Frauenkörper im TV Kamelmarkt 2017

"Das ist unsere liebe Miss Pudding!": Die große Akzeptanz des Ichs bei RTL 2 kann man trotz solcher Sprüche auch beeindruckend finden.

(Foto: RTL 2/Possert)

"Curvy Supermodels", "Dr. Who" und Claus Kleber im Gespräch mit Maria Furtwängler: In den Medien hat der Kampf um die Deutungshoheit von Frauenbildern gerade erst begonnen.

Von Silke Burmester

Als der US-amerikanische Präsident Donald Trump vor zwei Wochen nach Frankreich reiste und auf das Präsidentenpaar Macron traf, adressierte der 71-Jährige Brigitte Macron, 64 Jahre alt, mit den Worten: "Sie sind so gut in Form!" Dann wandte er sich an ihren Mann Emmanuel Macron, 39, und sagte: "Sie ist in so guter körperlicher Verfassung!" Sich erneut Brigitte Macron zuwendend, rundete er die Szene ab: "Beautiful!"

Das Gebaren, das an Verkaufsgespräche auf einem Kamelmarkt erinnert, ging um die Welt. Und die Welt war sich einig im Entsetzen über das Verhalten eines Mannes, dessen Chauvinismus so tief verankert ist, dass man fast geneigt ist, milde mit ihm zu sein, weil man weiß, man kann ihn nicht mehr ändern. Auch in Deutschland gilt spätestens seit dem Skandal um den FDP-Politiker Rainer Brüderle, der einer Journalistin versicherte, sie könne auch ein Dirndl füllen, die öffentliche Beurteilung von Frauen, die Kommentierung dessen, was man als individuellen Vorzug oder als Nachteil ausmacht, als inakzeptabel.

Einerseits. Andererseits stellen Frauen sich nach wie vor dieser Beurteilung auch freiwillig zur Verfügung. Ihren Gipfel erreicht diese Bigotterie, wenn ausgerechnet Frauen, die durch das allgemeine Schönheitsraster fallen, weil sie dick sind, diese Beurteilung suchen.

Die Kandidatinnen arrangieren sich als Pralinen in Dessous in einer Konfektschachtel

RTL 2 ist das Fernsehen gewordene Niveau-Äquivalent zu Donald Trump. Sendungen wie Frauentausch, Berlin Tag und Nacht und Die Geissens spielen ganz auf seiner Linie von Respekt, Achtung und Miteinander. Gleichzeitig gibt es immer auch Bemühungen, Trends jenseits der Trash-Grenze aufzugreifen. So etwa bei der Castingshow Curvy Supermodel, in der aktuell in der zweiten Staffel aus Hunderten von Bewerberinnen ab Konfektionsgröße 40/42 die "eine" gesucht wird, die mit ihrer Fülle das Zeug zur Modelkarriere hat. Die Sendung ist in ihrer Machart an die erfolgreichen Castingformate angelehnt und schickt die jungen Frauen durch eine Reihe von Aufgaben und einen mitunter sehr willkürlichen Kriterienparcours. Die Bereitschaft vieler Kandidatinnen, bereits in der ersten Runde die Textilien fallen zu lassen und in Dessous vor die Jury zu treten, nimmt der Sendung unfreiwillig die Maskerade der Unterhaltungsshow und entblößt den Kern: die Fleischbeschau. Egal, dass zwei Frauen Teil der vierköpfigen Jury sind, die alles entscheidende Frage ist, ob der vorgeführte Körper den innerhalb unseres patriarchalen Systems ausgeprägten Schönheitsidealen entspricht. Auch das ist Kamelmarkt 2017.

Daran kann man sich stören. Man kann vor allem die Machart in Frage stellen, wenn es heißt: "Das ist unsere liebe Miss Pudding!" Oder die Frauen sich als Pralinen verführerisch in Dessous in einer überdimensionalen Konfektschachtel arrangieren sollen. Man kann aber auch sehen, wie einige der gerade mal Anfang 20-jährigen Frauen trotz eines omnipräsenten Dünnheits- und Idealmaßterrors ein geradezu beneidenswertes Körpergefühl haben und jede Faser ihres Körpers schön finden. Da ist eine große Akzeptanz des Ichs - und in Anbetracht der dicken Pos und Beine kein "obwohl" und kein "trotz".

