LGBT in der Ukraine "Bist du etwa einer von denen?"

Viktor (links) und sein Freund Vitali auf dem Kiew Pride - auf ihren T-Shirts steht: "Er ist meine Familie".

(Foto: Eva Steinlein)

Viktor ist 18 Jahre alt, schwul - und geht für die Rechte von Homosexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen auf die Straße. In seiner Heimat Ukraine macht er sich damit viele Feinde.

Von Eva Steinlein

Viktor strahlt. Er trägt mit der rechten Hand ein riesiges Banner vor sich her, die andere schwenkt ein Fähnchen in Regenbogenfarben, es ist ein sonniger Sonntag in Kiew, der Hauptstad der Ukraine. Um ihn herum marschieren fast dreitausend Leute, von denen viele wie Viktor aus anderen Städten angereist sind, neben ihm sein Freund Vitali, mit dem er seit anderthalb Jahren zusammen ist, alle rufen abwechselnd: "Alle verschieden, alle gleich!" und "Menschenrechte über alles!" Der Marsch während des Kiew Pride ist der erste große Umzug, an dem Viktor teilnimmt, weil er schwul ist und das nicht verheimlichen will - auch wenn die Gesellschaft, in der er lebt, das lieber hätte.

Vitya, so sein Spitzname, ist ein typischer Achtzehnjähriger. Er studiert am Kiewer Politechnischen Institut und flucht über die hohen Studiengebühren, raucht zu viel, macht tausend Selfies gegen die Sommerferien-Langeweile und sorgt sich, dass er darauf nicht muskulös genug ist. Sich selbst bezeichnet Viktor als Aktivist, als Kämpfer für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen in der Ukraine. Wie es diesen Menschen in seinem Land geht, hat er selbst erfahren.

"Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich anders"

"Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich anders", erinnert sich Viktor. "Sei ein Mann, hieß es immer. Aber das konnte ich nicht". In der ukrainischen Gesellschaft sind die Geschlechterrollen klar verteilt. Männer sind stark und kämpferisch, Frauen schön und familienorientiert - das war schon zu Zeiten der Kiewer Rus so, dem slawischen Großreich im Mittelalter, und auch die formale berufliche Gleichstellung von Frauen in der Sowjetunion hat daran nichts geändert. Noch heute gelten klare Erwartungen, die wenig Abweichungen zulassen: "Wenn mir etwas wehgetan hat, habe ich geweint und dann hieß es, ich solle nicht weinen, weil das unmännlich sei", erzählt Viktor. Auch in seiner Vorstellung sind Geschlechterstereotype verankert: "Da habe ich bemerkt, dass ich nichts von dem mag, was Männer mögen: Ich mag keine Autos, ich mag keine Mädchen."

Als er elf Jahre alt ist, bekommt seine Familie Internetanschluss - und Viktor lernt, was und wen er mag. In einem Spielfilm sieht er zum ersten Mal eine Liebesszene zwischen zwei Männern und spürt: Das ist schön, das ist erotisch - und es ist verboten. "Ich dachte: Oh Gott, das ist falsch! Die Leute, meine Eltern, die Zeitungen hatten mir beigebracht, dass Schwule wilde Kreaturen sind, dass sie von einem anderen Planeten stammen. Und ich wusste: Oh Mann, ich bin einer von ihnen."

Viktor zieht zu seinem ersten Freund - und outet sich

Viktor weiß nun, dass er schwul ist - und versucht seine ganze Teenagerzeit hindurch, das zu verbergen. Er lässt seine Haare lang wachsen, um dahinter sein Gesicht zu verstecken, schwänzt die Schule, um nicht gemobbt zu werden, und wird dennoch verprügelt und beschimpft: "Schwuchtel, Päderast", schreien die anderen, "du Freak", "Warum läufst du rum wie eine Tunte?" Irgendwann outet ihn eine Lehrerin vor der ganzen Klasse und zeigt ab dann bei jeder Gelegenheit, wie sehr sie ihn verachtet.

