Erdoğan im Interview Stichwortgeber am Hof von Sultan Erdoğan

Recep Tayyip Erdoğan während einer Rede im Präsidentenpalast von Ankara.

(Foto: REUTERS)

Der türkische Staatspräsident lädt die ARD zum Interview. Und degradiert seinen Gesprächspartner zum atmenden Mikrofonständer.

TV-Kritik von Tomas Avenarius

Am Hof der Osmanen ging es bekanntermaßen prächtig zu. Mit Sicherheit gab es im Hofstaat der Eunuchen, Leibvorkoster und Fliegenwegwedler auch einen Lakaien, der dem Sultan als willfähriger Stichwortgeber diente. Etwa, wenn der Herrscher sich zu etwas Bedeutendem äußern wollte, ohne von oben herab, sondern auf Augenhöhe mit seinem Volk (das er nie sah) zu sprechen.

Das Osmanenreich ist untergegangen, aber in Ankara geht es immer noch einigermaßen prächtig zu. Wenn der Putsch-geschockte Putsch-von-oben-Putschist Erdoğan ("Ich bin kein König, ich bin nur ein Staatspräsident") der Welt seine Politik der besonders harten Hand erklären möchte, gewährt er der ARD ein Exklusivinterview, dann macht Sigmund Gottlieb vom BR-Fernsehen den Stichwort-Kastraten: "Glauben Sie wirklich, dass die Organisation Gülen tatsächlich der Hauptauslösepunkt dieses Putsches war oder müssen Sie nicht auch kritisch oder selbstkritisch sagen, das war eine - tja - eine Aneinanderreihung, eine Zusammensetzung unterschiedlicher Motive der Unzufriedenheit?"

Gottlieb plaudert sich einfühlsam nickend durch das halbstündige Interview

Wer sich die Liste der Festgenommen ansieht, begreift, dass der Putsch mehr war als eine Aneinanderreihung von Motiven der Unzufriedenheit: Er war auch Steilvorlage für ein Großreinemachen in den Reihen der Opposition und im Staatsapparat. Offiziere, Polizisten, Geheimdienstler, Professoren, Journalisten - Erdoğans Liste ist wohl noch lange nicht abgearbeitet.

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Gottlieb plaudert sich einfühlsam nickend wie ein Psychotherapeut durch das halbstündige Interview: Die Gesellschaft gespalten? Als bekannt "entscheidungsstarker" Staatsmann vollziehe er, Erdoğan, nur den Willen des Volks, mit den Instrumenten der Demokratie und im Rahmen des Rechtsstaats. Auf die Frage nach der Todesstrafe darf der türkische Rechtsstaatler sagen, dass diese nur in Europa abgeschafft sei, im Rest der Welt aber Normalfall bleibe. Der Wirtschaft gehe es trotz des Coups bestens, die gefeuerten Professoren würden umgehend ersetzt werden.

Wer Erdoğan durch Gottliebs Fragenkatalog zuhört, wird die Türkei für eine Insel der Demokratie-Seeligen halten. Gänzlich unerfreulich wird es, als der Zensur-affine Türke mutmaßt, Teile seiner Äußerungen würden nicht ausgestrahlt werden: "Bei uns wird nichts gestrichen", so Gottlieb, "in der ARD nicht": Da degradiert sich der BR-Chefredakteur zum atmenden Mikrofonständer am Hof des Neo-Osmanen.

Im Moma durfte/sollte/musste ARD-Korrespondent Michael Schramm den Eindruck dementieren, die ARD habe Erdoğan "eine Werbeplattform" gezimmert: "Es gab keine abgesprochenen Fragen." Die waren nicht nötig: Der nette Herr Gottlieb ist der Günther Jauch des Diktatoren-Interviews. Er steht in einer Reihe mit anderen verständnisvollen Befragern ungezügelter Machtmänner: Jürgen Todenhöfer bei Assad, Claus Kleber bei Ahmadinedschad, Hubert Seipel bei Putin. Alles keine Sternstunden des deutschen Fernsehens.

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