Liebe und Religion Partner unser

Christliche Partnervermittlungen kümmern sich um gläubige Menschen, die unter Einsamkeit leiden

(Foto: trixi wolfseher; like.eis.in.the.sunshine/photocase)
  • Für Christen ist es oft schwer, einen Partner zu finden, der den Glauben teilt.
  • Der Schweizer Prediger Jürg Birnstiel organisiert Single-Treffen für Gläubige in einem Kaffeeladen.
  • Viele Christen suchen im Internet einen Partner außerhalb der eigenen Gemeinde.
Von Charlotte Theile

Für Chris und Tobias war an diesem Abend niemand dabei. "Viel zu alt" seien die Frauen da in der ersten Etage, optisch überhaupt nicht ihr Fall und dann diese "Verkrampftheit", mit der einige durch den Raum schauten, na, besten Dank auch. "So nötig" hätten sie es dann doch nicht, sie seien schließlich erst 36. Die Getränkepause, in der die Singles möglichst viele Chai Latte, Fruchtsäfte und Muffins in dem Café kaufen sollen, nutzen sie, um zu gehen.

Martin ist 42 Jahre alt. Er kommt seit einigen Jahren zum Single-Treff, auch heute ohne Erfolg. "Nächstes Jahr melde ich mich bei einer Vermittlung im Netz an", sagt er, einer christlichen natürlich, so wie auch dieser Abend im Starbucks in der Zürcher Innenstadt für christliche Singles ist.

"Hat Gott mich vergessen?"

Jürg Birnstiel, Prediger der freien evangelischen Gemeinde Zürich Helvetiaplatz, sorgt seit über zwanzig Jahren dafür, dass Christen Christinnen kennenlernen. Jeden ersten Samstag im Monat finden die Treffen statt, etwa 80 Singles sind an diesem Dezemberabend in den Kaffeeladen gekommen. Wie viele Ehen schon mit seiner Hilfe zustande gekommen sind, weiß Birnstiel nicht, es kommen ständig neue dazu. Ein Paar, das sich beim letzten Treffen kennengelernt habe, werde im Sommer heiraten, sagt er ins Mikrofon. Das soll wohl Mut machen. Dann wird der Pfarrer streng: Man werde gleich die Sitzordnung ändern, jeder bekomme neue Menschen neben sich gesetzt. Natürlich solle man mit ihnen sprechen, aber, "liebe Männer: Es bringt nichts, wenn ihr euch den ganzen Abend mit einer Frau unterhaltet, die zwanzig Jahre jünger ist als ihr. Überschätzt euch nicht. Keine Frau ist hier, um einen Mann kennenzulernen, der so viel älter ist als sie." Verlegene Stille. Chris und Tobias tauschen vielsagende Blicke aus.

Alle Namen der christlichen Singles in diesem Text sind geändert, auch Fotos dürfen beim Treffen nie gemacht werden. Die Scham, niemanden zu finden, scheint bei Christen besonders groß zu sein. Das Ideal des einen Partners, den Gott für einen bestimmt hat, setzt viele unter Druck. "Hat Gott mich vergessen?" lautet so eine Frage, die Pfarrern wie Jürg Birnstiel immer wieder gestellt wird. Sich aktiv um einen Partner zu bemühen, kommt vielen erst spät in den Sinn. Nach langem Warten, wenn Gott einfach niemanden geschickt hat.

Hauskreise und Gebetsrunden gehören dazu

Der Zürcher Single-Treff ist nur eine Möglichkeit, die Christen bei der Suche nach dem Partner fürs Leben haben. In Siebnen, einem kleinen Ort im Kanton Schwyz, hat Matthias Röthlisberger, ein junger Webdesigner, 2009 eine christliche Partnersuche gegründet: chringles.ch. Etwa 3000 Menschen sind dort angemeldet. "Nach allem, was wir ausgewertet haben, findet jede Woche ein Paar zusammen", sagt der Unternehmer, der inzwischen auch im Süden Deutschlands aktiv ist.

