Mangelhafte Berichterstattung durch ARD und ZDF Eher Wok-WM als Fußball-EM

Schweini beim Stadtbummel, Badstuber im Interview, Klose an der Tischtennisplatte: Die Berichterstattung von der Fußball-EM zeigt, dass sich ARD und ZDF vor allem um die Befindlichkeiten der deutschen Nationalelf kümmern. Was sonst passiert, wird ausgeblendet - dabei gäbe es viel zu diskutieren.

Von Christopher Keil

Neulich hat sich Fritz Pleitgen wieder einmal zu Wort gemeldet. Pleitgen ist jetzt schon ein paar Jahre nicht mehr Intendant des Westdeutschen Rundfunks, doch die Tagesschau hat er immer noch fest im Blick.

Journalist Pleitgen war aufgefallen, dass sich die Hauptnachrichtensendung der ARD zunehmend mit deutschen Themen beschäftige und das Weltgeschehen zweitklassig abhandele. Das halte er, sagte der 73-Jährige, für bedenklich: "Deutschland als Nabel der Welt, das geht auf Dauer ins Grundwasser des politischen Bewusstseins."

Veränderungen im Grundwasser der ARD sind nicht nur bei der Tagesschau feststellbar. Auch die Berichterstattung von der Fußball-Europameisterschaft zeigt, dass sich das Erste vor allem sehr um Befindlichkeiten der deutschen Nationalelf kümmert.

Wer am Dienstagabend dieser Woche von der Tagesschau um 20 Uhr bis Waldis Club eine halbe Stunde vor Mitternacht die Übertragung des letzten Vorrundenspieltages aushielt, wurde mit den handelsüblichen Banalitäten von der - auch noch spielfreien - Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) versorgt. Die Bebilderung des Nachmittages in Danzig - Spieler bei einem Stadtbummel - bestückte die Tagesschau genauso wie später die Übertragungsstrecke, die von Moderator Reinhold Beckmann und Experte Mehmet Scholl begradigt werden sollte.

Dass es immer dieselben Bilder waren, die zu vorgerückter Stunde vorbeizogen, später noch ergänzt um ein Gespräch mit Nationalverteidiger Holger Badstuber und um an der Tischtennisplatte im DFB-Quartier tätigen Teamkollegen, wäre ja überhaupt nicht so unangenehm aufgefallen, hätte die ARD ein an diesem Tag angemessenes journalistisches Konzept für ihre Live-Sendung gehabt.

Es war der Tag, an dem sich eine Redaktion sogar auf das hätte vorbereiten können, was sich dann abends im Match Ukraine gegen England wiederholte und die Europameisterschaft mehr prägte als jedes Ergebnis, jedes Tor der Gruppenphase: die Leistung und der Sinn von Torschiedsrichtern, die den Ausgang des Turniers jetzt maßgeblich beeinflusst haben.

Man muss als Zuschauer kein Experte sein wie Oliver Kahn (ZDF) oder Mehmet Scholl, um Absurdität und Bedeutung der Situationen zu begreifen. Montagabend wurden den Kroaten im Kampf gegen die Spanier zwei Elfmeter verweigert, wobei sich das eine Foul ungefähr einen Meter vor dem Torschiedsrichter zutrug und an Brutalität kaum zu überbieten war. Dienstagabend ignorierte der Torschiedsrichter einen Treffer der Ukraine. Auch er war nachweislich der Fernsehbilder optimal postiert.

Schollismus, kurze Hosen und gemobbte Griechen

mehr...