auseinandersetzung möglich über die Frage, die Goeudevert aufgeworfen hat: Ob die Politik überhaupt bereit sei, politisch zu handeln? Ob sie es schaffen kann, die Energiewirtschaft in die richtige Richtung zu führen.

Ein Einspielfilm bringt die Runde für ein paar Momente zurück zu dem, worum es in Japan gerade geht: Ein Feuerwehrmann bereitet sich auf seinen Einsatz im Unglücks-AKW vor und sagt. "Ich will meine Arbeit gut machen. Aber um ehrlich zu sein: Ich habe Angst."

Dieser Satz müsste alle Schwatzköpfe zum Schweigen bringen. Aber zum Schweigen sind sie nicht gekommen.

Theo Sommer wenigstens sagt nachdenklich: "Ich möchte keine Technik, die nur durch Helden am Funktionieren gehalten werden kann." Doch würdevolles Innehalten lässt Anne Will nicht zu. Der Katastrophen-Talk muss weitergehen.

In seiner Erzählung Das Erbeben in Chili hat sich Heinrich von Kleist ausgemalt, wie eine Naturkatastrophe die Menschen für eine Weile zusammenrücken lässt und wie sie die Banalitäten hinter sich lassen, denen sie sonst verfallen: "Statt der nichtssagenden Unterhaltungen, zu welchen sonst die Welt an den Teetischen den Stoff hergegeben hatte, erzählte man jetzt Beispiele von ungeheurn Taten: Menschen, die man sonst in ihrer Gesellschaft wenig geachtet hatte, hatten Römergröße gezeigt."

Doch Anne Will begnügt sich an ihrem Teetisch unbeirrt mit kleinen Fragen und nichtssagenden Unterhaltungen. Die Teilnehmer psychologisierten wild herum, ob Angela Merkels Kurswechsel nun bloß ein Wahlkampf-Manöver ist oder das Ergebnis eines "Schocks der Erkenntnis". Daniel Goeudevert verstieg sich zu der These, die Kanzlerin sei immer schon im Herzen eine Atomkraftgegnerin gewesen: "Es kann sein, dass das Blödsinn ist. Aber dafür sind wir da."

Für Blödsinn ist die Runde da - dieser Schock der Selbsterkenntnis war schon fast das passende Schlusswort.

Aber zunächst musste Anne Will zu Caren Miosga von den Tagesthemen schalten und erfahren, dass die Tagesthemen über Libyen berichten werden. Ach ja, Libyen.

Und dann hat Anne Will noch mal kurz an Barings Rumpelstilzchen-Vergleich erinnert. Heiterkeit in der Runde.

Es war eine pietätlose Sendung.

Blick in die Zukunft

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