ARD-Film "Über Barbarossaplatz" Ein Film ohne Seelenschalldämmung

Die Stadt und die Nacht: Psychotherapeutin Greta Chameni (Bibiana Beglau, links) trifft man häufig in Kölner Kneipen an.

(Foto: WDR)

Kölner Nacht, keiner schläft hier durch, noch nie so viele Nackte über vierzig im deutschen Fernsehen gesehen. "Über Barbarossaplatz" könnte zur Reihe werden. Traut sich die ARD das?

Von Claudia Tieschky

Der Sound ist sofort da, vom ersten Moment an, wie ein Rauschen, aus dem alles kommt. Der Sound, das ist die Stadt, die Straßenbahn, das Kreischen von Metall auf Metall, Reifen auf nassem Asphalt, Wortgewirr auf dem Bürgersteig, Hupen, etwas wildere Jazzbläser.

Oben, also über dem Kölner Barbarossaplatz, geht die Psychotherapeutin Greta Chameni in der Praxis herum, raucht und telefoniert, gruppiert ein paar Dinge, Topfpflanzen zum Beispiel. Ihre Praxis: okay, aber weit entfernt vom üblichen Fernsehdoktor oder dem Milieu "Akademiker und Singles mit Niveau". Vor allem dringt die Stadt durch alle Ritzen, auch noch beim Besprechen der Seelennot; Schallschutz ist eine Komfortzone, die hier nicht existiert.

"Warum trauern Sie eigentlich nicht um Ihren Mann?", fragt eine Patientin die Ärztin; bald ist klar, dass diese behandlungsbedürftige Stefanie, die gern mit mehreren Männern ins Hotelzimmer geht, auch sehr heftig trauert um diesen Mann.

Bibiana Beglau findet den Film lebensfroh: "Beim Bügeln wippt man da irgendwie mit!"

Gretas Ehemann und Praxispartner Rainer hat sich umgebracht, und weil Rainer den Rhein so mochte, was im Film genau so blöd witzig sein darf, wie es klingt, kippt Greta seine Asche von der Autofähre in den Fluss. Bibiana Beglau spielt die Greta unerhört intensiv in diesem WDR-Film ohne Seelenschalldämmung, der im Sommer beim Filmfest München Premiere hatte und vielleicht der Nachfolger von Bloch in der ARD werden könnte. Regisseur Jan Bonny hat ihn nach einem Buch von Hannah Hollinger realisiert. Joachim Król ist Gretas ehemaliger Lehrer Benjamin, der vorgibt, eine Sterbegruppe zu leiten, und stattdessen zum Squash geht. Die Stadt aber bleibt immer sichtbar, auch nachts, wenn Freunde Greta zum Trotzallem-Feiern überreden, beim Chinesen in einem Licht, das dem Teint keinesfalls schmeichelt - die Kölner Nacht aber ist freundlich, keiner schläft hier durch, noch nie so viele Nackte über vierzig im deutschen Fernsehen gesehen. Und Greta behandelt Stefanie (Franziska Hartmann) weiter.

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Wie ungewöhnlich das ist, dachte man beim Filmfest, und wie toll. Zweiter Gedanke: Traut sich die ARD das?

Bibiana Beglau ist auch im Leben so, dass man denkt, die hat die wilden Locken nicht umsonst so auf dem Kopf, das ist reine Überschussenergie, die oben rauskommt. Verabredung am Bühneneingang des Münchner Residenztheaters, wo sie gerade mit Martin Kušej probt und spätestens seit der Extrem-Performance als Mephisto vom Publikum gefeiert wird. Sie fährt mit dem Rennrad vor, springt fröhlich ab, nimmt das Rad ohne die Bewegung zu unterbrechen auf die Schulter und läuft am Pförtner vorbei ins Gebäude. Jemand muss schnell her und nachschauen, ob ihr beim Wohnungstreichen Farbe auf die Haare getropft ist.

Was machen die da mit diesem Film?

Über Barbarossaplatz sei doch sehr lebensfroh, sagt Bibiana Beglau. "Ich finde, dass diese Erzählweise sehr gut ins Fernsehen passt." Aufgeregter, kompakter als fürs Kino, ordentliches Erzähltempo. Und die Musik: kein smoother amerikanischer Jazz, "sondern es ist deutscher Jazz, wir erinnern uns an Dichter wie Fauser, Brinkmann, aus Köln, Frankfurt, also der Sound von einer Stadt". Ja, findet Beglau "beim Bügeln wippt man da irgendwie mit!"

Um also zurückzukommen auf die Frage: Traut sich die ARD das? Die Antwort lautet: Ja. Das heißt: Nein.

Jedenfalls nicht am Mittwoch um 20.15 Uhr, wo Bloch lief. Um die Nackten, ist zu erfahren, sei es nicht gegangen dabei. Das wirft einige Fragen auf, die in die Eingeweide der ARD führen. Hauptfrage: Was machen die da mit diesem Film?

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Verantwortlich die Planung auf den Hauptsendeplätzen für Fernsehfilm ist eine Koordination in der ARD. Geleitet wird sie von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, den der Zuschauer von Wahlabenden und Brennpunkten kennt. Schönenborn erklärt, dass Redakteure verschiedener Sender vorab die Filme sichten und ein Votum für die Platzierung abgeben. Diese Gruppe habe "die ungewöhnliche Machart von Über Barbarossaplatz goutiert, sah den Film aber einhellig nicht für ein breites Publikum um 20.15 Uhr, sondern ideal auf der zweiten Sendeschiene um 22.45 Uhr programmiert." Dem sei die Koordination Fernsehfilm "ohne kontroverse Debatte einstimmig" gefolgt.