Gastbeitrag des verstorbenen Publizisten Im Fegefeuer der Selbsterniedrigung

Manche könnten dabei für immer havarieren, etwa wenn sie wie eine Knallcharge namens Michael Wendler die schlechteste Besetzung für ihre Selbstinszenierung sind und sich in jeder Hervorbringung, ob rhetorisch, musikalisch oder duftwasserlich als ungenießbar erweisen. Sie können, wie Ex-Dschungelkönig Peer Kusmagk, den Emu-Anus-Geschmack noch im Mund, von der "Würde" schwadronieren, die sie bewahrt haben. Ach was, die Würde bewahren! Die Voraussetzung ist, dass man auf sie verzichtet, weil man sich für höhere Werte entscheidet wie Aufmerksamkeit oder Gewinnerwartung.

Nein, für die Kandidaten gilt: Statt Dieter Bohlen oder Heidi Klum zu beauftragen: Zeige du mir, wer ich bin, gibt man sich in die Hand eines ironischen Gottes, dem die Leiden seiner Geschöpfe ziemlich gleichgültig sind. Dieser Gott heißt Publikum, und der Preis ist ein doppelter: erniedrigt zu werden in der Konfrontation mit Phobien, Angst, Ekel, und es vor Publikum zu tun. Also müssen die Helden wissen: Nur indem wir durch das Fegefeuer der Selbsterniedrigung gehen, läutern wir uns von der Bedeutungslosigkeit und bewähren uns vor der Unterhaltung.

Traurige Hoden im nächtlichen Finsterwald

Dass dies an Grenzen geht, die auch im Zusehen unerträglich sind und niedere Impulse mobilisieren, widerlegt den schönen Satz von Ex-Dschungelkönig Joey Heindle: "Man kann doch einen Menschen nicht überdehnen." Man kann. Und so sind die wahren Verlierer der Sendung die alten Männer, deren traurige Hoden durch den nächtlichen Finsterwald schaukeln.

Diese Männer, die weder durch ihr Alter, noch durch ihre Lebensleistung jene Achtung verdient haben, die man ihnen von den Jungen anträgt, entpuppen sich als echte Kotzbrocken, in autoritären Strafphantasien schwelgende Despoten wie ehemals der Amok laufende Mathieu Carriere, oder der selbst vor Spucken und Schlagen nicht zurück scheuende Grumpy Old Glatzeder, dessen Hoheit an einer Kärntner Hotelierstochter zerschellt, und der am Ende trotz gesichtschirurgischer Eingriffe doch immer noch ein neues falsches Gesicht im Repertoire hat, zuletzt das liebe.

Der Mensch als Ereignis

Nur noch selten ist im Fernsehen der Mensch ein Ereignis. Die Formate sind zu tot geritten, die Rituale zu steif, die Protagonisten zu besessen vom eigenen Bild. Deshalb erscheinen die Kandidaten im Dschungel zunächst einmal so anders als sonst in diesem Medium. Sind die Mitwirkenden dort notorisch gut gelaunt, sind es die Dschungelbewohner nicht, sind sie dort eindeutig, sind sie es hier nicht, wollen die dort vor allem gut geleuchtet, gut aussehend und gutherzig scheinen, wird ihnen hier das ganze Arsenal der Werkzeuge für die Arbeit am eigenen Bild (englisch: Image) aus der Hand geschlagen. Ungeschminkt, schlecht geleuchtet, missmutig und gealtert, bedroht von Ekel, Phobien und der Ablehnung des Publikums dämmern sie der nächsten Höllenfahrt entgegen, und sollten die Träume sie je in eine bessere Welt entführen, werden sie doch erwachen müssen zum Spucke speienden Gesicht von Winfried Glatzeder.

Ja, es war laut und derb wie gewohnt im Dschungelcamp, und wieder hat man sich verbissen in die Eine, die für die anderen zu sehr Individuum war. Doch dann wurde Larissa plötzlich ganz still. Es folgte einer jener Momente, die so vielsagend sind, auch wenn sie ohne Effekt und ohne Vergrößerung kommen: Acht Ekelprüfungen hatte sie hinter sich, mehr als jeder und jede vor ihr, weltweit. Zum ersten Mal wohnt sie also mit den anderen als Zuschauerin der Prüfung bei, zu der vier Kandidaten bestimmt wurden. Sie blickt zu Boden. Als sie gefragt wird, warum sie so still sei, erwidert sie sinngemäß: Ich kann nicht gut Menschen beim Leiden zusehen. Anders gesagt, sie kann in dieser Show zwar mitwirken, sie sich aber nicht ansehen.

RTL strahlt auch diese Szene aus, ja, die Sendung gestattet sich überhaupt eine erstaunliche Selbstkritik, samt Verunglimpfung des Senders und der Produzenten, der Offenlegung der eigenen niederen Beweggründe wie Sensationsgier und Zynismus, kontinuierlicher Attacken gegen die Bild-Zeitung und ihre Falschmeldungen und Spotlights auf die Hintergründe aus eingereichten Klagen, politischen Verbotsaufrufen und Selbstbewerbungen neuer Kandidaten. So richtet sich die Ironie der Sendung immer auch gegen diese selbst, und im Zweifelsfall liefert sie die Kritik gleich mit - bemerkenswert in einem Medium, das sonst fast keine Selbstkritik kennt und keine Menschen wie Larissa.