"Tatort"-Nachlese Ein "Tatort" wie von einem Algorithmus ersonnen

Das neue Team des Schwarzwald-"Tatorts": Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau)

(Foto: SWR /Alexander Kluge)

Das Problem am neuen Schwarzwald-"Tatort" ist nicht, dass er besonders schlecht wäre. Das Problem ist, dass nichts an ihm besonders ist.

Kolumne von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Der Schwarzwald ist eine Region, die sich - zumindest wenn man diesem Tatort Glauben schenkt - nicht gerade durch ihre Ereignisdichte auszeichnet. Noch nicht einmal echte Morde passieren hier, die Menschen bringen sich schlicht aus Versehen um. Nein, das ist kein Spoiler. Ein Spoiler setzt Spannung voraus, die man zerstören kann, und davon hat "Goldbach" nicht besonders viel.

Darum geht es:

"Goldbach" ist die erste Folge des neuen SWR-Tatorts, in dem die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) im gesamten Schwarzwald ermitteln. Harad Schmidt, der eigentlich auch eine Rolle übernehmen sollte, hatte kurzfristig abgesagt. In Ihrem ersten Fall müssen Tobler und Berg nun den Tod eines jungen Mädchens aufklären. Die elfjährige Frieda liegt erschossen im Wald, nahe der Siedlung Goldbach, in der sie mit ihren Eltern wohnte. Linus, der eine Nachbarsjunge, mit dem Frieda unterwegs gewesen war, ist verschwunden und Paul, der andere, will nichts Auffälliges mitbekommen haben. Die Kommissare finden zwar ein Waffenlager im Wald, aber das bleibt für lange Zeit ihr einziger Ermittlungserfolg. Derweil zersetzen Trauer und gegenseitige Verdächtigungen die Freundschaft zwischen den drei Nachbarsfamilien.

Bester Auftritt:

Große Gefühle lassen sich verhältnismäßig leicht darstellen. Es sind die ekligen, uneindeutigen Alltagsemotionen, die schwer zu spielen sind. Verdruckstheit zum Beispiel. Aaron Kissiov kommt als Nachbarsjunge Paul ganz wunderbar kleinlaut daher. Ungläubig steht er vor dem Unglück, in das er hineingeraten ist, und kann sich dabei doch die Genervtheit über die überfürsorglichen Erwachsenen um ihn herum nicht verkneifen. Wie er jede noch so umsichtige Nachfrage von Kommissarin Tobler mit seinen Ein-Wort-Sätzen pariert, ist toll anzuschauen.

Top:

In seinen guten Momenten hat "Goldbach" etwas schön Sprödes, dann ist die Stimmung so unterkühlt und trostlos wie die Winterlandschaft, in der dieser Tatort spielt. Da fragt etwa Friedas Vater, kurz nachdem er die Nachricht über den Tod seiner Tochter erhalten hat, in einer Mischung aus Verlorenheit und Aggression: "Wo ist die überhaupt? Die ist elf, die stirbt doch nicht." Wie die Leben von drei ganz normalen Familien langsam zerbröseln, ist in "Goldbach" eindrücklich inszeniert.

Flop:

Das Problem an diesem Tatort ist nicht, dass er besonders schlecht wäre: Alle Hauptfiguren sind solide bis gut gespielt. Der Plot dümpelt zwar ziemlich vor sich hin, aber wieso kann ein Tatort nicht mal mehr Familiendrama als Krimi sein, wenn es klug gemacht ist? Das Problem an diesem Tatort ist, dass nichts an ihm besonders ist. "Goldbach" wirkt, als hätte man alle Tatorte der letzten fünfzehn Jahre von einem Algorithmus analysieren lassen und aus dem Durchschnittswert dann einen Film gebastelt. Da ist der Ermittler mit leichten Autoritäts- und Alkoholproblemen, dessen Ideale an der Schlechtigkeit der Welt (in diesem Fall verkörpert durch die Waffenlobby) zerbrechen. Da ist die einfühlsame Ermittlerin, die sich um trauernde Eltern und verstörte Kinder kümmert. Und natürlich ist da die energische Vorgesetztenfigur, gespielt von Steffi Kühnert, die eigentlich auf der Seite der Guten ist, aber halt auch noch die Befindlichkeiten der lokalen Machteliten berücksichtigen muss (hier ein Rüstungsunternehmer und ein Winfried-Kretschmann-Doppelgänger). Schließlich gibt es noch die unvermeidliche Moral von der Geschichte, nämlich: Waffen sind böse und (man will ja mit der Zeit gehen) Teile des Internets auch. Unter normalen Umständen könnte man sich vielleicht in dieser sonntagabendlichen Mittelmäßigkeit ganz gut einrichten. Aber das hier ist die erste Folge eines neuen Tatort-Teams. Ist es da wirklich zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass es irgendetwas gibt, an das man sich nach "Anne Will" noch erinnern kann?

Pointe:

Eine Reihe von Versäumnissen und Gesetzesbrüchen haben zu Friedas Tod geführt. Aber nur die Menschen aus Friedas Umfeld müssen die Schuld für ihre Taten auf sich nehmen. Dem Rüstungskonzern gelingt es dagegen, seinen Fehler durch einen Deal mit der Polizeichefin zu vertuschen. Ernüchtert finden sich Tobler und Berg damit ab, reißen sich zusammen und treten zum polzeiinternen Schießtraining an. Was sollen zwei einfache Kommissare auch schon anderes tun? Sie können, genau wie die Tatort-Zuschauer, nur hoffen, dass beim nächsten Fall etwas Besseres herauskommt.

Die besten Zuschauerkommentare: