Studie Und wovor haben Sie Angst?

Wer hat Angst vor Terrorismus - und wer fürchtet sich vor ganz anderen Dingen?

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Eine Studie kommt zu dem Schluss, die Angst vor Terrorismus sei die Top-Angst der Deutschen. Was bedeutet das - und kann das so stimmen?

Von Felicitas Kock

Geht man nach einer aktuellen Studie der R+V-Versicherung, müsste in Deutschland kollektives Aufatmen zu vernehmen sein: Fast alle abgefragten Ängste sind kleiner als 2016. Auch die Terror-Angst ist leicht zurückgegangen. Trotzdem belegt sie, wie schon in den vergangenen Jahren, Platz eins: 71 Prozent der 2380 Befragten fürchten demnach, dass "terroristische Vereinigungen Anschläge verüben".

Dass die Ergebnisse durchaus Fragen aufwerfen, lässt sich wohl am besten anhand der "Angst vor der Überforderung der Behörden durch Flüchtlinge" erkennen, die es mit 57 Prozent auf Rang sechs geschafft hat. Vielleicht gibt es tatsächlich ein paar Leute, die gerade zustimmend nicken, weil sie regelmäßig erzittern beim Gedanken an überforderte Behörden. Aber fallen nicht jedem Menschen mindestens 20 Ängste ein, die ihm persönlich viel näher liegen?

Die Angst, dass ausgerechnet dem Menschen etwas zustößt, der einem auf der Welt am nächsten ist, zum Beispiel. Oder die Angst, morgens vom Auto überfahren zu werden, weil es statt eines Fahrradwegs nur einen schlecht markierten Seitenstreifen gibt. Oder, ein bisschen weniger fatal: die Sorge, gekündigt zu werden. Die Befürchtung, als Frau irgendwann alleinerziehend zu sein und damit spätestens im Alter in einer Einzimmerwohnung in Duisburg-Marxloh zu landen, mit einer Rente, die gerade zum Überleben reicht. Die Angst, sich schuldig zu machen, wenn man Kinder in eine Welt setzt, die durch Despotentum und Klimawandel dem Untergang geweiht scheint.

Spricht man mit einem Angstforscher wie Jörg Angenendt von der Uni Freiburg, sagt er: "Man weiß, dass es sich bei der Terror-Angst um eine sozial akzeptierte Angst handelt." Eine, die sich in Medienberichten und Wahlprogrammen wiederfinde und die man deshalb auch eher mitzuteilen bereit sei. "Die Leute berichten doch nicht gerne einem Menschen in einer Telefonumfrage über ihre ganz individuellen Ängste, die sie sonst allenfalls mit den engsten Freunden und Familienangehörigen teilen."

Das können auch ganz banale Dinge sein, und das ist nicht abwertend gemeint: Da ist die Angst, beim Schwimmen vom Hai gebissen zu werden, die Angst vor der Höhe, vor Gewitter, vor Menschenmassen. Die unter Journalisten verbreitete Angst vor dem Gesprächspartner, die der Ärzte vor den Patienten und der Lehrer vor den Schülern. Die Angst, von anderen nicht gewertschätzt zu werden.

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Welches Fazit ergibt sich daraus für die Top-Angst der Deutschen? Vielleicht dieses: Natürlich gibt es eine Furcht vor Terroranschlägen. Aber jeder dürfte Sorgen haben, die für ihn persönlich bedeutender sind. Die Angst vor dem Terror ist nur diejenige, auf die sich derzeit die meisten Menschen öffentlich einigen können. Weil es in den vergangenen Jahren eine zunehmende Zahl an Anschlägen gegeben hat, über die in den Medien viel berichtet wurde. (Mehr als zum Beispiel über Pilzvergiftungen, durch die Experten zufolge deutlich mehr Menschen in Deutschland ums Leben gekommen sind.)

Tatsächlich wurden in der Befragung der R+V-Versicherung 20 Szenarien beschrieben, zu der die Befragten dann Bewertungen vergeben sollten von 1 ("Davor habe ich gar keine Angst") bis 7 ("Davor habe ich sehr große Angst"). Die Teilnehmer sollten angeben "für wie bedrohlich" sie ein Ereignis halten. Wobei auch die Frage offen bleibt, ob man vor einem Ereignis, das man mit 7 bewertet, nun sehr viel Angst hat - oder ob man nur für sehr wahrscheinlich hält, dass es eintritt. Aber das nur am Rande.

Wenn es um die großen, in der Öffentlichkeit sehr präsenten Ängste gehe, sagt Angstforscher Angenendt, könne man im Lauf weniger Jahre oft einen deutlichen Wandel wahrnehmen. Vor ein paar Jahren sei es noch die Angst vor BSE gewesen, die die Menschen am meisten beschäftigte. Jetzt sei es der Terror. "Wenn sie mit Menschen über ihre ganz individuellen Ängste sprechen, unterliegen diese in der Regel nicht so starken Schwankungen". Deshalb hätten diese Ängste auch eine größere Wirkung darauf, wie die Betroffenen ihr Leben gestalten.

Was uns diese Erkenntnis bringt? Im Idealfall ein wenig Beruhigung, angesichts all der Terror- und Terrorangst-Meldungen. Und damit vielleicht ein noch angstfreieres Jahr 2018.

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