Oktoberfest im Fernsehen Wiesn-TV - Bei jeder Werbung möchte man weinen vor Dankbarkeit

Ganz wichtige Info: Pünktlich und mit zwei Schlägen hat Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter dieses o'zapft. Das kann man gar nicht oft genug wiederholen.

(Foto: Getty Images)

Die Erkenntnis nach mehr als vier Stunden Live-Übertragung? Söder verliert im Wiesn-Schwanzvergleich. Und das Oktoberfest kann auch ohne Alkohol sehr weh tun.

TV-Kritik von Johanna Bruckner

Nach anderthalb Stunden hat sich ein dumpfer Schmerz festgesetzt, er zieht vom oberen Rand der Augenhöhlen über die Stirn bis Mitte Schädel. Alle drei Minuten leuchtet dieser Schmerz wie ein heftig entzündeter Pickel, immer dann, wenn zwischen den Beiträgen ein Blasmusik-Techno-Jingle ertönt. Dann packt einen heißer Neid auf den jungen Mann, den sie eben noch bei München TV gezeigt haben: Der hatte eine so wunderbar weich aussehende Hendl-Mütze - mit elektronisch zuckenden Schenkeln! Feine Sache, könnte man sich diese Mütze jetzt über Augen und Ohren ziehen.

Aber es hilft ja nix, der Auftrag ist klar: einen Abend Wiesn-TV gucken, dahoam, ohne Mass, dafür mit Hendl süß-sauer vom chinesischen Lieferservice. Um das Ergebnis nach vier Stunden und 15 Minuten vorwegzunehmen: Das Oktoberfest im Fernsehen zu verfolgen ist ähnlich lustig, wie die Werbung eines großen Münchner Trachtengeschäfts. Die geht so: Fliegen ein Trachtenhemd, eine Lederhose und Socken in Richtung eines Holzstuhls im bayerischen Landhausstil, erklärt eine männliche Stimme aus dem Off, woher sie diesen sauguaden Fetzen hat, natürlich von besagtem Folklorefummel-Fachhändler. Und dann - an dieser Stelle bitte den Blasmusik-Techno-Tusch denken - die Pointe: Segelt zusätzlich ein Dirndl auf den Kleidungshaufen, sagt die männliche Stimme: "Des Dirndl? Des hob i von der Wiesn." (Für alle, die nicht mitgekommen sind, kichert an dieser Stelle eine Frauenstimme.) Dädäää, dädäää, dädäää!

Ach nee, mia san ja in Minga. Und München ist nur einmal im Jahr, schalalalala. Zugegeben, nüchtern und mit einer Mattscheibe dazwischen kommt der Massenintoxikationszauber nicht ganz so rüber. Oder wie es München-TV-Reporter Christopher Griebel beim Anstich von CSU-Minister Markus Söder im Hofbräu-Festzelt formuliert: "Da kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass man Durst hat."

Die Wiesn aus der Distanz

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Nimm das, Loisl Vuitton!

Der Vollständigkeit halber: Söder, so berichtet es der Reporter, war zehn Minuten zu spät dran, was in der Zeitrechnung bierkonditionierter Zeltbesucher eine qualvolle Ewigkeit ist. Dafür hatte kurz zuvor Oberbürgermeister Dieter Reiter sein Fass pünktlich um 12 Uhr mit zwei Schlägen ozapft (ganz wichtige Info, wird im Verlauf des Abends 462 Mal wiederholt). Klarer Sieg für den Sozialdemokraten im Wiesn-Schwanzvergleich. Apropos, Libidotraining: Der Werbespot für einen Münchner "Gentlemen's Club" wirkt im Vergleich zurückhaltend-geschmackvoll. Und das Etablissement heißt aus dem Englischen übersetzt immerhin "Brüste", kein Witz.

Ohnehin möchte man bei jeder Werbeunterbrechung weinen vor Dankbarkeit. Dazwischen führen Alex Onken (sonst: rasender Red-Carpet-Reporter) und Eva Grünbauer (sonst: nur Menschen bekannt, die aus Versehen im Lokalfenster von Sat.1 landen) durch die dreistündige Live-Übertragung von München TV. Die beiden sitzen also im Studio im Hofbräu-Festzelt und tun das, was man eben so tut als Wiesn-Chronist.

