Übergriffe in der Öffentlichkeit Sieben Tipps für mehr Zivilcourage

In Frankfurt am Main mahnt ein Graffiti-Bild an einem Pfeiler der Friedensbrücke zu mehr Zivilcourage.

(Foto: Süddeutsche.de/dpa)

Dieser Text erschien ursprünglich im Rahmen der SZ-Recherche zu Toleranz. In den Tagen nach dem Hirntod von Tuğçe A. in Offenbach, die ins Koma geprügelt wurde, nachdem sie zwei Mädchen zu Hilfe gekommen war, spricht ganz Deutschland über Zivilcourage. Und folgende Ratschläge wirken aktueller denn je.

Von Lena Jakat
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Angepöbelt, bespuckt, ausgegrenzt: Was der schwarze Leipziger Alex Müller in seinem Erfahrungsbericht für die Toleranz-Recherche schildert, erleben viele Menschen so oder so ähnlich jeden Tag, fast überall in Deutschland. Wer selbst Opfer eines verbalen oder körperlichen Übergriffs wurde, weiß, dass Umstehende nur selten eingreifen.

Wenn Sie selbst schon Zeuge waren, haben Sie womöglich gedacht: "Sollte ich mich da einmischen?" Und sich dann vielleicht aus Angst nicht getraut. Oder weil ja noch so viele andere da sind.

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"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Dabei können schon kleine Gesten viel bewirken. Ralf Bongartz war 20 Jahre lang bei der Kriminalpolizei, ermittelte bei Sexualstraftaten und Tötungsdelikten. Heute arbeitet er in ganz Deutschland als Trainer für Prävention, Zivilcourage und Konfliktmanagement. Wir haben den Experten die folgende Szene kommentieren lassen. Er gibt Tipps, wie man sich in einer solchen Situation verhält - als Opfer und als Zeuge.

Ein junger Mann sitzt in einem Linienbus. Es ist früher Abend, der Bus ist halbvoll. Drei Jugendliche steigen lärmend zu, sie werfen sich provokante Sprüche zu und wirken aggressiv. Die drei nähern sich dem Fahrgast und fangen an, zu pöbeln: "Hey, schau mich an!"

1. Bestimmen Sie selbst das Spiel!

Als Opfer: Wenn Sie ein ungutes Gefühl bei den Jugendlichen bekommen, die sich Ihnen gerade nähern, stehen Sie auf, setzen sich zu anderen Fahrgästen und beginnen ein Gespräch. Wenn die Pöbler Abstand halten, kann auch souveränes Ignorieren eine Lösung sein. Schauen Sie mit festem Blick an ihnen vorbei. Machen Sie sich aber nicht klein. Sobald Sie sich wegducken, sind Sie schon auf deren Spielfeld gelandet. Das wollen Sie aber unbedingt vermeiden.

Wer aus der Nahdistanz angepöbelt wird, für den sind klare Ansagen und direkter Blickkontakt wichtig: "Lassen Sie mich in Ruhe; ich kenne Sie nicht." Auf keinen Fall sollte man ebenso aggressiv zurückmotzen.

Ralf Bongartz bietet Kurse und Workshops für mehr Zivilcourage an.

(Foto: Lena Böhn / Fischer-Verlag)

2. Sich neutral einmischen

Als Zeuge: Sie bekommen mit, wie der junge Mann angepöbelt wird. Er wirkt zunehmend eingeschüchtert, die Umstehenden immer gewaltbereiter. Selbst wenn die Konfliktsituation aus Ihrer Sicht eindeutig ist: Nähern Sie sich mit neutralen Worten, etwa: "Wir haben euren Streit mitbekommen, alles okay bei euch?" Die Angreifer werden dann vielleicht abwiegeln, werden so tun, als sei ihr Opfer ein Freund. Dann ist die Aggression erst mal gewichen. Und Sie können den Bedrängten fragen: "Brauchen Sie Hilfe?"

Die drei haben ihr Opfer umringt. Die Sprüche werden aggressiver, einer setzt sich auf den freien Platz neben dem jungen Mann und fängt an, ihn in die Seite zu stoßen.

