ARD-Dokumentation zu 9/11 Heldenepos in acht Minuten

Mit ihrem Versuch, in "Fischer, Schily: Mein 11. September" Neues zu erzählen, scheitern Stephan Lamby und Michael Wech. Spannung vermittelt der Film trotzdem.

Von Nico Fried

Nach knapp acht Minuten ist in diesem Film über den 11. September der 11. September vorbei. Das ist weniger Zeit, als zwischen den Einschlägen im New Yorker World Trade Center lag. Mit Erinnerungen zu Wort gekommen sind zu diesem Zeitpunkt der Ex-Innenminister, der Ex-Außenminister und der Ex-Regierungssprecher. Otto Schily hat von den vergeblichen Versuchen erzählt, seine Tochter anzurufen, die zu jener Zeit in New York lebte. Joschka Fischer hat erzählt, dass man bei aller Gefühlsaufwallung auch habe agieren müssen. Uwe-Karsten Heye hat von der "kühlen Rationalität" des Kanzlers geschwärmt. Was ist das? Ein Heldenepos im Zeitraffer?

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer reist in die USA, um den drohenden Irak-Krieg abzuwenden - doch in "Fischer, Schily, mein 11. September" ist alles nach acht Minuten gesagt.

(Foto: WDR/ECO Media TV)

Der größte Fehler an diesem Film ist der Titel. Fischer, Schily: "Mein 11. September!" Denn um den Tag des Terrors geht es nur kurz. Stattdessen erzählen Stephan Lamby und Michael Wech die Geschichte von den Angriffen bis zum Irak-Krieg, das sind mal eben eineinhalb Jahre in 45 Minuten. Und sie berichten nicht nur von Fischer und Schily, sondern, je länger der Film dauert, immer mehr von Gerhard Schröder und seinem Zerwürfnis mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Schröder selbst äußert sich aber nicht. Das ist der zweite Fehler des Films, von dem der Titel wohl ablenken sollte.

Trotzdem ist Lamby und Wech etwas gelungen. Sie sind gründliche Rechercheure und pointierte Erzähler. Es ist beachtlich, wie schlüssig sie in der Kürze der Zeit den Bogen ziehen vom Terror in New York und Washington bis zum Terror, der nur noch den Vorwand bot für den amerikanischen Einmarsch im Irak; den Bogen von der uneingeschränkten Solidarität Schröders bis zur strikten Verweigerung der Bundesregierung, den USA nach Bagdad zu folgen. Der Film zählt nicht nur die wichtigsten Stationen dieser Monate auf, er bringt auch die jeweiligen Konflikte in prägnanten Bildern und treffenden Zitaten auf den Punkt: von der Vertrauensfrage des Kanzlers im Bundestag, über den Streit mit den USA wegen der vermeintlichen Erkenntnisse eines Informanten, bis zur Sorge vor einer deutschen Isolation im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Dieser Film ist eine ordentliche, spannend erzählte Zusammenfassung. Was er weglässt, sind die schwierigen Fragen, die sich an Deutschland richteten, von der Terrorzelle in Hamburg über die Folgen in Afghanistan bis zu Bush-Hitler-Vergleichen in der Bundesregierung. Es ist kein Heldenepos geworden, aber die Zweifel sind auch nicht ausgeprägt. Fischer zu fragen, ob er heute etwas anders machen würde, ist als Versuch einer kritischen Bilanz von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Fischer, Schily: "Mein 11. September!" ARD, 22:45 Uhr.

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