"New York Times"-Chef über Selbstzensur "Diese Art von Humor ist eine unnötige Beleidigung"

Dean Baquet wurde im Mai 2014 Chefredakteur der New York Times. Er ist der erste Afroamerikaner auf diesem Posten in der 163-jährigen Geschichte des Blattes.

(Foto: Reuters)
  • Dean Baquet, Chefredakteur der New York Times, begründet seine Entscheidung die Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins Charlie Hebdo nicht zu zeigen.
  • Ein großer Teil seiner Leser bestehe aus "Menschen, die sich durch Satire über den Propheten Mohammed beleidigt fühlen würden".
  • Feigheit sei nicht das Motiv gewesen, sich gegen den Abdruck der Karikaturen zu entscheiden.

Nach den Terroranschlägen in Frankreich hat die New York Times ihre Entscheidung verteidigt, die Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins Charlie Hebdo nicht zu drucken. "Diese Art von Humor ist eine unnötige Beleidigung", sagte Chefredakteur Dean Baquet dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Leser könnten sich durch Mohammed-Karikaturen verletzt fühlen

Baquet räumte ein, dass ihm die Entscheidung, die Karikaturen nicht zu veröffentlichen, nicht leicht gefallen sei. Sein Impuls als Journalist, sei zunächst gewesen, Solidarität mit den getöteten Kollegen zu zeigen und Karikaturen zu drucken. "Aber nach nochmaligem Nachdenken habe ich mich anders entschieden." Der Humor erfülle "nicht die Standards der Times". Ein großer Teil der Leser bestehe aus "Menschen, die sich durch Satire über den Propheten Mohammed beleidigt fühlen würden", erklärte Baquet. "Dieser Leser, um den ich mich kümmere, ist kein IS-Anhänger, sondern lebt in Brooklyn, hat Familie und ist strenggläubig.

Viele europäische Zeitungen hatten nach dem Angriff auf die Charlie Hebdo-Redaktion vom 7. Januar die umstrittenen Karikaturen nachgedruckt.

Die Entscheidung der Times, die Karikaturen nicht zu zeigen, war in den USA auf scharfe Kritik gestoßen. "Wenn ihr der ehrwürdigste Vertreter des amerikanischen Journalismus seid, wenn ihr von anderen erwartet, dass sie zu euren Journalisten stehen, wenn sie bedroht werden, wenn ihr eure Leser ernst dabei nehmt, dass sie sich ihre eigene Meinung bilden", schimpfte der weithin bekannte US-Medienkritiker Jeff Jarvis, "dann steht zu Charlie Hebdo, verdammt noch mal, und informiert euer Publikum! Veröffentlicht die Karikaturen!"

"Medien, die das jüngste Cover von Charlie Hebdo nicht zeigen", kritisierte Matt Welch, Chefredakteur des konservativen Magazins Reason, "fürchten sich entweder vor einem Bombenanschlag oder davor, dass sie ihre Umsätze im Ausland gefährden könnten."

Baquet bestreitet Vorwurf der Feigheit

Den Vorwurf der Feigheit bestritt Baquet im Interview mit dem Spiegel vehement: "Wirklichen Mut beweisen Nachrichtenorganisationen dort, wo es darum geht, zu berichten. Sei es, Reporter zu haben, die über den IS recherchieren, nach Bagdad reisen oder über den Afghanistan-Krieg berichten."

Als Chefredakteur der New York Times frage er sich, wie seine Zeitung am besten über den Anschlag auf Charlie Hebdo berichten könne. Das sei wichtiger als symbolische Zeichnungen auf der Titelseite abzudrucken.

Baquet äußerte sich in dem Gespräch zudem selbstkritisch zu neuen digitalen Konkurrenten wie BuzzFeed und anderen: "Wir waren arrogant, um ehrlich zu sein. Wir haben auf unsere neuen Konkurrenten herabgeblickt."

Der 58-Jährige räumte außerdem sein Bedauern darüber ein, dass der Whistleblower Edward Snowden seine Enthüllungen über die NSA nicht in der New York Times veröffentlichte. Das habe ihm "sehr, sehr, sehr wehgetan", sagte Baquet.