3. Alarm schlagen

Als Opfer: Wenn Sie sich bedroht fühlen, brechen Sie radikal aus. Bleiben Sie nicht sitzen. Drängen Sie sich an den Angreifern vorbei und gehen zum Busfahrer. Wenn Sie in S- oder U-Bahn sind, betätigen sie den Alarmknopf oder wählen Sie die 110. Es geht in jedem Fall darum, so schnell wie möglich Ihrem eigenen "Drehbuch" zu folgen und Öffentlichkeit herzustellen. Aktiv werden, anstatt in der Opferrolle zu versinken.

Als Zeuge: Alarm zu schlagen, ist das Erste, was Sie jetzt tun sollten. Es ist auch gut, das laut anzukündigen: "Lassen Sie den Mann in Ruhe! Ich gehe jetzt zum Busfahrer und bitte ihn, anzuhalten." Die Kostenseite für die Angreifer muss höher werden als der Nutzen, die Befriedigung, die sie aus ihrer Attacke ziehen. Eine nahende Polizeistreife beispielsweise kann dafür sorgen.

Unter Weißen

Unser Autor ist in Leipzig geboren, spricht - wenn er will - Sächsisch und ist schwarz. Fremde Menschen pöbeln ihn an, bespucken ihn. Umstehende tun, als würden sie nichts bemerken. Wie lebt es sich mit Rassismus im Alltag? Von Alex Müller* mehr ... Platz 3 - 14 aus 2014

4. Empörung zeigen

Als Zeuge: Sie müssen nicht direkt in die Situation hineingehen, um zu helfen. Aufstehen und zeigen, dass Sie empört sind, können Sie auch aus der hinteren Reihe. Dabei müssen Sie nicht kreativ sein, es reicht zu rufen: "Was machen Sie denn da; lassen Sie den Mann in Ruhe!" Wenn Sie diesen Satz wiederholen, schallplattenmäßig, werden irgendwann andere Zeugen dasselbe tun.

5. Ein taktisches Team bilden

Als Zeuge: Oft fürchten wir uns, alleine etwas zu unternehmen. Nähern Sie sich den Pöblern und deren Opfer in der Gruppe. Sprechen Sie andere Fahrgäste an - und zwar einzeln - und bitten Sie sie um Hilfe. Sie müssen aktiv um Unterstützung werben: Denn schon, wenn es bei einem Angriff in der Öffentlichkeit zwei Zeugen gibt statt nur einem, ist deren Hilfsbereitschaft statistisch um 50 Prozent gesunken.

Grund sind die ältesten Emotionen, die wir haben: einerseits Angst, andererseits Scham und das tiefsitzende Gefühl, nicht zuständig zu sein. Aus dieser fatalen Mischung resultiert der sogenannte "Bystander-Effekt".

6. Sich Blockaden bewusst machen

Als Zeuge: Wer von diesem Effekt gehört hat, wer sich seiner eigenen Angst bewusst ist, wenn er Zeuge eines Übergriffs wird, hat diese Blockaden oft schnell überwunden. Ein erster Schritt sollte auch dann sein, andere anzusprechen: "Ich habe bei der Situation da hinten ein ungutes Gefühl - Sie auch?"

Viele Leute überschätzen die konkrete physische Gefahr und unterschätzen ihren eigenen Einfluss. Aggressive Jugendliche, die blöde Sprüche reißen, werden ihrem Opfer nur sehr selten auch körperlichen Schaden zufügen. Ausbrüche massiver Gewalt - wie etwa im Fall Dominik Brunner - sind zum Glück Einzelfälle. Viele Situationen lassen sich durch ein paar deutliche Worte couragierter Zeugen auflösen.

7. Verrückt spielen

Als Opfer: Diese Methode erfordert ein gewisses Maß an Mut, lässt sich aber auch im Kleinen einsetzen. Die erste Stufe: Wenn Sie sich bedroht fühlen, tun Sie so, als würden Sie lautstark telefonieren.

Oder fangen Sie an, mit einer unsichtbaren Person zu streiten, gegen die Wand zu treten. Werden Sie groß und hässlich: Treten Sie nicht leise auf, sondern stampfen Sie laut auf, machen Sie ausladende Gesten, ziehen Sie den Rotz hoch, spucken Sie auf die Straße. Dieser Tipp gilt besonders für Frauen. Tun Sie alles, was Sie unbequem erscheinen lässt - und damit nicht wie ein leichtes Opfer.