Mathias Brandt in "Polizeiruf 110" Achtung, neue Stadt!

Sozialwohnungen und Transenstrich: Dominik Graf nimmt die Zuschauer heute im "Polizeiruf 110" mit auf eine überraschende Stadtführung durch München. Nebenbei sorgt er für ein starkes Debüt von Matthias Brandt als neuem Kommissar. Und am Ende wird sogar noch getanzt - in einem Döner-Restaurant.

Von Christopher Keil

Man kann die Kriminalfilme von Dominik Graf hören. Der Ton macht, Pardon, die Musik. Es ist die Musik der Reviere, der Straßen und vor allem des Polizeifunks.

Graf liebt den Klang des Sprechfunks, das Knistern, das Hin und Her der Fragen und Antworten, der Befehle und Informationen. Er legt den Polizeifunk wie eine Melodie unter die Handlung. Es muss ihm großen Spaß machen, einen Film wie ein Jazzstück zu inszenieren. Alles ist scheinbar improvisiert, Bilder, Geräusche und Dialoge purzeln übereinander, doch die Vielstimmigkeit wird - zunächst kaum bemerkt - auf den einen klaren Moment zugeführt und aufgelöst wie ein Geheimnis, wie das Geheimnis eines Mordes.

Auf dem Münchner Filmfest Anfang Juli wurde Grafs Polizeiruf 110 ("Cassandras Warnung") mit beinahe noch mehr Applaus entlassen als die mittlerweile indizierte Arbeit von Hans Steinbichler. Steinbichlers Beitrag ("Denn sie wissen nicht, was sie tun") zu der ARD-Krimireihe hat keinen 20.15-Uhr-Sendeplatz bekommen und ist deshalb sehr bekannt geworden, lange vor der Ausstrahlung.

Der Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR), Gerhard Fuchs, glaubt, Kindern und Jugendlichen könne bei der fiktiven Darstellung einer Bombenexplosion und ihrer Folgen angst und bange werden: Steinbichler thematisiert das religiös motivierte Selbstmordattentat. Fuchs nannte sein Prime-Time-Verbot "eine einsame Entscheidung". Das ist sie. Würde sie zum Maßstab für alle 20.15-Uhr-Filme, die in Deutschland gezeigt werden, gäbe es sehr viel nach der Tagesschau nicht mehr.

Jedenfalls ist Grafs Polizeiruf-Episode nun zu sehen. Es ist die erste Folge mit Matthias Brandt als dem neuen Münchner Polizeiruf-Kommissar Hanns von Meuffels. Und so läuft das dann meistens: Achtung, neuer Kommissar! Uiuiui, hat der aber eine Vergangenheit! Graf macht daraus: Achtung, neue Stadt! Meuffels ist neu in München.

Intim und komisch

Also bekommt München die Hauptrolle - das ist ja oft so bei Graf. Eine altgediente Polizistin, ihr Name ist Serrano (sie sagt, ohne zu lächeln: "Wie der Schinken"), erklärt Meuffels zwischendurch einen alten Fall, und Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter drehen das. Sie machen daraus eine Stadtführung. München, ihre Stadt, hat viele Sozialwohnungen und ist ein Viertel am Bahnhof mit Döner-Spieß und Transenstrich. Es ist allerdings ein schönes Viertel.

Am Ende, die Hinrichtung einer dem Polizeimilieu nahestehenden Frau ist aufgeklärt (aber nicht ganz so spektakulär, wie das der BR darstellt, der "mit der überraschendsten Wendung" in einem Polizeiruf gewissermaßen seit Christi Geburt wirbt), geht nun Hanns von Meuffels in so ein Döner-Restaurant.

Er musste, was eher nicht zu schnellen Freundschaften führt, im Kollegenkreis ermitteln. Beschissener Einstieg. Nun stellt er die Stühle zur Seite und tanzt irgendeinen türkischen Tanz. Das ist völlig irre und intim und komisch, und es zeigt, was Brandt kann, was Graf aus einem macht, der etwas kann, und wie unterhaltend fiktionales deutsches Fernsehen ist, wenn man es lässt und vor Zwängen schützt.

Insofern ist es vielleicht gut, dass sich die Geschmacksrichter im Namen der Jugend an Steinbichlers Krimi abreagieren konnten. Matthias Brandt hat die BR-Entscheidung im Übrigen vernehmbar kritisiert. Er wirkte nicht wie ein Darsteller, der versteht, warum seine Arbeit zur besten Sendezeit nicht gezeigt werden darf. Denn auch Steinbichlers Film trifft einen ganz guten Ton.

Polizeiruf 110, "Cassandras Warnung", ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.