Männer, die Elternzeit nehmen, sind noch immer Exoten. Aber es gibt sie wirklich - zum Beispiel im Berliner Väterzentrum.
Nein, diesen Männern muss man nichts mehr erklären, sie wissen, was zu tun ist, jeder Handgriff sitzt. Sie haben genügend Feuchttücher, Nuckelgeräte, Windeln und Kekse dabei, Proviant für einen Samstagnachmittag in der Großstadt. Der Kollwitzplatz in Berlin: Stolz blicken sie auf die Ergebnisse ihrer Mühen, auf die Beas, Leas, Kais und Anna-Sophies, die gerade die Kletterburg besteigen und den märkischen Sand durchpflügen.
Im Berliner Väterzentrum am Prenzlauer Berg sind die Männer allein mit ihren Kindern, ganz dicht dran an der Banalität des Alltags. Ein wenig sehen sie sich schon als gesellschaftliche Pioniere. Aber so richtig Leben in die Bude kommt dann, wenn ein Fußball-Länderspiel übertragen wird. (© Foto: Georg Moritz/oh)
Anzeige
Die Väter vom Prenzlauer Berg scheinen ganz zufrieden zu sein mit sich und der Welt; oft sind sie schon in der Mehrheit. Vor ein paar Jahren saßen hier die berüchtigten Latte-Macchiato-Mamas, die ihren Kindern mitten in der Großstadt ein Stück heile Welt erkämpfen wollten. Aber die gehen jetzt am Samstagnachmittag lieber ökologisch bewusst einkaufen. Papa hält die Stellung.
Besuch im kinderreichsten Stadtviertel von Berlin. Nirgendwo sonst entscheiden sich so viele Männer, in Elternzeit zu gehen. Aber wer sind sie wirklich, die vielzitierten "neuen Väter", die mehr machen wollen als nur am Wochenende in ihr bequemes Papa-Kostüm zu schlüpfen und mit sonorer Stimme Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen?
Dienstagmorgens kann man sie treffen. Beim Frühstück im Väterzentrum in der Marienburger Straße. Zwischen Mini-Rutsche, Dinosaurier-Figuren und der Carrera-Bahn sind sie auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Auf dem Holzparkett verfolgen sie die ersten Schritte ihrer Kinder mit Argusaugen, zärtlich trösten sie den weinenden Nachwuchs, auch wenn einige Aufrechte ihre Pflichten mit aufreizender Lässigkeit und in einem Tempo absolvieren, das manche Mutter nervös machen würde.
Hautnah dabei sein
Marcus Renusch, Mathias Hörnicke und Andreas Viedt zählen zum lockeren Kreis der Männer, die im "Papa-Café" ihre Erfahrungen austauschen. Ein Unternehmensberater, ein Kriminalbeamter und der Vorstand einer Designfirma sind gerade dabei, sich neu zu definieren. Sie lernen, dass die Betreuung von Kleinkindern noch mehr Arbeit sein kann als der übliche Zehnstunden-Tag im Büro.
Mathias Hörnicke etwa hat in seinem Beruf als Computerexperte bei der Berliner Polizei bewusst eine Pause eingelegt. "Ich wollte hautnah dabei sein", sagt der 39-Jährige. Den ersten Monat nach der Geburt seiner Tochter Antonia hat er gemeinsam mit seiner Freundin zu Hause verbracht, seitdem arbeitet sie wieder als Controllerin, er bleibt daheim.
Windeln wechseln, Brei kochen, Milch auf Körpertemperatur erhitzen, ohne dabei auf die strengen Kontrollblicke der Mutter zählen zu können - das alles hat Hörnicke in den vergangenen Monaten gelernt. Sein Chef findet es richtig gut, dass er sich sieben Monate um Antonia kümmert, sagt er zumindest. Als Vollzeit-Vater ist der Beamte in seiner Abteilung trotzdem ein Exot.
Männer in der Frauenrolle
Dafür bekommt er jetzt jede Menge Einladungen von jungen Müttern im Bekanntenkreis; erst kürzlich hat sich sogar eine nach dem aktuellen Stand der Babywäsche erkundigt. "So langsam habe ich das Gefühl, dass ich in dieser Rolle als Frau wahrgenommen werde", sagt Hörnicke und lächelt tapfer. Bis die Vollzeit-Väter gesellschaftliche Normalität sind, ist es wohl doch noch ein weiter Schritt.
