Sozialwohnungen und Transenstrich: Dominik Graf nimmt die Zuschauer heute im "Polizeiruf 110" mit auf eine überraschende Stadtführung durch München. Nebenbei sorgt er für ein starkes Debüt von Matthias Brandt als neuem Kommissar. Und am Ende wird sogar noch getanzt - in einem Döner-Restaurant.
Man kann die Kriminalfilme von Dominik Graf hören. Der Ton macht, Pardon, die Musik. Es ist die Musik der Reviere, der Straßen und vor allem des Polizeifunks.
Bild vergrößern
Matthias Brandt startet als neuer "Polizeiruf 110"-Kommissar und gleich muss er unter seinen Kollegen ermitteln - keine leichte Aufgabe. (© dapd)
Anzeige
Graf liebt den Klang des Sprechfunks, das Knistern, das Hin und Her der Fragen und Antworten, der Befehle und Informationen. Er legt den Polizeifunk wie eine Melodie unter die Handlung. Es muss ihm großen Spaß machen, einen Film wie ein Jazzstück zu inszenieren. Alles ist scheinbar improvisiert, Bilder, Geräusche und Dialoge purzeln übereinander, doch die Vielstimmigkeit wird - zunächst kaum bemerkt - auf den einen klaren Moment zugeführt und aufgelöst wie ein Geheimnis, wie das Geheimnis eines Mordes.
Auf dem Münchner Filmfest Anfang Juli wurde Grafs Polizeiruf 110 ("Cassandras Warnung") mit beinahe noch mehr Applaus entlassen als die mittlerweile indizierte Arbeit von Hans Steinbichler. Steinbichlers Beitrag ("Denn sie wissen nicht, was sie tun") zu der ARD-Krimireihe hat keinen 20.15-Uhr-Sendeplatz bekommen und ist deshalb sehr bekannt geworden, lange vor der Ausstrahlung.
Der Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR), Gerhard Fuchs, glaubt, Kindern und Jugendlichen könne bei der fiktiven Darstellung einer Bombenexplosion und ihrer Folgen angst und bange werden: Steinbichler thematisiert das religiös motivierte Selbstmordattentat. Fuchs nannte sein Prime-Time-Verbot "eine einsame Entscheidung". Das ist sie. Würde sie zum Maßstab für alle 20.15-Uhr-Filme, die in Deutschland gezeigt werden, gäbe es sehr viel nach der Tagesschau nicht mehr.
Jedenfalls ist Grafs Polizeiruf-Episode nun zu sehen. Es ist die erste Folge mit Matthias Brandt als dem neuen Münchner Polizeiruf-Kommissar Hanns von Meuffels. Und so läuft das dann meistens: Achtung, neuer Kommissar! Uiuiui, hat der aber eine Vergangenheit! Graf macht daraus: Achtung, neue Stadt! Meuffels ist neu in München.
Intim und komisch
Also bekommt München die Hauptrolle - das ist ja oft so bei Graf. Eine altgediente Polizistin, ihr Name ist Serrano (sie sagt, ohne zu lächeln: "Wie der Schinken"), erklärt Meuffels zwischendurch einen alten Fall, und Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter drehen das. Sie machen daraus eine Stadtführung. München, ihre Stadt, hat viele Sozialwohnungen und ist ein Viertel am Bahnhof mit Döner-Spieß und Transenstrich. Es ist allerdings ein schönes Viertel.
Am Ende, die Hinrichtung einer dem Polizeimilieu nahestehenden Frau ist aufgeklärt (aber nicht ganz so spektakulär, wie das der BR darstellt, der "mit der überraschendsten Wendung" in einem Polizeiruf gewissermaßen seit Christi Geburt wirbt), geht nun Hanns von Meuffels in so ein Döner-Restaurant.
Er musste, was eher nicht zu schnellen Freundschaften führt, im Kollegenkreis ermitteln. Beschissener Einstieg. Nun stellt er die Stühle zur Seite und tanzt irgendeinen türkischen Tanz. Das ist völlig irre und intim und komisch, und es zeigt, was Brandt kann, was Graf aus einem macht, der etwas kann, und wie unterhaltend fiktionales deutsches Fernsehen ist, wenn man es lässt und vor Zwängen schützt.
Insofern ist es vielleicht gut, dass sich die Geschmacksrichter im Namen der Jugend an Steinbichlers Krimi abreagieren konnten. Matthias Brandt hat die BR-Entscheidung im Übrigen vernehmbar kritisiert. Er wirkte nicht wie ein Darsteller, der versteht, warum seine Arbeit zur besten Sendezeit nicht gezeigt werden darf. Denn auch Steinbichlers Film trifft einen ganz guten Ton.
Polizeiruf 110, "Cassandras Warnung", ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.
- Thema
- Polizeiruf 110 RSS
- BR-"Polizeiruf 110" Noch ein Steinbichler 09.08.2011
- Polizeiruf 110: "Im Alter von ..." Die verbotene Folge 22.06.2011
- "Polizeiruf 110" im Fernsehen Nett im Nebenbett 28.10.2011
- Kritik an BR-"Polizeiruf 110" Der hilflose Staat 25.07.2011
- Theresienwiese Arbeitstitel "Inschallah": Wirbel um BR-Krimi 14.03.2011
- Schauspieler Günter Naumann Der "Chief" ist tot 08.11.2009
(SZ vom 20.08.2011/caja)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Langsam wird es grotesk, wie der BR auf Biegen und Brechen versucht, die Fußstapfen des großen Jörg Hube durch eine neuerliche Sensation aufzufüllen. Rasante Kamerafahrten ersetzen eben keine Handlung, Nebengeräusche keine Dialoge, die die Figuren auch zum Leben erwecken.
Am nervigsten bleibt der Umstand, dass der BR offensichtlich einen Preis für das Drehbuch ausgesetzt hat, dass die meisten Zeilen dröger Allerweltsphilosophie im Skript unterbringt.
Wenn dies die neue Generation von Krimis darstellen soll, muss man sich fast dafür bedanken, wie einen die ARD den ganzen Sommer über mit Endloswiederholungen abfüttert.
Kleiner Lichtblick in einer ansonsten sehr verworrenen und unwahrscheinlichen Handlung: die ältere Kommissarin mit treffenden Äußerungen über die Wandlung Münchens zur kalten Metropole in den letzten Jahrzehnten und ihre Kritik am "Babyscheiß". Hat mir aus der Seele gesprochen.
Ich habe (kein Scherz!) bis 20.32 Uhr durchgehalten.
Nach der Szene, in der ein Polizeibeamter nebst Frau, auf dem Dach stehend, Tauben mit einer Handfeuerwaffe abschießen, während der Kommissar interessiert zuschaut, habe ich gedacht: Och nö, jetzt wird es mir doch ein wenig zu blöd.
die Handlung irgendwie verworren, die Dialoge oftmals nicht zu verstehen oder zu konstruiert, insgesamt war mir langweilig.
Mir hats gefallen. Das war erfrischend, mal was anderes, als dieser übliche Sonntag Abend Krimi im Ersten.
Die Schauspieler waren überzeugend, die Handlung schrill, Kamera und Dialoge lebendig echt.
Fiktion und keine Doku halt.
Das war mal ein Film, dem man als Zuschauer eine gewisse Aufmerksamkeit schenken mußte, -und nicht nur einfach berieselt wurde.
Paging