Berichterstattung über Axt-Angriff in Regionalzug Diese "Tagesthemen"-Schalte hätte man sich sparen können

Gerüchte von der Tankstelle: Lokalreporter Wolfgang Jandl in den Tagesthemen.

(Foto: ARD Screenshot)

Nach dem Axt-Angriff bei Würzburg tritt in den Spätnachrichten ein heillos überforderter Lokalreporter auf. Die "Tagesthemen"-Redaktion hätte Wolfgang Jandl vor der eigenen Ahnungslosigkeit schützen müssen.

Von David Denk

Wolfgang Jandl hatte am Montagabend eine denkbar undankbare Aufgabe: Nur Minuten nach ersten Meldungen über die Attacke in einem Regionalzug bei Würzburg sollte der BR-Fernsehreporter im Regionalstudio Mainfranken, der laut Senderwebseite am liebsten über "Pflanzen und Tiere, Garten und Natur, Weinbau und gutes Essen" berichtet, in den Tagesthemen eine erste Einschätzung zu den Ereignissen liefern. Jandl, laut Christian Nitsche, Zweiter Chefredakteur ARD aktuell, "der erste verfügbare Reporter, der ins Studio kommen konnte", war heillos überfordert - und das war nicht allein seine Schuld.

Anders als etwa seine vom Putschversuch in der Türkei überrumpelten Korrespondentenkollegen konnte Jandl noch nicht mal auf Vorgeschichte und Gefühlslage ausweichen. Er stand im Trachtenjanker da und wusste von nichts. "Wir wissen, was Sie schon gesagt haben", sagte er zu Moderator Thomas Roth und hatte dem praktisch nichts hinzuzufügen.

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Unglücklicher Höhepunkt war sicher, als er angab, durch "Personen, die ich in der Tankstelle belauscht habe" von der angeblichen Festnahme des Täters erfahren zu haben. Diese wertlose Hörensagen-Information hätte er besser für sich behalten. Nur, was hätte er dann noch zu erzählen gehabt? Immerhin war er live auf Sendung. Es wäre Aufgabe der Tagesthemen-Redaktion gewesen, strenger (oder überhaupt?) zu prüfen, ob Jandl außer Gerüchten etwas mitzuteilen hat, also den Reporter vor der eigenen Ahnungslosigkeit zu schützen. Im Laufe der Sendung wurde die Nachrichtenlage klarer, doch mit dem entbehrlichen zweiminütigen Auftritt hat weder Jandl noch die Redaktion geglänzt.

Wie schnell ist schnell genug?

ARD und ZDF sind angesichts ihrer als verspätet und träge wahrgenommenen Berichterstattung über die Großlagen der vergangenen Tage, insbesondere den Putschversuch in der Türkei, in die Kritik geraten - wogegen sich Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD aktuell, gewehrt hat: "Das Erste hat die Menschen schnell, umfassend und kompetent über die Lage in der Türkei informiert."

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Die Frage ist nur: Wie schnell ist schnell genug? Und wie viel (nicht mit Lahmheit zu verwechselnde) Recherchezeit können, ja müssen sich Medien leisten, um ihren Qualitätsstandards zu genügen? Der Echtzeit-Charakter sozialer Netzwerke hat den Druck zur zeitnahen Reaktion jedenfalls deutlich verstärkt. "Im Breaking-News-Fall mit Live-Gesprächen aufzumachen" nennt ARD-aktuell-Mann Nitsche "Standard" und erklärt das mit dem Mangel an Bildern "bei neuen Ereignislagen". Aber reicht es zu reden, wo es nichts zu zeigen gibt? Es fehlte schließlich nicht nur an Bildern, sondern auch an belastbaren Informationen.

Schnelligkeit ist schön und gut, aber doch kein Wert an sich. Es mag eine Binse sein, die Dieter Nuhr gekapert hat, aber nützlich ist der Tipp trotzdem: Bei Ahnungslosigkeit rät der Komiker mit recht derbem Vokabular zum Schweigen.