Auch der Unternehmensberater Marcus Renusch zählt zu den Pionieren vom Prenzlauer Berg. Noch beim ersten Kind gab es bei ihm zu Hause "die klassische Rollenaufteilung": Seine Frau war als Stillmutter und Hüterin des Alltags beschäftigt, während er ein paar Karriereschritte machte.
Bei Milea, dem dritten Kind, ist nun alles anders. Acht Monate bleibt Renusch zu Hause und bezieht Elterngeld, dafür darf seine Frau wieder an den Schreibtisch zurück. Ein ganz normaler Vorgang? Renusch wiegt den Kopf. Als neuer Vater müsste er jetzt eigentlich erklären, wie erfüllend so ein Krabbelgruppentag sein kann und wie sehr die Beziehung zu seiner Tochter durch das intensive Miteinander wächst. Aber ganz so einfach ist es leider nicht.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Mütter die fürsorglichen Väter als Eindringlinge empfinden ...
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
- Der moderne Vater Papa ist 'ne Weichflöte 20.03.2009
- Kinder und Natur Der Verlust der Freiheit 07.10.2009
- SZ-Serie: Kinder, Kinder Kevin, bitte ins Kinderparadies! 06.10.2009
- Wie wir unsere Kinder nennen Immer der Masse nach 13.10.2009
- Meine Kindheit: Anja Brinker "Ich habe oft Heimweh gehabt" 09.10.2009
- SZ für Kinder: Fußball-Regeln Torhüter im Klammergriff 17.05.2010
- Geburten in Deutschland Babypause 17.05.2010
Brasiliens Präsidentin Roussef
leider wird manches zusammengeworfen, was nichts miteinander zu tun hat. Die 2 Vätermonate, die meist in der Zeit genommen werden, in denen auch die Mutter daheim ist, haben sicher einen guten Zweck. Die Mutter wird entlastet, der Vater lernt den Alltag kennen (auch wenn er sich meist an der Hausarbeit kaum beteiligt) und der Kontakt zum Kind ist enger - für das eigentliche Problem, Elternschaft und Erwerbstätigkeit familiengerecht zu kombinieren, bringen die aber schlicht nix. Auch bei den hier genannten Beispielen (8 Monate) ist die Frage nicht beantwortet, was langfristig als Familienmodell geplant ist (beide teilzeit und abwechselnd, einer Voll- einer Teilzeit, beide Vollzeit, einer ganz daheim). Da kommt es doch zum Schwur, auch für Arbeitgeber und Kollegen. Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wie viel Fremdbetreuung ist für die Eltern akzeptabel? Zu den ganzen wichigen Fragen gibt es bei diesem "Neue-Väter-Gesäusel" nichts. Bei mir (Töchter kanpp 4 und knapp 2) (Mo., Do. Mama daheim, Di. Fr. Papa daheim, Mi. Tagesmutter) arbeiten beide 60% und reiben sich komplett auf, weil 60% nicht 60% Arbeit, sondern mindestens 85% gegenüber der Vollzeitstelle sind - da liegt doch der Hase im Pfeffer. Und irgendwann verlangt zumindest mein Büro, dass ich wieder an fünf Tagen da bin, zumindest vormittags - aber dann kommt das Problem, wenn ein Kind krank ist. Wie gesagt - der Artikel ist zum Schmunzeln, mehr nicht.
Ja klar, so wie Männer die in die Berufswelt eindringenden Frauen madig gemacht haben, gibt es auch Frauen, die Männer im "Kinderberuf" herabsetzen. Ist wohl in beiden Fällen mangelndes Selbstwergefühl bzw. Aufgabe einer Domäne.
Als mein Vater anno 53 meinen Kinderwagen geschoben hat und auch hin und wieder Windeln aufgehängt und mal den Abfall 'rausgebracht hat, gab es keine Häme von den Nachbarn (obwohl sich keiner ein Beispiel genommen hat), wohl aber von den Nachbarinnen, die meiner Mutter sagten: "Ich würde gar nicht wollen, daß MEIN Mann SOWAS macht."
Als ein Cousin 1982 die Versorgung des ersten Kindes übernommen hat, nicht nur, weil seine Frau ein interessantes und sehr gut bezahltes Angebot hatte, sondern auch aus Überzeugung, wurde er von Vater und Brüdern als Weichei und Versager belächelt, die Frauen fanden es gut.
Heute sind die betreuenden Väter zwar immer noch eine Minderheit, aber langsam geht es voran. Weiter so!