Dänischer Dokumentarfilm "Armadillo" Krieg kann so hässlich sein

Ein preisgekrönter Dokumentarfilm sorgt in Dänemark derzeit für heftige Diskussionen: "Armadillo" zeigt Soldaten im Afghanistan-Einsatz. Die drastischen Bilder verstören - und rufen unterschiedliche Reaktionen hervor.

von L. L. Andreasen und D. Hoffmann

Geschosse sausen am Kopf von Kameramann Lars Skree vorbei, als die Spitze der dänischen Kolonne die Gegner angreift. Getötete Taliban liegen rücklings auf dem Boden, Innereien quellen aus ihren Bäuchen. Ein junger Soldat scheint vor Schock erstarrt. Diese Szene ist nur eine von vielen in dem preisgekrönten Dokumentarfilm Armadillo. Ein Film, der zeigen will, wie sich der Krieg in Afghanistan für die Frontsoldaten anfühlt. Und der dabei recht erfolgreich ist.

Armadillo, so heißt das schwer befestigte Lager nahe der Frontlinie in der afghanischen Provinz Helmand, in dem die dänischen Truppen untergebracht sind. Der gleichnamige Film erfährt derzeit viel Beachtung in dänischen Kinos. Die dänische Regierung entschloss sich 2001 dazu, sich der von der USA geführten Operation Enduring Freedom anzuschließen. Neun Jahre nach Beginn des Einsatzes in Afghanistan will Armadillo ein breites Bewusstsein dafür schaffen, was es für einen Soldaten heißt, im Krieg zu sein.

"Bis jetzt hat sich die dänische Diskussion über Afghanistan immer nur um die politische Dimension des Krieges gedreht. Aber dieser Film wird die Debatte umkehren", sagte der Professor für Medienwissenschaft, Ib Bondebjerg, zur linksliberalen dänischen Zeitung Information. Er vermutet, dass viele Menschen die Realität des Krieges nicht verstehen. Armadillo aber werde dem Publikum zeigen, mit welchen Ängsten und Nöten Soldaten in Helmands Schützengräben zu kämpfen haben.

Die Premiere war ursprünglich erst für Juli angesetzt. Nachdem der Film aber einen ersten Platz in Cannes gewonnen hatte und weil in der Öffentlichkeit massiv über die Inhalte diskutiert wurde, zeigten rund 40 Kinos im ganzen Land Armadillo bereits am 27. Mai. Kurz zuvor durfte bereits ein ausgewählter Kreis von 100 geladenen Gästen aus Politik, Medien und Kultur die Kriegsdokumentation sehen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich.

"Die Dokumentation zeigt, dass die dänische Armee die moralisch gerechteste ist - vielleicht sogar die gerechteste, die es jemals gab. Ihre Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung sind einmalig", sagte etwa der außenpolitische Sprecher der Dänischen Volkspartei (DF), Søren Espersen, nach der Vorstellung. Andere Politiker zeigten sich geschockt. Vor allem eine Szene hat sie erschüttert: Ein Soldat spricht nach einem Gefecht von "Liquidierung". Taliban-Kämpfer wurden dabei durch eine Handgranate verletzt. Der Kampf endete damit, dass dänische Soldaten ihre Waffen auf die Verwundeten richteten und feuerten. "Ich bin entsetzt darüber, dass sie auf Verletzte schießen", sagte Pernille Frahm von der Sozialistischen Volkspartei (SF). Eine Untersuchung soll nun klären, ob die tödlichen Schüsse gegen die Genfer Konvention verstoßen.

Noch bevor die Dänen den Film in voller Länge sehen dürfen, ist eine Diskussion über das dänische Engagement in Afghanistan entbrannt. Der Regisseur Janus Metz sagte dazu in der Zeitung Berlingske Tidene: "Ich wollte keine politische Debatte anzetteln. Wir haben den Film in die Luft geworfen und jetzt wird er in verschiedene Richtungen geweht, das können wir aber letzten Endes nicht beeinflussen."

"Als Nation sind wir ziemlich ahnungslos"

Der Film zeige ein Bild von den Komplikationen, die aufkommen, wenn man versuche, Frieden mit Militärmacht zu stiften. "Und ich glaube, wir Dänen sollten uns zu dieser Frage aktiver verhalten", sagt Metz.

Laut Drehbuchautor und Kriegs-Kritiker Carsten Jensen wurde die Realität des Krieges bislang erfolgreich aus den Medien ferngehalten. Armadillo stehe in scharfem Kontrast zu Geschichten, in denen die Soldaten die Herzen der afghanischen Bevölkerung gewännen und dabei helfen, die Gesellschaft zu stabilisieren. "Armadillo illustriert die schockierende Wirklichkeit des Krieges. Das ist eine Geschichte, die bis jetzt noch nicht erzählt wurde", sagte Carsten Jensen der Zeitung Information.

Der Film feierte ungefähr zur selben Zeit Premiere, als das Buch Vi slår ihjel - og lever med det (zu Deutsch: Wir töten - und wir leben damit) von Oberst Lars R. Møller veröffentlicht wurde - und für weiteren Gesprächsstoff sorgte. Sowohl Buch als auch Dokumentation bringen Geschichten über den Krieg ans Licht, die bislang nicht Teil der Debatte waren. Offenbar sahen einige Soldaten die Taliban nicht mehr als Menschen, nachdem sie Møllers Bericht gelesen haben. 18 Prozent machten sich deshalb vor Angst in die Hosen, wenn sie auf die Gegner trafen.

"Im Krieg geht es ums Töten. Es gibt schwarz und weiß. Wir müssen das einsehen", sagte Armadillo-Regisseur Janus Metz vor der Premiere. "Als Nation sind wir ziemlich ahnungslos, wenn es um Kriegsgeschichten geht. Wir denken nicht darüber nach, was es wirklich bedeutet, Menschen in den Krieg zu schicken."

Erwartungsgemäß haben sich nach der Vorpremiere des Films auch Militärexperten zu den Vorwürfen geäußert. Henrik Ø. Breitenbauch, Forscher am dänischen Zentrum für Militärforschungen, schrieb in der Tageszeitung Berlingske Tidene: "Armadillo erzählt nicht die ganze Wahrheit." Er beklagt einen Tunnelblick in der öffentlichen Debatte. "Es ist problematisch, wenn die Debatte sich eher darum dreht, wie der Krieg für die Soldaten aussieht, als durch die Brille von Isaf-Chef General McChrystal."