Nach dem Schulabschluss findet er über eine Dating-App seinen ersten Freund Vitali, mit dem er noch immer zusammen ist. Die beiden verbringen einen Summer of Love, dann zieht Vitali für ein Jobangebot weg aus ihrer Heimatstadt Odessa. Dreihundert Kilometer zwischen ihm und dem Menschen, der ihn liebt und versteht - das hält Viktor nicht aus. Er sagt seinen Eltern, dass er zum Arbeiten in die Hauptstadt Kiew ziehen will. Die sind begeistert von ihrem fleißigen, selbstständigen Sohn und geben ihm eine Kreditkarte mit. Viktor nimmt sie an und fährt stattdessen in die Provinzstadt Schytomyr, zu Vitali. Nach dem ersten Einkauf kommt ein Anruf: Seine Mutter hat eine Benachrichtigung erhalten, wann und wo die Karte benutzt worden ist.

Viktor gesteht, bei wem er ist, und seine Mutter läuft Sturm. "Vitya, bist du etwa... einer von denen?" Das Wort schwul oder homosexuell kommt ihr nicht über die Lippen. Viktor antwortet: "Ja, Mama. Ich bin 'so einer'. Nimm mich so an, wie ich bin."

Viktors Mutter eifert: "Wir machen uns auf dem Weg zu diesem Typen. Den bringen wir zur Polizei! Hast du verstanden?" Sie fleht: "Vitya, bitte, tu uns nicht weh. Du bist unser einziges Kind in der Familie! Ich werde für dich beten, ich werde alles Mögliche tun..." Sie droht: "Du bist nicht mehr unser Sohn!"

Viktor versucht zu erklären. Dass er noch immer der Sohn ist, den sie liebt. Dass sie jetzt einfach eine Seite von ihm kennt, von der sie vorher nichts wusste. Dass sie verstehen muss, wie er ist - und dass sie es respektieren muss.

Eine Woche herrscht Funkstille. Dann klingelt das Telefon, seine Mutter ist dran. Sie sagt ihrem Sohn, dass sie ihn liebt und will, dass er weiter zur Familie gehört - denn die ist in der Ukraine das Zentrum des Lebens. Noch heute stockt Viktor, wenn er diesen Moment aus der Erinnerung erzählt, und flucht hinterher: "Fuck, darüber habe ich noch mit niemandem so offen geredet!"

Die Kirchen propagieren ein traditionelles Familienbild

Vielen Ukrainerinnen und Ukrainern fällt es schwer, über "Menschen nichttraditioneller sexueller Orientierung" zu sprechen, wie sie verschämt genannt werden - häufiger zu hören sind allerdings Bezeichnungen wie "Sodomiten" oder "Parasiten". Zu fest sitzt in den Köpfen die Überzeugung, anders zu leben und zu lieben als das Idealbild der Kosakenfamilie mit Vater, Mutter und zwei Kindern sei ein Verstoß gegen traditionelle Werte.

Viele berufen sich dabei auch auf die christliche Religion, die großen Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen hat: Protestantische, russisch-orthodoxe und ukrainisch-orthodoxe Kirche mögen in der Ukraine zwar rivalisieren, aber Homosexualität und Transidentität bewerten sie einhellig als "Sünde" und "Perversion". Ziel des Lebens sei schließlich die Ehe zwischen Mann und Frau, die den Fortbestand des Volkes sichere.

Viktors Eltern tun noch heute so, als werde ihr Sohn eines Tages eine Frau heiraten und mit ihr Kinder bekommen. Das nervt ihn: "Ich will, dass sie so frei sind zu sagen, dass ihr Sohn schwul ist und das nichts ist, wofür sie sich schämen müssen! Ich bin so geboren worden, viele Leute sind so geboren!"

Zehn Verletzte nach dem Kiew Pride - wie jedes Jahr

Die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer aber halten Homosexualität für eine Art neuzeitlicher Mode: "In der Sowjetunion gab es keinen Sex, also auch keine Schwulen und Lesben" - was eigentlich ein Witz ist, wird häufig als Begründung für den negativen Einfluss des Westens auf die heutige Ukraine angebracht. Ausgerechnet die Maidan-Revolution vor vier Jahren, nach der sich die meisten von Russland und der sozialistischen Vergangenheit abgewandt haben, hat sexuellen Minderheiten das Leben noch schwerer gemacht: Nationalistische Bewegungen wie der Rechte Sektor und die Partei Swoboda machen seitdem gezielt aggressive Stimmung.