Anekdoten über Franz Josef Strauß erzählen, zuprosten, Gewinnspiel anmoderieren, zuprosten, irgendeinen noch lebenden Josef nebst Gattin interviewen (vermutlich CSU, vermutlich wichtig), zuprosten, den Wiesn-Zaun und den reibungslosen Ablauf der Eingangskontrollen loben (ach ja, Wiesnchef und zweiter Bürgermeister Josef Schmid war's), zuprosten, der Gastgeberfamilie Steinberg zur geschmackvollen Tracht mit ganz vielen ganz kleinen HB-Logos gratulieren (nimm das Loisl Vuitton!), zuprosten, italienischem Besucher mit cinque Mass intus die deutsche Willkommenskultur näherbringen ("Der soll doch mal Deutsch lernen, wenn er jedes Jahr nach Deutschland kommt"), undsoweiterundsofort.

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Wie sieht der Zaun aus? Wohin mit dem Gepäck? Und was ändert sich für Oktoberfestbesucher? Ein Überblick im Video. mehr ...

Wenn gerade mal nicht Onken und Grünbauer moderieren (oder Werbung läuft), gibt es Einspieler zu kreativen Kategorien wie "Wiesn-Jobs", "Wiesn-Tracht", "Wiesn-Wetter" oder "Wiesn-Promis". Für letzteres Format ist eine junge Frau namens Anja Guder zuständig, die sich selbst als "Guder-Luder" bezeichnet und Ex-Fußballer/Schauspieler Jimmy Hartwig entlocken kann, dass er an deutschen Bundesländern am ehesten "irgendwas mit Sachsen" abschaffen und gerne mal mit Barbra Streisand über die Wiesn schlendern würde. Man mag sich das nicht vorstellen: Wenn Barbra dort aus Versehen Barry von "Barrys Wiesn-Wette" über den Weg liefe, der ihr für die erfolgreiche Teilnahme an einem grenzdebilen Spielchen eine Plastikarmbanduhr in Bayerisch-Weiß-Blau verspricht. Dagegen wäre die Sache damals mit Tom Hanks bei Wetten, dass ..? diplomatischer Kinderfasching.

DJ Ötzi sitzt lieber auf der VIP-Bank vom Silbereisen-Florian

Gott sei Dank ist es mittlerweile schon 20.15 Uhr, also eben mal rüberschalten zum BR, wo gerade O'zapft is - Der erste Wiesn-Tag startet. Aber, oh Schreck, nach kürzester Zeit: akute Blasmusik-Techno-Jingle-Entzugserscheinungen. Also eben noch mitgenommen, dass es auf der Wiesn jetzt auch mit Schoko überzogene Chili-Schoten gibt (für die ganz "Schoafen") und dass BR-Reporter den Einzug der Wiesnwirte ähnlich tragend kommentieren, wie die öffentlich-rechtlichen Monarchieexperten eine Adelshochzeit (besonderes Lob für "Anzapfkönig" und Ex-OB Christian Ude). Dann fix zurück zu München TV, hier wurde schließlich noch eine Live-Schalte in die Babypause von Marion Schieder versprochen. Schieder berichtet normalerweise an der Seite von Onken über die Wiesn und sie macht das - ironiefrei - ganz wunderbar. So sind dann auch drei Minuten Skype-Schalte unterhaltsamer als drei Stunden Umpf-tata untermaltes Gelaber.

Die Moderatoren bei München TV warten vergeblich auf DJ Ötzi, der lieber drüben beim BR im Schottenhamel-Zelt rumhängt. Genauer: auf der VIP-Bank vom Silbereisen-Florian. Und auch wenn sich der deutsche Brotproduzent Mestermacher im Werbefilmchen als "Lifestyle Bakery" bezeichnet - er macht, verdammt noch mal, in Plastik eingeschweißte Vollkornschnittchen. Darauf kräftig in eine schoafe Schoko-Schoten gebissen. Habe die Ehre.

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