Matthias Röthlisberger lebt das Leben, nach dem sich viele christliche Singles sehnen. Er ist Mitte dreißig, verheiratet, hat eine kleine Tochter, einen guten Job, engagiert sich in einer kleinen evangelikalen Gemeinde. Seine Frau ist genauso gläubig wie er. Dass man am Sonntagmorgen aufsteht und zum Gottesdienst fährt, ist keine Frage. Mit Hauskreisen und Gebetsrunden gehört ein Großteil seiner Freizeit dem Glauben - und viele seiner Freunde gehen in dieselbe Kirche. "In einer Gemeinde sind vielleicht 150 Leute. Wenn da niemand dabei ist, wird es schwierig, einen christlichen Partner zu finden", sagt Röthlisberger. Auch einigen Bekannten von ihm ging es so. Deshalb gründete er Chringles, ein Feierabendprojekt, das bei ihm in seiner Werbeagentur mitläuft.

Das Glück - und der Weg dahin - ist bei frommen Christen ziemlich festgelegt.

(Foto: Harri Tahvanainen/plainpicture/Gorilla)

Die Schweizer Freikirchen hatten in den vergangenen Jahrzehnten viel Zulauf, etwa 150 000 Mitglieder sollen heute zu den meist evangelikal ausgerichteten Gemeinden gehören. Gerade in der Deutschschweiz sind diese eng miteinander verbandelt. Matthias Röthlisberger aus dem Kanton Schwyz kennt Kuppel-Pfarrer Jürg Birnstiel aus Zürich, der wiederum bei Röthlisbergers Konkurrenz, yourlove.ch, beworben wird. Dort bietet er Single-Reisen und Single-Wochenenden an.

Die "Nice Guys" haben nicht so viel Erfolg

Birnstiel macht sich Sorgen um die weiblichen Singles, die einmal im Monat seinen Treff besuchen. "Es gibt einfach noch immer diese Klischees: Frauen suchen jemanden, der älter und größer als sie ist, möglichst mehr verdient. Männer haben genau das umgekehrte Muster. Und das macht es für ältere, gut verdienende Frauen so schwer, einen Partner zu finden." Birnstiel versucht, das aufzubrechen. Wenn Frauen auch jüngere, kleinere, weniger gut verdienende Männer anschauen würden, wäre die Sache einfacher, glaubt er.

Aber auch die Männer müssten etwas verändern. Vor einigen Wochen ist ein Buch erschienen, im Single-Treff und auf chringles.ch wurde dafür geworben: "Rückkehr der Eroberer. Ein Flirthandbuch für christliche Männer". Die beiden Autoren, Micha Betz und Andy Stark, kommen aus der amerikanischen Pick-up-Szene, in der Männer anderen Männern erklären, wie man Frauen am besten rumkriegt. Nun haben sie einen Ratgeber geschrieben, für Männer, die Frauen gut behandeln und so bald wie möglich heiraten wollen. Ein Drahtseilakt. Denn die "Nice Guys", die netten, hilfsbereiten Jungs, wie es sie in den Gemeinden zu Tausenden gibt, haben auch bei Christinnen nicht so richtig Erfolg. "Der Grund ist, dass Frauen - und seien sie noch so fromm und erfüllt vom Heiligen Geist - immer noch Frauen sind", erklären es die beiden Autoren gleich zu Anfang des Buches. Das steht da gleich fett gedruckt, damit es die verunsicherten Nice Guys nicht überlesen können. Und Frauen "wollen begehrt und erobert werden, einen Mann verzaubern und erfüllende Sexualität erleben".

Die Autoren umschiffen das Thema Sex vor der Ehe

Doch wie nähert man sich den mysteriösen, frommen Wesen? Betz und Stark empfehlen vor allem eine Wunderformel: C&F, cocky and funny. Frech, witzig und selbstbewusst solle man Frauen ansprechen, möglichst viele, man muss ja üben. Und so bringen sie gleich auf zwanzig Seiten Beispiele. Obwohl darunter ziemlich viele Phrasen und Peinlichkeiten sind, merkt man sofort: ja, das könnte funktionieren. Die Eroberer sollen lernen, Flirts nicht zu ernst zu nehmen, die Initiative zu ergreifen und einfach für ein bisschen Unterhaltung zu sorgen. Das klingt dann ungefähr so: "Sag mal, wieso läuft du denn mit diesem Pulli herum? Hast du eine Wette verloren?". Weiter geht es mit bewussten Fehlinterpretationen, Rollentausch ("Also bitte, Madame, wo bleibt denn da der Anstand? Kauf mir wenigstens vorher Blumen oder führe mich zum Essen aus!") und überdrehten Macho-Sprüchen ("Höre, Weib, der Sultan verlangt nach dir!").

