Reproduktionsmedizin "Die Gesellschaft sagt: Wenn du das willst, dann zahl es gefälligst selbst"

Kinderwunsch-Behandlungen sind für betroffene Paare oft eine psychologische Belastung.

(Foto: imago/Westend61)

Weil die Krankenkasse nur einen Teil zahlt, kostet eine künstliche Befruchtung schnell Tausende Euro, kritisiert Georg Griesinger. Der Reproduktionsmediziner über die finanzielle und vor allem psychische Belastung der Kinderwunschbehandlung.

Interview von Oliver Klasen

Zu ihm kommen jedes Jahr Hunderte Paare, die sich ein Kind wünschen, aber keines bekommen können: Prof. Dr. Georg Griesinger leitet das Universitäre Kinderwunschzentrum Schleswig-Holstein an den Standorten Lübeck und Manhagen. Im Interview mit SZ.de erklärt er, warum er sich in der Reproduktionsmedizin mehr Freiheiten für Ärzte und Patienten wünscht. Er spricht über falsche Versprechungen und über die psychischen Belastungen, die eine oft sehr langwierige Behandlung mit sich bringt.

SZ.de: Die Zahl der Kinderwunschbehandlungen nimmt seit Jahren zu. Werden die Menschen immer unfruchtbarer?

Georg Griesinger: Der Anteil der Menschen, die unter organisch bedingter Unfruchtbarkeit leiden, ist wahrscheinlich nicht gestiegen. Allerdings schieben Paare heute ihren Kinderwunsch immer weiter nach hinten. Da ist es unvermeidlich, dass es bei vielen nicht mehr auf natürlichem Wege funktioniert.

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Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Reproduktionsmediziners von der Arbeit anderer Ärzte?

Üblicherweise hat die Medizin es mit erkrankten, alten oder gebrechlichen Menschen zu tun. In der Reproduktionsmedizin hat man jemanden vor sich sitzen, der jung und fit ist. Außerdem behandeln andere Ärzte einzelne Patienten, ich dagegen immer ein Paar.

Es müssen in jedem Fall Frau und Mann zu Ihnen kommen?

Ja, das verlangen wir so. Infertilität ist immer eine Paarproblematik, auch wenn die Erwartungen an das, was wir als Ärzteteam tun können, bei beiden Geschlechtern unterschiedlich sind.

Inwiefern?

Das zeigt sich schon im Erstgespräch. Da gibt es typische Fragen. Die Frauen wollen wissen, wie die Behandlung abläuft und wie der Arzt die Chancen einschätzt, dass sie tatsächlich schwanger werden. Der Mann hakt dann auch nochmal nach, und da geht es - ein bisschen versteckt - auch um die Frage: Hält meine Frau den Stress aus und hält unsere Beziehung das aus?

Was ist denn die Rolle des Mannes während der Behandlung?

Viele Männer fühlen sich ein bisschen hilflos. An ihnen wird ja fast nichts gemacht. Sie sind aber trotzdem wichtig, vor allem als Motivator, wenn es beim ersten Anlauf nicht klappt. Viele ungewollt kinderlose Frauen wollen sich bei diesem Thema sonst niemandem offenbaren, weder im Job noch in der Familie oder bei Freunden. In dieser Lage ist es desaströs, wenn der Partner signalisiert, er glaubt selbst nicht mehr dran, dass die Behandlung Erfolg hat oder das mit dem Geld wird ihm zu viel.

Kritiker sagen, die Reproduktionsmedizin ist in erster Linie ein gigantisches Geschäft.

Ich weiß, es herrscht noch immer die Vorstellung, dass wir Reproduktionsmediziner irrsinnige Geldmacher sind. Das stimmte vielleicht, als die gesetzliche Krankenkasse die Kosten noch weitgehend übernommen hat und die Auflagen geringer waren, aber heute nicht mehr.

Was hat sich geändert?

Die Reproduktionsmedizin in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren stark reguliert worden. Die Anforderungen an die personellen, räumlichen und organisatorischen Voraussetzungen sind extrem gestiegen. Qualitätsmanagement, Qualitätskontrolle und immer neue Technologien sind heftige Kostentreiber, und die Vergütung hat längst nicht Schritt gehalten. Aber ich will gar nicht jammern, mich stört etwas anderes am Vorwurf der Geldmacherei.

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Was denn?

Es wird unterschwellig so getan, als sei der unerfüllte Kinderwunsch nicht wie eine Krankheit zu behandeln. Die Reproduktionsmedizin sei deshalb keine ärztliche Heilbehandlung, sondern nur eine Dienstleistung.

Wie eine Schönheitsoperation.

So ungefähr. Die Gesellschaft sagt: Wenn du das willst, dann zahl' es gefälligst selbst. Dahinter steckt eine Geringschätzung für kinderlose Paare und die Medizin, die ihnen hilft. Niemand würde sich etwa trauen, infrage zu stellen, ob die Krankenkasse die Behandlung einer Brustkrebspatientin zahlt. Dabei werden auf diesem Gebiet auch Milliardensummen umgesetzt.

Sie fordern also, dass die Krankenkassen wieder mehr zahlen?

Sagen wir es so: Wenn Sie mich fragen, ob ich es klug finde, ausgerechnet an dieser Stelle zu sparen, dann sage ich "nein". Und wenn die Solidargemeinschaft sich aus der Finanzierung ärztlicher Leistungen zurückzieht, darf man sich nicht wundern, wenn sich ein freier Markt darauf stürzt, Business-Modelle entwickelt und anfängt, Marketing zu betreiben.

Und das ist problematisch?

Es werden zumindest falsche Vorstellungen geweckt, mit fragwürdigen Versprechungen. Ich versichere Ihnen zum Beispiel, wenn Sie zehn Reproduktionsmediziner fragen, ob ihre Erfolgsrate gemessen am deutschen Schnitt überdurchschnittlich oder unterdurchschnittlich ist, dann werden Ihnen fast alle sagen, wir sind überdurchschnittlich.

Sind Ihre Erfolgsraten auch überdurchschnittlich?

Nein, wir bewegen uns ziemlich hart am Durchschnitt. Aber der Erfolg ist nur zu einem kleineren Teil vom Arzt abhängig, das Alter der Frau und die Vorbehandlungen sind entscheidender.