Debatte um die AfD Die AfD ignorieren? Oder entlarven?

Wie lässt sich eine populistische Partei wie die AfD am besten demaskieren? Keine Frage beschäftigte die Medien in dieser Woche mehr. Die Fronten sind klar verteilt. Ein Überblick.

Von Carolin Gasteiger

Die Haudrauf-Partei mit ihren kruden Ideen ist derzeit eines der herrschenden Themen - und sie verändert den politischen Diskurs. Kaum ein Medium, das sich in dieser Woche nicht in aller Ausführlichkeit der Masche (Tagesschau), der Ideologie (Zeit), dem medialen Umgang (Spiegel Online) und den Mitteln gegen die Partei (SZ) gewidmet hat. Zeit, die unterschiedlichen Haltungen einzuordnen - und die Frage zu stellen:

Wie geht man am besten mit der AfD um?

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die der AfD gern den Phrasen- und Propaganda-Hahn abdrehen würden. Erst wollten Grüne und SPD in Baden-Württemberg nicht mit der AfD im Fernsehen diskutieren, nun also doch. Sigmar Gabriel plädierte für ein Talkshow-Verbot und Überwachung durch den Verfassungsschutz. Das ewige Reden über die AfD verkomme schon zur Obsession und lasse wirklich wichtige Themen unter den Tisch fallen, schreibt Gregor Diez und ruft in seiner Kolumne auf Spiegel Online "Das Scheitern der Talk-Republik" aus. Aber mal ehrlich: Welche Talkshow würde gerade das Leid syrischer Kinder aufs Tableau heben, wenn sich Deutschland gerade fragt, ob bald an allen Ecken und Enden Wachtürme aufgestellt werden?

"Ignorieren kann man die AfD nicht", sagt Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der die Partei seit längerem untersucht. Das widerspräche unserem demokratischen Verständnis und würde die Realität verkennen. Immerhin liegt die AfD in bundesweiten Umfragen momentan bei zehn bis 15 Prozent. "Man muss sich eben auch mit Bewegungen auseinandersetzen, die einem nicht gefallen."

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Also wieder ab in die Talkshows? Auf der anderen Seite der Debatte wird genau das gefordert, die AfD sehr wohl ins Fernsehen einzuladen. Detlef Esslinger konstatiert in der SZ: "Das beste Mittel gegen die AfD ist die AfD selbst." Wer krude Forderungen wie Beatrix von Storch erhebt und die Kanzlerin nach Chile schicken will, demaskiere sich selbst genug, so der Tenor derer, die die AfD zu Wort kommen lassen wollen. Aus der Redaktion von Anne Will heißt es dazu: "Wir sind überzeugt davon, dass es richtig ist, sich mit Vertretern der AfD auseinanderzusetzen, und zwar inhaltlich. Das haben wir jetzt ja auch schon ein paar Mal getan, und wir haben den Eindruck, die AfD dadurch kenntlicher gemacht zu haben."

Trotzdem sind Kommunikationswissenschaftler Brettschneider zufolge Talkshows nicht das richtige Format für diese Art von Brüllaffen-Politik. Einer Politik, die auf drastische Weise das ausspricht, was sich viele angeblich nicht trauen zu sagen. Und die mitunter auf eine Masche setze, "derer sich schon die Nazis bedient haben", wie Rainald Becker jüngst in der Tagesschau kommentierte. Und deren Hintergründe in der Kürze einer 90-Minuten-Sendung einfach nicht ausreichend beleuchtet werden könnten. Extremismus-Forscher Hajo Funke sagte in der Bild über Talkshows: "Sie sind auf Schlagabtausch angelegt, auf Zusammenprall. Da gewinnt immer der, der am radikalsten ist."

"Frauke Petry hat die Art, in Talkshows Einwände aus Sicht ihrer Anhänger erfolgreich abzuwehren, perfektioniert", sagt Brettschneider. Immer wenn es eng wird, tue sie so, als wisse sie von nichts. Oder sie wiegele die Gegenseite einfach ab. "Die Zuschauer lernen dabei nichts." Auch nicht, dass der Populismus gar nicht ausschließlich der AfD zuzuschreiben ist, sondern auch anderen Parteien. In der Zeit konstatiert Ludwig Greven, Petry habe lediglich auf die Spitze getrieben, was andere längst forderten. Demzufolge poltern und krakeelten und hetzten also nicht nur AfD-Vertreter in Talkshows, sondern - vor lauter Aufregung - alle.

Ignorieren und Stigmatisieren sei keine kluge Form der Auseinandersetzung, heißt es dazu aus der Redaktion von Maybrit Illner. Die Redaktion werde für die Zukunft nicht ausschließen, die AfD immer mal wieder einzuladen, heißt es, "je nach Sendungskonzept, Themenlage und Aktualität". Aber: "Die AfD ist allerdings eine Partei, die sich zuletzt stark verändert hat und immer noch verändert. Das beobachten wir natürlich genau."

Was ist die Lösung?

Die beste Methode sei Brettschneider zufolge, die Inhalte des AfD-Parteiprogramms zu analysieren. Experten sollen demzufolge die zentralen Forderungen analysieren und enordnen. Das klingt einleuchtend. Allerdings muss der Zuschauer dann bereit sein, sich darauf einzulassen - und die Taktik in Talkshow-Diskursen zu durchschauen.

Großmäuler, Brüllaffen und Haudraufs finden sich immer häufiger in der Politik - von der AfD bis zu US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Der Schlaf der Demokratie habe diese "Ungeheuer" geboren, schreibt Jakob Augstein fatalistisch auf Spiegel Online. Und weiter: "Die AfD ist Politik gewordener Neoliberalismus: Es zählt nur der Erfolg, der Inhalt ist egal."

Langsam scheint das auch in den Fernsehredaktionen angekommen zu sein. Die Macher von Maybrit Illner ziehen zumindest für ihren Donnerstags-Talk klare Konsequenzen: "Wenn die AfD nur noch Hetze betreibt oder zu Gewalt aufruft, wird sie nicht mehr Gast unserer Sendung sein."

Das Problem, das der politische Diskurs in diesem Land mit dieser Partei hat, wird sich durch systematisches Ignorieren allerdings nicht in Luft auflösen.