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Für den Feminismus der Gegenwart sind Körperbilder ein gewaltiges Thema. Magazine wie Missy bemühen sich redlich, Frauen das erlernte und ständige Sich-Infragestellen über vermeintliche Unzulänglichkeiten auszutreiben. "Body Shaming" und "Body Positivity" sind die Schlagworte. Spiegel Online-Kolumnistin Margarete Stokowski hat zu dem Thema kürzlich einen mehr als 900 000 Mal geklickten Text geschrieben. Nicht erkennend, dass die Deutungshoheit der Körperbetrachtung ein höchst politisches Thema ist, warf Spiegel-Kollege Jan Fleischhauer daraufhin dem aktuellen Feminismus vor, sich unpolitisch in Gedöns zu verlieren.

In den Medien hat der Kampf um die Deutungshoheit von Frauenbildern begonnen. Dass er hier stattfindet und nicht wie früher dort, wo ihn keiner sieht, hat die Ursache darin, dass Männer, die in den Medien institutionelles Manspreading betrieben haben (sich breitmachen, damit neben ihnen keiner Platz hat) merken, dass sie ihr Refugium verteidigen müssen. Dazu passt zum Beispiel auch, dass sie sich gerne über Frauenfußball lustig machen, der quotenmäßig etwa die Curvy Supermodels aber dann doch weit hinter sich lässt.

Geradezu beispielhaft ließ sich die Verteidigung des Raumes Mitte Juli beobachten, als Claus Kleber im Heute-Journal Maria Furtwängler interviewte. Die Stiftung der Schauspielerin hatte eine Studie zur Präsenz von Frauen im Fernsehen in Auftrag gegeben, die unter anderem ergab, dass Frauen nur halb so oft zu sehen sind wie Männer. Klebers Fragen zeigten, dass die Studie bereits als Angriff empfunden wird. Die Wortwahl spiegelt seinen Ärger, dass Furtwängler das Thema angepackt hat: "Hollywood hat ein ganz feines Gefühl dafür, was das Publikum sehen will." Und als hätte er auf der Metaebene nicht deutlich genug gemacht, wie sie meinen könne, etwas besser wissen zu wollen als "Hollywood", zog er die beliebte Karte der unterstellten übertriebenen Handlung: "Wollen Sie das mit so einer Geschlechterproporzgeschichte überziehen?", fragte er und stellte Furtwängler als eine fürs Publikum bedrohliche Femi-Hexe dar: "Wollen Sie Benjamin Blümchen gendermainstreamen?"

Auch in Großbritannien geht die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit um. Zum ersten Mal seit ihrer Erstausstrahlung 1963 wird die Hauptrolle im BBC-Klassiker Dr. Who von einer Frau besetzt. Anlass für den früheren Dr. Who-Darsteller Peter Davison, den Verlust eines Vorbildes für Jungen zu beklagen. Ein Eindruck, den Maria Furtwängler nicht teilen wird. Ihre Studie offenbart, dass von vier Figuren im Kinderfernsehen nur eine weiblich ist. Und die BBC ist noch für weitere Erschütterungen gut: Vergangene Woche musste der Sender offenbaren, dass die bestbezahlte Moderatorin rund 20 Prozent des Gehalts ihres bestbezahlten Kollegen bekommt.

Man wäre vermutlich naiv zu glauben, dass das bei uns anders wäre. Dass Marietta Slomka für ihre Moderation des Heute-Journal so viel Geld bekommt wie Claus Kleber oder Judith Rakers bei 3 nach 9 die gleiche Summe wie Giovanni di Lorenzo. In Deutschland schützen das "Persönlichkeitsrecht" und die "Vertraulichkeit der Verträge", wie es bei der ARD heißt, uns Bürger vor einer für unser Miteinander sicherlich interessanten Erkenntnis. Anders beim ZDF. Dort heißt es auf Anfrage: "Bei der Vergütung von Leistungen gibt es keine Differenzierung nach Geschlecht oder anderen Persönlichkeitsmerkmalen." Das ist schön zu hören. Vor allem für Birte Meier. Die Fernsehjournalistin hat geklagt, weil sie jahrelang als fest-freie Mitarbeiterin bei Frontal 21 für dieselbe Arbeit wie männliche Kollegen weniger Geld bekommen hat. Die Klage sei völlig unberechtigt, befand der Richter in erster Instanz, obwohl nicht bestritten wird, dass die Männer mehr Geld für dieselbe Tätigkeit bekommen haben. Der Fehler liegt in der Betrachtung. Den mache Birte Meier, wenn sie auf ihre Tätigkeit guckt, nicht aber auf die Form der Anstellung.

Die BBC jedenfalls hat zugesagt, bis 2020 die geschlechtsbedingte Differenz der Gehälter abzuschaffen.

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