RTL-Dschungelcamp Dschungelkönig Menderes Bağcı: Aus Schmerz geboren

Mit Dutzenden Schlangen lebendig begraben werden - seine allerletzte Dschungelprüfung fand Menderes Bağcı eher angenehm.

(Foto: RTL)

Menderes Bağcı wurde bekannt, weil er sich im Fernsehen von Dieter Bohlen demütigen ließ. Irgendwann verlieh ihm RTL dafür Kultstatus - besser machte es das nicht.

Porträt von Johanna Bruckner

Ein Ende kann ein Anfang sein, heißt es. Als Menderes Bağcı nach 16 Tagen im TV-Dschungel auf einem Holzstuhl sitzt, Buschkrone auf dem Kopf, Bambuszepter in der Hand, Tränen in den Augen, da fragt ihn Moderatorin Sonja Zietlow: "Wirst du noch mal zu DSDS gehen - oder muss DSDS jetzt zu dir gehen?" Und der 31-Jährige, der bekannt wurde, weil er sich Jahr für Jahr von Dieter Bohlen demütigen ließ, sagt: "Nee, ich werde auf alle Fälle immer hingehen."

Die einfache Antwort auf die Frage, warum sich jemand immer wieder dem öffentlichen Spott aussetzt, lautet: Dieser junge Mann, der Michael Jackson verehrt, möchte Sänger werden. Unbedingt. Deshalb nimmt er Rückschläge nicht nur in Kauf, er überhöht sie, macht sie zum Teil seines Traums: "Never give up". Das murmelt Menderes im australischen Busch immer wieder, mal während einer Dschungelprüfung, mal beim Töpfe schrubben. Gib' niemals auf. Das klingt auf masochistische Art heroisch und passt so wunderbar zum Underdogmärchen des neuen Dschungelkönigs.

König Menderes thront über allen

mehr...

Vermutlich ist es aber komplizierter. Denn die Geschichte des Menderes Bağcı ist auch die Geschichte von der verführerischen Aufmerksamkeit des Fernsehens. Es ist die Geschichte von Menschen, die mal was waren, oder gerne etwas wären, die jedenfalls hoffen, dass ihnen die Macher von Ich bin ein Star - holt mich hier raus! ein Heldennarrativ schreiben. Pleite-Barde Gunter Gabriel, die öffentliche Alkoholikerin Jenny Elvers, der einstige Hollywood-Star Brigitte Nielsen. Nielsen ist sogar schon zum zweiten Mal dabei, sie wurde 2012 zur Dschungelkönigin gekrönt. Aber auch die anderen Kandidaten sind ganz wertungsfrei Medienprofis - darin unterscheiden sie sich von erstmaligen Castingshow-Teilnehmern. Die Dschungelcamper wissen um die Gefahr, verlacht zu werden. Aber selbst die Lächerlichkeit bietet ja noch eine Chance: die, irgendwann zur Kultfigur stilisiert zu werden.

Warum sagt ihm keiner, wie scheiße er ist?

So war es bei Menderes Bağcı. Als er 2002 zum ersten Mal vor die Jury von Deutschland sucht den Superstar tritt, bietet er reichlich Vorlage für fiese Kommentare. Da steht ein dicklicher Junge mit Mittelscheitel-Popofrisur und Piepsstimme - und versucht sich ausgerechnet an Hits des großen Jacko! Nicht nur Dieter Bohlen beömmelt sich ungeniert, auch das jugendliche Zielpublikum lacht sich scheckig: Hat der keine Familie oder Freunde, die ihm sagen, wie scheiße er ist?

Dschungelcamp-Finale: Der Fernsehgott gibt Menderes seine Würde zurück

Thorsten Legat klopft Sprüche, Sophia Wollersheim schluckt Tiergenitalien - doch im Dschungelcamp-Finale triumphiert der unscheinbare Dritte. Das hat auch mit plumper Missgunst seiner Konkurrenten zu tun. TV-Kritik von Johanna Bruckner mehr ...

Menderes, geboren 1984 in Langenfeld in Nordrhein-Westfalen, gelernter Tankwart, so heißt es, wird als Sänger nie gut, aber besser. Für seine Beharrlichkeit verleihen ihm die Sendungsmacher irgendwann den Beinamen "Kultkandidat". Wikipedia führt den 31-Jährigen heute als "Unterhaltungskünstler", er tritt in Provinzdiskotheken und bei Veranstaltungen auf. Im Dschungel präsentiert sich Menderes als netter, ausgesucht höflicher, sehr unsicherer, junger Mann, der nie ein schlechtes Wort über seine Konkurrenten verliert.

Man muss da natürlich vorsichtig sein - aber das wirkte nicht wie Taktik, sondern aufrichtig. Menderes weiß, welche Macht im Fernsehen gesprochene Worte haben können.