TV-Kritik In diesem Weimarer "Tatort" ist die Handlung noch egaler als sonst

Ein sehr ordentlicher Showdown: Kira Dorn (Nora Tschirner) und Fritte (Andreas Döhler) retten sich im neuen Weimarer "Tatort" vor der Explosion

(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Anke Neugeb)

Besonders schlimm ist das aber nicht, denn es gibt tolle Tanzeinlagen, Explosionen und einen Kommissar Lessing, der beinahe zum Sheriff mutiert.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Kunst mag wahr, schön und gut sein, aber die Menschen, die mit ihr zu tun haben, sind es ganz sicher nicht. "Der kalte Fritte" exerziert diese Einsicht gleich mehrfach durch. Es treten Kunstfälscher auf, korrupte Kunstexperten und, nun ja, Kindergärtnerinnen mit mangelhaften Bildinterpretationsfähigkeiten.

Darum geht es:

Ein Weimarer Kunstmäzen wird ermordet, kurz bevor die Stadt darüber entscheidet, an welchem Standort das von ihm gestiftete neue Goethe-Museum gebaut werden soll. Je nachdem, auf welches Grundstück die Wahl fiele, würde entweder der schmierige Bordellbesitzer "Fritte" Schröder profitieren, oder sein bankrotter Bruder Martin. Die beiden sind seit Jahren verfeindet und als wären das noch nicht genug familiäre Verstrickungen, mischt sich auch noch Udo, selbsternannter Kunstexperte und Vater von Kommissariatsleiter Kurt Stich, in den Fall ein.

Bezeichnender Dialog:

Die Kommissare Dorn und Lessing (Nora Tschirner und Christian Ulmen) eilen zum Nachtclub "Chez Cheriechen", doch alles, was sie vorfinden, ist eine Blutlache. Die Gebrüder "Fritte" und Martin Schröder sind verschwunden.

Dorn: Wo ist er mit ihm hin? In den Steinbruch? Irgendwo in den Wald? Über die Grenze?

Lessing: Ockhams Rasiermesser.

Dorn: Wie bitte?

Lessing: Halten mehrere Möglichkeiten sich die Wage, ist meist die einfachste die richtige.

Dorn schaut ihn irritiert an.

Lessing: Wilhelm von Ockham! Ach, Kira, das ist der wichtigste Theologe und Philosoph der Spätscholastik.

Dorn: Ja, aber warum sagst du nicht einfach "Steinbruch"?

Lessing: Man nennt das auch das Prinzip der Sparsamkeit. Lex Parsimoniae.

Dorn: Ja, lex mi am arschiae.

Lessing: Frau Dorn!

Flop:

Der Weimarer Tatort ist kein klassischer Tatort. Es geht hier um Wortwitz und Figurenzeichnung, nicht um Spannungsaufbau. Die Fälle der Kommissare Dorn und Lessing sind mehr oder weniger egal. In "Der kalte Fritte" ist der Fall aber noch ein bisschen egaler als gewöhnlich. Es scheint so, als wären selbst die beteiligten Figuren nicht sonderlich interessiert an ihren Taten und die Beziehungen zwischen ihnen sind (mit Ausnahme des Brüderpaars Schröder) seltsam steril.

Top:

Was der Handlung an Wucht fehlt, das wird in diesem Tatort durch die Inszenierung ausgeglichen. "Der kalte Fritte" hat ein paar Szenen, die so schön zwischen Komik und Melancholie changieren, dass man sie am liebsten gleich zurückspulen und noch einmal anschauen möchte. Da wäre etwa der Architekturprofessor Ilja Bock (Niels Bormann), der im mondbeschienenen Wohnzimmer seiner Jugendstilvilla eine Tanzeinlage hinlegt, nur um im nächsten Moment hinterrücks mit der Büste des Architekten Walter Gropius erschlagen zu werden (sein letzter Ausruf lautet folgerichtig "Walter!"). Oder die Szene ganz zu Beginn, wenn Dorn und Lessing die junge Witwe des ermordeten Kunstmäzens befragen (gespielt von Ruby O. Fee): Gerade hat sie noch kaltblütig den Mörder ihres Mannes mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Jetzt steht sie völlig verheult im knappen Seidennegligé in ihrer Küche und versucht, den Ermittlern Kaffee zu kochen. Offenbar zum ersten Mal in ihrem Leben, denn die Milch und den Zucker schüttet sie gleich mit in die Maschine. Hat man es nun mit einer ehrlich trauernden Witwe zu tun oder mit einer durchtriebenen Erbschleicherin? Man weiß es nicht so genau und das ist ja gerade das Gute.

Und dann wäre da noch das so schön untartortige Steinbruchpanorama (einer der potenziellen Standorte, an dem das neue Goethe-Museum entstehen könnte). Weimar scheint hier auf einmal eher in Texas als in Thüringen zu liegen. In dieser Mondlandschaft steigt auch der Showdown von "Der kalte Fritte", ein sehr ordentlicher Showdown ist das, mit Sprengstoffexplosion und einem rachsüchtigen Kommissar Lessing, der in seinem staubbedeckten Feincordmehrteiler fast wie ein echter Sheriff daherkommt. Man ist ein bisschen traurig, als der Staub sich lichtet und da plötzlich wieder die ollen deutschen Polizeiwagen in ihrem 08/15-Blau ins Sichtfeld rücken.

Die Pointe:

Udo Stich, der Vater von Kommissariatsleiter Kurt Stich, der mittlerweile als Kunstfälscher enttarnt wurde, will sich mit der Witwe des Kunstmäzens auf dem Vordersitz und dem Kandinsky-Gemälde des Kunstmäzens auf dem Rücksitz, in den Ruhestand verabschieden. Doch der Sohn stellt sein Beamtenpflichtbewusstsein über seine Vaterliebe und stoppt die Unternehmung. "Ach nö", kommentiert die Witwe das, und man hofft für sie, dass der Kaffee im Knast einigermaßen genießbar ist.

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