TV-Ereignis Olympia Trauerberichterstattung

Vorsicht, jetzt wird's traurig: Die ersten Wettkämpfe liefen für die deutschen Schwimmer nicht nach Plan, zum Desaster machten sie aber erst die ARD und das ZDF. Mit ihren Schalten aus London trübten sie die Olympiastimmung, bei Zuschauern und Athleten.

Von Saskia Aleythe

Computerspiele sind für Epileptiker gefährlich, deshalb erscheint vor dem bunt blinkenden Zeitvertreib stets ein Warnhinweis. Einen solchen hätte auch die Olympia-Berichterstattung vom Wochenende vertragen, allerdings mit Rücksicht auf leicht depressive Menschen. "Gucken Sie jetzt weg, wenn Sie schnell traurig werden", hätte da im ZDF und in der ARD angezeigt werden müssen oder ganz einfach: "Vorsicht, schlechte Stimmung."

Wie groß war die Vorfreude auf die Olympischen Spiele in London, das Highlight in jeder Sportlerkarriere. Eine pompöse Eröffnungsfeier läutete das Spektakel ein und dann, gleich am ersten Wetttkampftag, ging es auch für Deutschland richtig los: Im Schwimmen sollten sich deutsche Medaillenhoffnungen erfüllen, weswegen sich das ZDF ganz auf die Wettbewerbe im Aquatics Center konzentrierte.

Weltrekordhalter Paul Biedermann schwamm, erst ziemlich schnell, dann zu langsam und dann gar nicht mehr: Er schied aus im Vorlauf über 400 Meter Freistil und es schien, als hätte das ZDF schon zuvor ordentlich Sand angehäuft, um flugs eins zu erschaffen: Die öffentlich-rechtliche Insel der Trübseligkeit.

Spähen nach Tränen

"Paul, mit der Zeit sind Sie nicht ganz zufrieden, liegen wir da richtig?", fragte der ZDF-Reporter suggestiv. Biedermann bestätigte, sagte, dass er noch nicht wisse, was da schiefgelaufen sei. Die Ratlosigkeit sah man ihm an, bei seinem kurzen Statement blickte er an Kamera und Reporter vorbei, wohl fühlte er sich dort nicht. Das ZDF filmte das offensichtlich gern.

Biedermanns Ausscheiden war noch eine Funzel im Vergleich zu dem Flächenbrand, den das ZDF später präsentierte. Auch die Frauenstaffel über 4x100 Meter Freistil scheiterte im Vorlauf. "Wir sind alle ein bisschen ratlos", stieg der ZDF-Reporter in das Interview mit Britta Steffen und Co. ein. Die blieb gefasst, lediglich Kollegin Daniela Schreiber hatte etwas Mühe, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Kopf hoch, Mädchen, mochte man ihr vom Fernsehsessel aus zurufen, denn die Trauerarbeit des ZDF verlief mit der Holzhammermethode. Schlimmer noch: Es war die Suche nach Tränen, ganz nach dem Motto: Warum heult denn da keiner?

Michael Steinbrecher übte sich im Interview mit Lutz Buschkow, Leistungssport-Direktor des Deutschen Schwimmverbandes, in seiner ganz eigenen Disziplin: Wie oft muss man das Wort "Kopfproblem" sagen, um Buschkow und den deutschen Schwimmern ein eben solches einzureden? Mit Buschkow hatte Steinbrecher keinen leichten Gegner. Ein Debakel würde er das frühe Ausscheiden der Deutschen nicht nennen, sagte er und auch die Stimmung in der Mannschaft sei positiv. "Tatsächlich?", fragte Steinbrecher ungläubig und hakte noch einmal nach: "Auch die Schwimmer, die heute nicht im Becken waren, schleppen jetzt einen Rucksack mit schweren Steinen mit sich, wie kriegt man die dicken Steine da jetzt raus?" Buschkow antwortete freundlich: "Indem man nicht an die dicken Steine denkt."

Die Hoffnung, die Buschkow da andeutete, passte nicht ins Programm des ZDF. Und auch wenn da eine Chinesin den Weltrekord knackte, Ryan Lochte gegen seinen amerikanischen Kollegen Michael Phelps triumphierte, im Zweiten gabs nur eins zu sehen: Trauerberichterstattung. Im gefühlten Halbstundentakt schoben die Kollegen von Katrin Müller-Hohenstein einen dreiminütigen Film zum "Schwarzen Tag der deutschen Schwimmer" ein. Der Olympia-Gucker hatte es schwer, nicht einigermaßen geknickt ins Bett zu gehen. Und die ARD sprang am Sonntag gerne wieder auf, auf die Insel der Trübseligkeit.

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