Rente "Nur vor dem Fernseher zu hocken reicht nicht"

Das Leben als Rentner sollte mehr sein als auf der Parkpark sitzen und sich freuen, dass man nicht mehr arbeiten muss, raten Experten.

(Foto: Huy Phan/Unsplash; Bearbeitung SZ)

Plötzlich Rentner: Wie findet man ein Hobby, wenn man nie eines hatte? Motivationspsychologin Veronika Brandstätter-Morawietz über Wünsche, Wandern und Exzess.

Interview von Cristina Marina

20 Prozent der Deutschen sind über 65 Jahre alt. Viele Menschen freuen sich auf die Lebensphase nach der Arbeit - und wissen dann doch nicht, wie umgehen mit der vielen freien Zeit. Veronika Brandstätter-Morawietz, Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich, erklärt, warum es wichtig ist, sich dennoch weiter herauszufordern.

SZ: Frau Brandstätter-Morawietz, warum fallen so viele Neu-Rentner in ein Loch?

Veronika Brandstätter-Morawietz: Mit der Arbeit verschwinden die Tagesstruktur und auch die beruflichen Ziele. Auf einmal ist kein Chef mehr da, der ein Ergebnis erwartet, man hat keine Arbeitsaufgaben und Projekte mehr, die einen fordern. Und auch wenn manche Kollegen genervt haben: Ganz ohne sie nehmen die sozialen Kontakte ab. Die Pensionierung ist ein richtiger Einschnitt, als Rentner muss man sich in ein neues Leben einfinden.

Interview am Morgen

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Was kann dabei helfen?

Wünsche zu haben, ist wichtig. Etwa der Traum, fließend Russisch zu sprechen, Tennis zu spielen, einen Marathon zu laufen. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, man muss langsam beginnen. Am besten bereits während der Arbeitsjahre, dann hat man als Rentner schon gewisse Kompetenzen. Entscheidend ist, dass man sich zutraut, sein Ziel zu erreichen. Ausgerechnet das gestaltet sich aber bei vielen schwierig. Denn zum einen erfahren Menschen in diesem Alter am eigenen Leib die ersten Einschränkungen, sowohl körperliche als auch mentale, und zum anderen trauen ihnen auch die anderen weniger zu.

Was kann ich dagegen tun?

Einfach nicht darauf hören, weder auf die Selbstzweifel noch auf die Zweifel anderer. Auch bei einer Lebenserwartung von nur noch 15 oder 20 Jahren lohnt es sich, für einen Marathon zu trainieren. In diesem Fall sollte man sich zwar nicht mit 20-Jährigen, sondern mit anderen 65-Jährigen vergleichen; aber die ganz persönliche Bestzeit, die man erreichen will, sollte einen trotzdem herausfordern.

Warum sollte ich mir das als Rentner noch einmal antun?

Damit man dem Leben wieder einen Sinn gibt und gleichzeitig aktiv und fit bleibt. Jede Aktivität verzögert die Alterung des Gehirns. Nur vor dem Fernseher zu hocken oder sich im Park auf die Bank zu setzen, reicht nicht. Man muss sich schon ein bisschen anstrengen, auch wenn man sich dafür erst einmal überwinden muss. Das ist doch in jeder Lebensphase so: Der Schüler kämpft mit den Hausaufgaben, der Student mit den Mathe-Übungen, der Mitarbeiter mit dem Bericht. Hürden gehören zum Alltag, aber sie zu überwinden heißt auch, voranzukommen, stärker zu werden. In der Psychologie nennt man das Entwicklungsaufgabe.

Wie finde ich eine Aktivität, die zu mir passt?

Es gibt drei Motive, die alle Menschen innerlich antreiben: Anschluss finden, Leistung erbringen oder Macht ausüben. Oft steht ein Motiv mehr im Vordergrund als die anderen. Ihm zu folgen, ist das, was dem Menschen Zufriedenheit gibt. Mir persönlich sind Herausforderungen wichtig und ein Kreis an sympathischen Menschen. Mich treiben also die Motive Leistung und Anschluss an.

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Woher weiß ich, welcher Typ ich bin?

Womöglich hatten Sie in ihrem Beruf eine Führungsposition und Spaß dabei: Sie haben Verantwortung für andere Menschen übernommen, sie angeleitet, wurden von ihnen um Rat gefragt. Dann sollten Sie sich ein Hobby suchen, bei dem Sie weiterhin andere instruieren, motivieren oder überzeugen können. Vielleicht ein Ehrenamt als Vorsitzender eines Vereins, die Gründung einer Wandergruppe oder Ähnliches. Oder wenn Sie Lehrer waren, könnten Sie in der Rente Kindern aus benachteiligten Familien etwas beibringen.

Kann ein Hobby im Alter nicht auch zu Stress führen?

Durchaus. Die Werbung, die sozialen Medien vermitteln uns das Bild des aktiven Golden Ager, der topfit ist, immer gesund bleibt und die größten Abenteuer erlebt. Das kann einen unter Druck setzen. Außerdem gibt es so viele technische Möglichkeiten, Fitness-Armbänder und Gesundheits-Tracker, die Schritte, Puls und sogar den Schlaf messen. Man muss also auch aufpassen, die Selbstoptimierung nicht zu exzessiv zu betreiben.

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