Arabischer TV-Sender in den USA Al-Dschasira fordert CNN heraus

Das Logo von al-Dschasira - in den USA von vielen nicht gerne gesehen.

(Foto: REUTERS)

Für manche Amerikaner ist es die TV-Station des Feindes. Jetzt drängt al-Dschasira ins US-Kabelnetz. Der arabische Sender aus Katar übernimmt den Kanal Current TV. Dessen bisheriger Inhaber ist der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore.

Von Willi Winkler

Der Feind kam an einem strahlenden Herbsttag ins Land, griff aus heiterem Himmel New York und Washington an und erschütterte für immer das Selbstbewusstsein Amerikas. Bis heute hat sich das Land nicht von dem Schock erholt. Manchmal werden deshalb harmlose Nutzer einer Tankstelle umgebracht, weil ihr Turban ihnen ein angeblich terroristisches Aussehen gab, oder eine gute Amerikanerin stößt einen Inder vor die New Yorker U-Bahn, wie vorige Woche, weil sie sich an dem vermuteten Moslem für den 11. September 2001 rächen wollte.

Seit Mittwoch hat sich der Feind endgültig im Land festgesetzt. Der arabische Sender al-Dschasira hat, wie die New York Times berichtet, für einen geschätzten Kaufpreis von fünfhundert Millionen Dollar den US-Sender Current TV erworben, der in den USA nach eigenen Angaben 60 Millionen Haushalte erreicht. Die Pointe dabei: der Verkäufer heißt Al Gore, von 1993 bis 2001 Vizepräsident unter Bill Clinton und von ihm als Nachfolger designiert.

Der heute 64-jährige Gore kann auf eine ereignisreiche Laufbahn als reicher Sohn, Bestsellerautor (Wege zum Gleichgewicht), Ehemann einer zensurwütigen Hausfrau, Vizepräsident, vom Volk gewählter, wenn auch nicht amtlich anerkannter Präsident, und - durch seinen Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit - als Oscar- und sogar Friedensnobelpreisträger zurückblicken. Er erwarb 2004 zusammen mit Joel Hyatt einen Sender vom Mischkonzern Vivendi und machte daraus Current TV, um, wie er versprach, eine "unabhängige Stimme" und Nachrichten anzubieten, die für jüngere Zuschauer relevant wären.

Ein solcher Sender wäre in den Jahren, als Gores ehemaliger Wahlkampfgegner George W. Bush das Land mit Hilfe duldungsstarrer Medien in einen endlosen Krieg gegen den angeblichen Anstifter des 11. September führte, hochwillkommen gewesen, doch erreichte Current TV nicht einmal die intellektuelle Elite, auf die der Idealist Gore hoffte. Jenseits der eingeführten Sender von ABC bis CNN schien es keinen Platz für eine Alternative zu geben.

Current TV verband sich eine Zeitlang mit der chronisch nachrichtenarmen Internet-Plattform Yahoo, doch auch der Versuch, dem Programm durch den Moderator Keith Olbermann und zuletzt den ehemaligen Gouverneur Eliot Spitzer eine deutliche linksliberale Ausrichtung zu geben, brachte nicht den großen Erfolg. Offenbar sind die nur durch zirzensische Moderatoren wie Jon Stewart bei Comedy Central oder Bill O'Reilly bei Fox News zu gewinnen und auch zu halten.

Wirtschaftlich gesehen kommt der Verkauf an den überwiegend vom Emir von Katar gehaltenen Sender also wie eine Erlösung. Auch wenn al-Dschasira einst damit bekannt wurde, dass dort flackernde Videos mit den triumphalistischen Botschaften Osama bin Ladens abgespielt wurden, kann der Nachrichtensender heute als eines der noch halbwegs objektiven Medien in der arabischen Welt gelten. In den USA wird er trotzdem noch für ein finsteres Propagandaunternehmen einer muslimischen Weltverschwörung gehalten. Seit 2006 gibt es auch das Nachrichtenprogramm al-Dschasira English. Doch die meisten US-Satellitenanbieter weigern sich, das Angebot zu verbreiten, weshalb die Umstände des Arabischen Frühlings abgesehen vom Tod Gaddafis beim Fernsehpublikum kaum bekannt geworden sind.

Der Kabelanbieter Time Warner hat schon jetzt die Verbreitung von Current TV gekündigt -mit Berufung auf den Eigentümerwechsel. Das dürfte sogar der tatsächliche Grund sein, schließlich gehört der Nachrichtenkanal CNN zur Time Warner Familie, der mit al-Dschasira rivalisiert. Die anderen Unternehmen, die den Current TV im Angebot haben, sind bis jetzt aber dabei. Al-Dschasira wiederum will das alte Current TV zwar komplett abdrehen, aber keineswegs einfach eigene Inhalte unter neuem Titel bringen. Vielmehr soll ein neuer Sender mit Sitz in New York entstehen, dessen Programm 40 Millionen Haushalte erreichen und auf den amerikanischen Markt zugeschnitten sein soll - zu 60 Prozent in den USA produziert, den Rest bestreitet der Muttersender. Bereits jetzt verfügt al-Dschasira über Büros in New York, Los Angeles, Washington, Chicago und Miami. Weitere sollen folgen.

Mit dem Plan fordert der Konzern aus Katar natürlich niemand anderen als die Nachrichtensender CNN oder BBC World News heraus. Und Al Gore, dessen Current TV es im Markt der Großen nie recht schaffte, wird nun als Berater dabei sein und seinen alten Traum vielleicht doch noch ausleben können.

Bei allem Engagement für eine Energiewende und insgesamt für eine bessere Welt, hat Al Gore dennoch nicht vergessen, was diese Welt im Innersten zusammenhält. Obwohl der Vertrag zwischen seiner Firma und al-Dschasira erst am Mittwoch unterzeichnet wurde, hat der Demokrat darauf geachtet, dass die geschätzt hundert Millionen Dollar, die ihm aus dem Verkauf zustehen, noch im alten Jahr 2012 bezahlt würden. Sonst nämlich wäre auf ihn der neue Steuersatz für Höchstverdiener entfallen, auf den sich Republikaner und Demokraten in ihrem gequälten Ringen auf der Finanzklippe geeinigt haben.