"Meine Eltern jammern manchmal: Du bist ein Aktivist, sie werden dich noch umbringen! Wir wollen keinen toten Sohn!", sagt Viktor. Ihre Angst kommt nicht von ungefähr: Häufig kündigen Rechtsextreme an, Veranstaltungen wie den Kiew Pride zu überfallen und zu einer "blutigen Grütze" zu zerschlagen. Vor zwei Jahren setzten sie diese Drohung heftig wie nie zuvor in die Tat um: Vermummte Schlägertypen griffen den Marsch mit Pyrotechnik und selbstgebastelten Nagelbomben an und hetzten hinterher Leute durch die Stadt, die sie als Teilnehmer identifiziert hatten. Besonders gefährdet auf solchen "Safaris" sind schwule Männer und Transfrauen, deren Aussehen ihre Geschichte erzählt.

Am Kiew Pride nehmen deshalb nicht nur 2500 Aktivistinnen und Aktivisten, sondern auch 5000 Sicherheitskräfte der Polizei teil. Schutz bieten aber können sie nur bis zum Ende des Marschs, danach bricht die Gewalt los: Auch in diesem Jahr werden zehn Menschen verprügelt.

Mikroaggressionen sind überall in Kiew spürbar

Ablehnung und Hass sind schon eine Woche vor dem Marsch überall in Kiew spürbar gewesen: In der Metro hängen Plakate mit Phantasieforderungen, die das Schriftbild des Kiew Pride kopieren und so die Veranstaltung diffamieren wollen. Für die Fake-Kampagne bezahlt haben Rechtsextreme, glauben die Organisatoren des Marschs. Vor dem "Pride House", einem alten Operntheater, dessen Saal im Erdgeschoss die Aktivistinnen und Aktivisten gemietet haben, haben sich orthodoxe Christen mit Plakaten postiert. Die Polizisten, die den Veranstaltungsort schützen sollen, werfen sich lange Blicke zu, wenn eine junge Frau mit Undercut an ihnen vorbeigeht - schon wieder so eine, mögen sie denken.

Mikroaggressionen nennen die Aktivistinnen und Aktivisten diese alltäglichen Formen der Ablehnung, und sie sind der stete Tropfen, der bei vielen irgendwann den Stein höhlt: Etliche, die vor Viktor für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transmenschen und Intersexuellen in der Ukraine gekämpft haben, sind inzwischen ausgebrannt. Es scheint, als würde die Arbeit nie aufhören: das Ringen mit den Behörden um Gesetzesänderungen und Veranstaltungsgenehmigungen, die Aufklärungsarbeit für Eltern und Jugendliche zu gesundheitlichen und juristischen Fragen, der Selbstschutz gegen Hassmails und Drohbotschaften.

Obwohl die Zusammenarbeit mit der Polizei zur Verfolgung homo- und transphober Straftaten immer besser klappt, obwohl immer mehr neue Organisationen sich mit der Bewegung solidarisieren, obwohl mehr internationaler Austausch stattfindet als noch vor fünf Jahren, haben viele einfach keine Kraft mehr. Sie haben sich zurückgezogen oder sind ins westliche Ausland ausgewandert, nach Europa oder Kanada, wo es sich leichter lebt.

"Ich habe es in der Hand, etwas zu ändern"

Auch Viktor hat romantische Ideen, wenn man ihn nach Deutschland fragt: "Deutschland ist ein sehr liberales Land, das Schwule, Lesben, Bisexuelle, trans- und intersexuelle Menschen größtenteils unterstützt", glaubt er. "Sie sind dort sogar rechtlich geschützt, mit Antidiskriminierungsgesetzen und sowas." Aber er will dennoch in der Ukraine bleiben, ist gerade zurück in seine Heimatstadt Odessa gezogen, weil er glaubt, dass er als Aktivist in der Provinz mehr bewirken kann.

Viktor hat verstanden, wer er ist und vorerst seinen Weg gefunden, damit umzugehen: stolz und offensiv. Als er vor dem Marsch auf dem Hotelzimmer "Born This Way" von Lady Gaga singt, beben die Wände, auf seinem Facebook-Profilbild schwenkt er stolz eine riesige Regenbogenflagge durch die Luft, sein Beziehungsstatus "in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit" ist öffentlich. Noch ist sein Enthusiasmus ungebrochen: "Ein bisschen Freak bin ich noch immer, was soll's?" Er lacht. "Aber weißt du was? Ich bin ein Mensch. Ich habe Rechte. Ich habe es in der Hand, etwas zu ändern."

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