Benno Fürmann als ehemaliger DDR-Grenzsoldat: 20 Jahre nachdem dieser einen "Republikflüchtling" erschoss, stellt er sich der Witwe seines Opfers. Das Ergebnis, das Arte und ARD präsentieren, ist aber leider nur ein Tanz auf unsicherem Gelände.
Schuldgefühle entstehen, wenn man das Gefühl hat, etwas Falsches gemacht zu haben. Sie sorgen für Gewissensbisse, können Angst und Ärger auslösen, ja sogar Panik. Im Extremfall kommt es zu einer Persönlichkeitsstörung. Kein Wunder, dass Schuldgefühle einen großen Teil der Gespräche mit Therapeuten ausmachen.
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Ein von schuldgefühlen geplagter Azrt, der sich in die Witwe des Mannes verliebt, den er umbrachte: Annika Kuhl und Benno Fürmann bei den Dreharbeiten zu "Der Mauerschütze". (© dpa)
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Kein Wunder deshalb auch, dass Situationen, die zu Schuldgefühlen führen, gute Ausgangssituationen für Filme sind. Ein Richter verurteilt den Falschen. Ein Arzt macht bei einer Operation einen schrecklichen Fehler. Ein Mann fährt betrunken Auto und überfährt ein Kind. Alles tragische Momente, die wegen ihrer Tragik deshalb schon irgendwo einmal erzählt worden sind.
Zentrale Frage bei all diesen Filmen ist stets: Wie geht man mit der Schuld um? Kann man für den Fehler büßen, ihn wiedergutmachen, wenn man ihn schon nicht ungeschehen machen kann? Die Opfer haben schließlich Angehörige, in deren Leben man so katastrophal eingegriffen hat. Angehörige, deren Leben eine tragische Wendung genommen hat, weil die Tochter plötzlich tot ist oder der Ehemann. Gäbe es eine Chance auf Läuterung, könnte sich der Täter fragen, eine Art Katharsis, wenn man dem Angehörigen in irgendeiner Weise hilft oder seine Situation wenigstens kennenlernt?
In dem Fernsehspiel Der Mauerschütze, das an diesem Freitag bei Arte gezeigt wird (und kommenden Mittwoch in der ARD), besteht der tragische Fehler darin, dass ein Mann namens Stefan Kortmann vor 20 Jahren als junger DDR-Grenzsoldat einen Flüchtenden an der deutsch-deutschen Grenze erschossen hat.
Er hat es getan, weil er nicht die Kraft hatte, sich gegen den Schießbefehl seiner Vorgesetzten zu wehren, weil er seine Chance auf ein Medizinstudium nicht verlieren wollte und weil er zu jung war, die Folgen seiner Tat zu übersehen. Nach der Tat hat er vermutlich Schuldgefühle, die ihn nicht mehr loslassen. Das wenigstens wird in dem Film behauptet. Kortmann hat das Bedürfnis, die Frau des Erschossenen kennenzulernen, ihr vielleicht zu helfen und damit sich zu helfen. Er fährt auf die Insel Usedom, wo diese Frau mittlerweile lebt.
Alles nachvollziehbar. Nur: Stefan Kortmann macht das 20 Jahre nach seinem fatalen Schuss an der Mauer. Und das ist der Dreh- und Angelpunkt, warum der Film nicht funktioniert, nicht funktionieren kann.
Denn Stefan Kortmann (gespielt von Benno Fürmann) ist in den 20 zurückliegenden Jahren ein erfolgreicher Arzt in Hannover geworden. Er hat Karriere gemacht, hat eine wunderbare, kluge, verständnisvolle Frau kennengelernt (gespielt von Sandra Borgmann) und hat sich eingerichtet in einem angenehmen Leben. Offensichtlich hat er die Schuldgefühle verdrängt. Gerade deswegen müsste also einiges passieren, dass diese alte Schuld jetzt wieder aufbricht, ihn quält und antreibt, alles Liebgewonnene aufzugeben.
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"Ein Richter verurteilt den Falschen. Ein Arzt macht bei einer Operation einen schrecklichen Fehler. Ein Mann fährt betrunken Auto und überfährt ein Kind. Alles tragische Momente (...)"
Ob es wohl einmal möglich sein wird, den Journalisten beizubringen, dass tragisch kein Synonym für schrecklich ist, sondern so viel wie unvermeidlich bedeutet? Daraus folgt nämlich, dass oben zitierte Handlungen sehr wohl zu vermeiden gewesen wären. Dieser Unterschied ist gar nicht so fein, dafür aber wesentlich.