Debatte um Frauenquote "Deutschland auf Augenhöhe mit Indien"

Wo ist eigentlich Alice Schwarzer, wenn man sie bräuchte? Arbeitsministerin von der Leyen äußert sich zur Forderung von 350 Journalistinnen, binnen fünf Jahren 30 Prozent der Führungspositionen in Verlagen mit Frauen zu besetzen. Doch "Spiegel"-Chef Mascolo hat sich schon entschieden.

Von Willi Winkler

Georg Mascolo erschien in gewohnt schlanker Gestalt. Auf eine Krawatte hatte er am Sonntagabend verzichtet, was ihm ein leicht verwegenes Aussehen verlieh. Er war in einen eleganten anthrazitfarbenen Anzug gekleidet, trug passende Schuhe dazu, und ein blütenweißes Hemd rundete die Erscheinung des für seine 47 Jahre beneidenswert gut aussehenden Spiegel-Chefs ab.

Bundesministerin Ursula von der Leyen begrüßt die Forderung nach einer Frauenquote in den Führungspositionen der Redaktionen in Deutschland.

(Foto: dapd)

Er macht auf jedem Parkett eine gute Figur, deshalb fiel es ihm auch nicht schwer, im Verlagsgebäude in der Hamburger Speicherstadt den wie immer bezaubernden Gastgeber für Dr. med. Ursula von der Leyen zu geben, die vielbeschäftigte Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

So oder doch so ähnlich müsste die Schilderung beginnen, wenn der öffentliche Auftritt einer Frau beschrieben würde. Ein Mann kann zwar nur selten ein so apart geschlitztes Kleid, wie Angelina Jolie es auf dem roten Teppich in Los Angeles trug, vorweisen, dafür verfügt er aber im Zweifel über mehr Macht, so dass ihm eine solche abschätzende Stilkritik erspart bleibt.

Am vergangenen Sonntagabend lag die Macht eindeutig bei den Frauen, als deren strahlendes Erfolgsmodell Frau von der Leyen auftrat. Sie hatte bereitwillig ihr Wochenende verkürzt, um sich zu allen Problemen der Gegenwart befragen zu lassen.

Die Frau Ministerin lobte den kommenden Bundespräsidenten ("Ich persönlich freue mich auf Joachim Gauck"), wollte noch mehr in die hochspannende Resilienzforschung investieren und konnte am eigenen Beispiel erläutern, dass sich eine Rippenfellentzündung wie "Lederknarren" anhört.

Der am Sonntag veröffentlichte Aufruf von 350 Journalistinnen, binnen fünf Jahren mindestens dreißig Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen mit Frauen zu besetzen, fand selbstverständlich die wärmste Unterstützung der Ministerin, die sich wegen der Frauenquote bereits mit den Dax-Konzernen angelegt hat und über deren Resilienz nur staunen kann. Deutschland liege da im Vergleich mit den USA, mit Frankreich, mit England weit zurück und befände sich, interessanter Vergleich, "auf Augenhöhe mit Indien".

Die deutschen Medien verhalten sich nicht viel großwüchsiger. Mascolo sieht die Initiative selbstverständlich mit großer Sympathie. Er hat eine Statistik vorbereitet, nach der in der Textredaktion des Spiegel bereits 22,4 Prozent Frauen in leitender Funktion beschäftigt seien - nach der Berechnung seiner Co-Rednerin Britta Sandberg sind es nur 15,3 - und lehnt die Quote als für den Spiegel ungeeignet ab.

Aber dann muss doch wieder Griechenland gerettet werden, dem Euro geht's auch nicht so gut, die Einkommensschere klafft. Europa, sagt die Ministerin noch, muss sich breit auf-stellen, sonst wird das nichts. Wo ist eigentlich Alice Schwarzer, wenn man sie bräuchte?