Best of "TV total" Stefan Raab wird dem Fernsehen weit mehr fehlen als andersherum

Wenn etwas nicht funktioniert, zieht Raab weiter und probiert fröhlich etwas anderes. Mal sehen, was als nächstes kommt.

(Foto: David Hecker/Getty Images)

Selbst sein Abschied ist noch innovativ.

Von Cornelius Pollmer

Einmal angenommen, Stefan Raab führe nach dem Ende seiner Fernsehkarriere in den Urlaub, einmal angenommen, er führe weit weg, und einmal angenommen, er säße dann abends am Lagerfeuer mit einem Fremden zusammen, dann könnte ihn der Fremde fragen: Und, was hast du bislang so gemacht, in deinem Leben? Raab dürfte wahrheitsgemäß antworten: "Ich habe am Anfang meiner Karriere Leuten mit einem Schaumstoffhammer auf den Kopf gehauen, gegen Ende aber die deutsche Bundeskanzlerin bei einem Fernsehduell interviewt. Ich habe in der Zwischenzeit mit Will Smith zur Ukulele gesungen und Kylie Minogue ein bisschen Kölsch beigebracht ("Du bist en lecker Mädsche"). Ach, und weil du gerade so komisch auf meine Nase guckst - die wurde erst von so einem Musikproduzenten aus Frankfurt gebrochen, später dann von einer Box-Weltmeisterin. Das Steißbein habe ich mir auch mal zertrümmert, das war bei einem Sprung aus 17 Metern Höhe, also lange bevor Lena und ich den Eurovision Song Contest gewonnen haben."

Würde der Fremde dann seine Ärmel krempeln, um dem Prahl-Hans-Dampf neben sich mal wieder die Nase zu richten, müsste man dazwischen gehen und Raab für seine Bescheidenheit loben. Er hatte schließlich gar nicht erwähnt, dass sein Wettlauf gegen Claudia Pechstein dereinst 32 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern erreichte, dass seine Format-Ideen von China bis Kroatien im Grunde überallhin verkauft worden sind, und dass das TV Total Turmspringen bei einer Umfrage unter Athleten einmal zur drittbesten Sportsendung im deutschen Fernsehen gewählt worden ist - hinter der Sportschau und dem Aktuellen Sportstudio.

Raab war ein kompletter Entertainer.

Er werde seine "Fernsehschuhe an den Nagel hängen", sagte Raab bei der Ankündigung seines Endes. Am kommenden Mittwoch wird er Ausgabe Nummer 2243 von TV Total moderieren, am Samstag danach das letzte Mal Schlag den Raab ; an diesem Freitag schon läuft Das Beste aus TV Total. Dass seine TV-Karriere mit Schlag den Raab endet, passt insofern ganz gut, als es genau dieses Format war, in dem sich stets gut beobachten ließ, was den Moderator und Musiker Stefan Raab grundsätzlich auszeichnet.

Ich mach dann mal den Raab

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Wenn er gewann, dann gewann er nicht, weil seine Stärken zahlreicher oder ausgeprägter gewesen wären als die seiner Gegner. Er gewann, weil er in weniger Disziplinen Schwächen aufwies. Raab war ein kompletter Entertainer. Das lässt sich mit einem kursorischen Blick auf 22 Jahre Fernsehleben mit ihm nur andeuten. Hilfreicher wäre es, würde demnächst ein RWV eingerichtet, ein Raab-Werke-Verzeichnis, vom Raabigramm für Dieter Bohlen über das Geburtstagslied "Hier kommt die Maus" bis zum Eisfußball-Pokal.

Als Harald Schmidt und Thomas Gottschalk ihre Bühnen verließen, waren die Fehlstellen präzise zu benennen. Mit Schmidt schwand der Bildungsadel, mit Gottschalk die Onkelhaftigkeit. Bei Stefan Raab ist das etwas komplizierter. Klar sagen lässt sich zumindest, was er dem deutschen Unterhaltungsfernsehen geschenkt hat: erstens Formate, deren Innovationskraft sich nicht darauf beschränkte, die Rückseiten der Moderationskarten mal in einer anderen Farbe zu drucken. Zweitens Musik, die das irre Auf-Eins-und-Drei-Diktum der öffentlich-rechtlichen Anstalten entlarvte. Drittens den seltenen und manchmal anstrengenden Ehrgeiz, möglichst viel möglichst gut zu machen.