Und obwohl es Betz und Stark nicht lassen können, mit ihren Erfolgen zu prahlen ("Das nächste Date fand dann auf ihrer Couch statt") haben sie das Thema Sex vor der Ehe möglichst weiträumig umschifft. Denn das ist nach den Vorstellungen der Freikirchler ebenso wenig in Ordnung, wie auf chringles.ch einen gleichgeschlechtlichen Partner zu suchen. Gegen Ende des Buchs erteilen die Eroberer auch die ein oder andere Macho-Lektion - zum Beispiel, wie man es verhindert, dass einem die Freundin auf der Nase herumtanzt.

Das Glück - und der Weg dahin - ist bei frommen Christen ziemlich festgelegt. Bald nach dem Kennenlernen folgt die Verlobung, dann die traditionelle Familie.

Myra könnte auch einen nicht-christlichen Mann lieben

Myra ahnt, dass dieses Modell für sie nicht so richtig passt. Sie ist 35, Unternehmensberaterin und hat, wie viele Christen, jung geheiratet. Die Ehe hielt jedoch nicht lange. Seither ist sie vorsichtig geworden, kann sich nur schwer vorstellen, ihre Freiheit wieder herzugeben. Myra hat schon in vielen Städten der Welt gelebt und kann sich inzwischen auch vorstellen, einen nicht-christlichen Mann kennenzulernen. Dass sie gläubig ist, weiß in ihrer Firma kaum jemand. Myra spricht laut und deutlich, fragt sofort, wenn sie etwas nicht versteht. Herumsitzen und warten, bis sie ein Eroberer anspricht? Undenkbar. Nur bei einem Thema wird Myra still: "Meine Schwester hat dieses Jahr Zwillinge bekommen. Sie ist zwei Jahre jünger als ich. Das hat schon wehgetan." Trotzdem ist sie überzeugt: "Ich bin erst 35 Jahre alt, ich habe noch Zeit."

Urs ist zwanzig Jahre älter, 56. Er kommt seit zehn Jahren zum Single-Treff. Die Frauen, die er hier kennengelernt hat, wollten meistens nur seine Freundschaft - und seine Fähigkeiten als Heimwerker. Einige gute Freundinnen rufen ihn regelmäßig an, wenn das Fahrrad kaputt ist oder ein Regal aufgehängt werden muss. Außerdem, sagt Urs, könne er gut zuhören. Diese Stärke spielt er den ganzen Abend aus.

Früher wollte er sich nicht festlegen, jetzt ist er einsam

"Bleiben Christen länger Single?" heißt einer der Artikel, mit denen Matthias Röthlisberger auf chringles.ch Lebenshilfe geben will: Wenn alle um einen herum schon mit Anfang 20 heiraten, kommt man sich vielleicht schon mit 25 übrig geblieben vor. Röthlisberger will Mut machen: Wer mit 30 Single sei, habe viele Möglichkeiten, könne sein Leben frei gestalten. Und wenn es doch an mir liegt? Pfarrer Birnstiel winkt ab: "Wir haben auch komische Leute hier. Aber wie viele komische Leute gibt es, die verheiratet sind?"

Für Martin, der schon 42 ist und bald im Netz auf die Suche gehen will, ist das kein Trost. Er erzählt von seiner Zeit als Jugendleiter, als er noch "freie Auswahl" hatte und sich nicht festlegen wollte. Von den letzten acht Jahren, in denen er eine Frau fürs Leben suchte und der Erfolg plötzlich ausblieb. Er könnte noch mehr erzählen, von der Einsamkeit, die einen in Gemeinden voll perfekter Ehepaare befalle, den Zweifeln, ob überhaupt jeder Mensch heiraten müsse. Er werde sich melden, sagt Martin. Aber dann ruft er nicht mehr an.