Moderator Jan Böhmermann Blick auf das Fernsehen mit Abstand

Wenn sich im Publikum zwei Zivilkontrolleure der Bezirksregierung Köln versteckt haben, weil sich mal wieder jemand beschwert hat, dass Gäste in der Sendung rauchen dürfen, dann werden die Kontrolleure ausgerufen und freundlich begrüßt. Und als ob alles sowieso egal wäre, was es nicht ist, moderiert Böhmermann seine Co-Moderatorin mit den Worten an: "hier ist Wetten, dass..?, und das ist die bezaubernde Jenny Elvers-Elbertzhagen."

Oft zerschneidet er Gesprächsfäden und hantiert mit schmutzigem Besteck in offenen Wunden seiner Gäste. Das ist eine neue Farbe im Fernsehen, eine ziemlich grelle, ein anstrengender Kontrast. Als Zuschauer, sagt Böhmermann, finde er "diese Unangreifbarkeit und diese Unnahbarkeit von sogenannten TV-Personalities nicht zeitgemäß.

Ich will als Zuschauer keinen Fernsehmoderator haben, der mir allen Ernstes erzählt, dass er weiß, wie's funktioniert." Es sei selbst in seiner Sendung entlarvend, "wenn Du so richtig gestandene Fernsehfuzzis da sitzen hast, die dir ohne mit der Wimper zu zucken die Unwahrheit ins Gesicht lügen. Für die es das Schlimmste ist, das Gesicht zu verlieren. Und ich finde es sehr reizvoll, nicht nur trotzdem, sondern deswegen zu bestehen, und gerade weil man das zulässt."

Wie das funktionieren kann, deutet schon die Mail-Adresse der Sendung an: zdf@rocheundboehmermann.de Es ist eben nicht andersherum, ZDF kultur ist nur der ausstrahlende Sender eines autonomen Formats. Produziert wird Roche & Böhmermann von der Bild- und Tonfabrik, einer kleinen Firma von Studenten der Medienkunst, die meisten noch vor dem Diplom. "Wir schauen mit einem gewissen Abstand aufs Fernsehen, und der ist noch nicht mal angedichtet", sagt Philipp Käßbohrer, einer der beiden Produzenten.

Man sieht diesen Abstand sofort, wenn man den Blick von Käßbohrer abwendet, und das Set betrachtet. Die gestrig-schicken Sennheiser MD441-Mikrofone oder all die Sperrholz-Umbauten, die die hochmodernen Kameras alt und klobig aussehen lassen sollen. Die Titelmelodie der Sendung, die kein von Dieter Bohlen komponierter Jingle ist, sondern die Fuge in g-Moll von Bach. Das ganze Studio, das Kubricks War Room zitiert und von gehängten Molton-Decken in ein endloses Schwarz getaucht wird.

Man sieht den Wunsch, Fernsehen zu machen, dass zunächst einmal gut sein soll - und bei dem es nicht egal, aber nachrangig ist, ob es dann auch noch gut ankommt. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Lustig und ärgerlich, wie ähnlich die Deko von Richard David Prechts neuer Talksendung jener von Roche & Böhmermann ist.

Schön, dass Käßbohrer und Schulz neulich einen Fernsehpreis für Roche & Böhmermann gewonnen haben. Reizvoll, dass Tele-5Geschäftsführer Kai Blasberg gerade sein Interesse an der Sendung deutlich gemacht hat. "Wenn ein besseres Angebot kommt, von irgendeinem anderen Sender, sind wir sofort weg", hatte Böhmermann zuvor gesagt. Und auf die Frage, welche Mail-Adresse ihm die liebste wäre: tele5@rocheundboehmermann.de.

Bei allem Quatsch und bei aller Ironie, mit der sich Jan Böhmermann erstaunlich konsequent panzert, weiß man da natürlich schon wieder nicht, wie ernst er das meint. Klar ist, dass die Show in der Version zdf@rocheundboehmermann.de mit großer Mühe hergestellt wird, leider aber auch mit kleinem Geld, und dafür wiederum mit beachtlicher Aufmerksamkeit und einer Quote weit über dem zugegeben marginalen Senderschnitt.

Das kann man als Jan Böhmermann von einer Seite betrachten und sagen: "Mich nervt nichts mehr, als zu sehen, dass sieben festangestellte Techniker, 30 Kameramänner und 50 öffentlich-rechtlich durchgefütterte Redakteure ein vermeintlich hippes Jugendmagazin im Hauptprogramm machen und sich absolut offensichtlich gar keine Mühe geben und überhaupt nicht mehr wissen, was das überhaupt heißt: sich Mühe geben."

Die Frage ist aber auch, nicht wie viel, sondern in welche Richtung sich Jan Böhmermann in Zukunft Mühe gibt. Wie lange es funktionieren kann, den Gag konsequent für wichtiger als den Inhalt zu erachten, und ob er einmal Lust haben wird, seinen klugen Krawall mit etwas mehr Substanz anzureichern. Oder ob er weiter das Lied vom Pumuckel pfeift, von dem man ja nicht nur weiß, dass er am liebsten Schabernack macht. Für ihn gilt ja leider auch, dass kaum einer ihn sehen kann.