Presse-Häme nach Hoeneß-Urteil Tiefer geht's nicht

Sie verbreiten Häme und billige Selbstgerechtigkeit: Die Verurteilung von Uli Hoeneß ist für die Medien ein gefundenes Fressen. Dabei hat das mit dem Auftrag der Presse herzlich wenig zu tun.

Von Annette Ramelsberger

Häme ist ein beliebtes Stilmittel im Journalismus. Sie ist so einfach. Und Häme gegen einen, der auf dem Boden liegt, ist das Einfachste. Man kriegt die billigen Lacher. Jeder grinst sich eins. Und dann blättert man um.

Klar, der zurückgetretene Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist nicht unbedarft in die Medienwelt geraten. Er wurde auch sicher nicht von Weinkrämpfen geschüttelt, als er nach seinem Urteil die Schlagzeilen gelesen hat: "Der Runde muss ins Eckige", "Uli dahoam", "Richter macht ihn rein" - bebildert mit Hoeneß in gestreiften Knastklamotten hinter Gitterstäben. Und Hoeneß sah garantiert die Twittereinträge nicht, die sich an ihrer eigenen Witzigkeit erfreuten. Einer lautete so: "Transferhammer!!! Hoeness wechselt für 27,2 Mio zur JVA. Er hat dort einen 3 1/2 Jahres Vertrag."

Wie lustig. Nur dass es eben kein Witz ist, sondern ernst. Und das haben sehr viele Medien offenbar vergessen. Ihnen ging es in der Berichterstattung über das Urteil gegen Hoeneß um den guten Spruch, den coolen Witz. Und so kam es. Auf das Urteil gegen Hoeneß folgte ein Wettbewerb der Witze.

Sicher, der Mann hat selbst hart ausgeteilt, er hat den anderen in der Bundesliga stets vermittelt, dass die Bayern ganz vorn stehen und dann lange nichts kommt. Er ist der Inbegriff bayerischer Arroganz. Dennoch. Was viele Medien rund um diesen Prozess bieten, das lässt einen am eigenen Berufsstand zweifeln. Was tun wir hier eigentlich?

Es hilft beim Nachdenken, wenn man im Gerichtssaal gesessen und gesehen hat, wie Hoeneß mitgenommen war durch dieses Urteil, wie seine Frau versteinerte und grau im Gesicht wurde. Und es hilft noch mehr, wenn man eine Haftanstalt schon einmal von innen gesehen hat. Das ist kein Hotel. Und es geht nicht um die Qualität des Essens, die Einheitskleidung oder darum, ob man den Sportsender Sky empfangen kann.

Ein großer Einschnitt im Leben

Es geht um etwas ganz anderes: um das Ausgeliefertsein, die Einsamkeit, den Moment, wenn sich der Schlüssel hinter einem im Schloss dreht. Und es eben bei Weitem nicht so klar ist, dass man nach ein paar Monaten wieder draußen ist oder zumindest auf Freigang. Es ist ein großer Einschnitt im Leben.

Deswegen ist es unverständlich, warum überall geschrieben und mit profundem Halbwissen getalkt wird, dass Hoeneß doch vom ersten Tag an quasi als Luxusfreigänger den Knast verlassen könne. Das mag vielleicht im Norden der Republik zutreffen, in Bayern sitzt man erst einmal. Und darf sich in der Zelle überlegen, ob man in den zwei Besuchsstunden im Monat lieber die Ehefrau, den Sohn, die Tochter oder Pep Guardiola empfängt.