Katholische Kirche im Wandel Wenn nur noch Beten hilft

Zwischen Nord und Süd, zwischen dem liberalen, etablierten Christentum der reichen Länder und dem in den ärmeren Regionen der Welt wächst die Spannung. Längst gibt es in den Schwellenländern mehr Katholiken als im reichen Norden - 1,2 Milliarden Gläubige weltweit muss der neue Papst unter einen Hut bringen. Ein schweres Erbe.

Von Matthias Drobinski

Hongjiang ist eine dieser chinesischen Provinzstädte mit pittoresker Altstadt und wuchernden Plattenbauvierteln, der Nebel des Abends mischt sich mit dem Dampf der nahen Ziegelei, der Blick aus den Fenstern des ehemaligen Krankenhauses endet im Milchigen. Vier Frauen stehen um einen Tisch, darauf ein schlichtes Bronzekreuz; den Tabernakel, in dem sie die geweihten Hostien aufheben, haben sie selbst geschnitzt. Sie beten, singen, lesen aus der Bibel.

Tagsüber haben sie sich um Aidskranke gekümmert, um Sterbende, um die Kinder, die die Sterbenden zurückgelassen haben. Aids kommt nicht vor in den staatlichen Erfolgsmeldungen, die Behörden sind froh, dass sie das Unangenehme auf diese vier Frauen abwälzen können. Dass sie katholische Ordensschwerstern sind, weiß niemand, will niemand wissen. Auch nicht, dass die Männer, die da alle paar Monate zu Besuch kommen, Priester sind.

Katholiken gibt es überall, im afrikanischen Busch und der japanischen Großstadt, in Kalifornien und Grönland, in den Adelshäusern und den Slums der Welt, selbst in China leben 15 Millionen Katholiken, vielleicht auch doppelt so viele. Die katholische Kirche ist die größte Glaubensgemeinschaft der Welt, fast 1,2 Milliarden Menschen gehören ihr an, fast 17,5 Prozent der Weltbevölkerung. Sie wächst stärker als diese Weltbevölkerung, vor allem in Afrika, Amerika, Asien; längst gibt es in den armen Ländern und den Schwellenländern des Südens mehr Katholiken als im reichen Norden.

Erfolgsmodell katholische Kirche

Auch 2000 Jahre nach der Gründung ist diese Kirche ein Erfolgsmodell, mit dem Papst in Rom an der Spitze und der einheitlichen Liturgie, ihren sieben Sakramenten und dem Heiligenkalender, mit ihrer Mischung aus Kirchenvätertradition, sozialem Engagement und Weltpolitik. Man kann verstehen, dass mancher im Vatikan die Augenbrauen hochzieht, wenn er von den Sorgen der deutschen Katholiken hört: Kirchenaustritte, Vertrauenskrise, Unverständnis gegenüber Papstamt und Sexualmoral - das sind Probleme dieser säkularen westeuropäischen Minderheit, die sich für den Nabel der Welt hält.

So einfach ist die Lage der katholischen Kirche aber nicht. Der neue Papst, der da bis Ostern gewählt sein soll, tritt ein schwieriges Erbe an. Egal, aus welchem Erdteil er stammt und welcher innerkirchlichen Strömung er nahesteht: Das Amt wird ihn an seine Grenzen bringen. Er muss eine Kirche im Umbruch leiten, in der es Nord und Süd miteinander schwerhaben, die auf Säkularisierungsprozesse genauso Antworten haben muss wie auf die zunehmende Konkurrenz von Religionen und Konfessionen in vielen Teilen der Welt, in der die Änderungswünsche der Katholiken in den reichen Industriestaaten auf die Wünsche vieler Kirchenmitglieder im Süden treffen, ihre Gemeinschaft möge ein besonders klares konservatives Profil zeigen. "Das Papstamt ist die große Stärke des Katholizismus", sagt der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, "aber es gerät zunehmend in die Gefahr struktureller Überforderung."

Das Wachstum der Kirchen ist bei näherem Hinsehen kein Ergebnis besonders erfolgreicher Mission. "Es hat vor allem demografische Gründe", sagt Ulrich Pöner, der im Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz für Fragen der Weltkirche zuständig ist. Weltweit gesehen sind Katholiken verhältnismäßig jung und bekommen verhältnismäßig viele Kinder. Es gibt aber Regionen, in denen die Kirche hohem Konkurrenzdruck ausgesetzt ist. In Lateinamerika kommt er von christlicher Seite: in Guatemala gehört fast die Hälfte der Bevölkerung evangelikalen Gemeinschaften und Pfingstkirchen an, in Brasilien ein gutes Drittel - eine Generation zuvor war das Land zu mehr als 90 Prozent katholisch. In Afrika werben verstärkt radikale wahhabitische Gruppen um Anhänger: "Früher gab es hier ein gutes Miteinander von Muslimen und Christen", sagt Pöner, "heute ist da ein Dialog kaum noch möglich". Bei koptischen Christen beobachte er als Reaktion darauf die Tendenz, selbst Parallelgesellschaften zu bilden, "nach dem Motto: Wir müssen eine stabile, nach außen abgeschlossene Gruppe sein, wenn die Islamisten kommen", wie Pöner sagt.