Familie und Partnerschaft Mutter Staat - Wenn Politikerinnen Eltern werden

Einschulungen in Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, verteilt am 29.08.2015 in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) in der Werner von Siemens Grundschule Geschenke an Erstklässler. Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern beginnt mit der Einschulung. Foto: Axel Heimken/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Noch nie gab es im Kabinett so viele Minister mit kleinen Kindern. Jetzt geht Manuela Schwesig in den Mutterschutz. Verändert sich die Politik?

Von Ulrike Heidenreich

Sechs Wochen war Vittoria alt, als sie das erste Mal das Europa-Parlament in Straßburg besuchte. Sie schlummerte, eng an die Brust der Mutter gebunden, und bekam vom Geschehen im Saal nichts mit. Licia Ronzulli, damals 35, stimmte derweil seelenruhig ab und lauschte der Synchronübersetzung im Kopfhörer. Die schöne Italienerin, Europa-Abgeordnete der konservativen Partei Popolo della Libertà, und ihre Tochter halten sozusagen als Role Models her, als Vorbilder dafür, dass im Politikbetrieb heute vieles möglich ist - sogar ein intensives, halb öffentliches Familienleben.

In Deutschland darf das von diesem Wochenende an eine echte Expertin vormachen: Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) verabschiedet sich in den Mutterschutz, Mitte März erwartet die 41-Jährige ihr zweites Kind. Dass da mal ein Baby auf der Regierungsbank brabbeln wird, gilt jedoch als wenig wahrscheinlich - Schwesig ist für klare Verhältnisse: Ihr Mann wird zu Hause für die Kinder da sein.

Zurück zum Modell Straßburg: Die geneigte Öffentlichkeit verfolgt seit 2010 das Aufwachsen von Vittoria. Jahr für Jahr hebt das Mädchen routinierter ihr Händchen bei Abstimmungen. Wenn Teddys und Teletubbies mit auf der Bank sitzen, umso besser. Dann halten das Kameras auf allen Kanälen fest.

Betreuungsproblem in den Sitzungswochen

Bis ins japanische Fernsehen hat es das kleine italienische Familienunternehmen geschafft. Vergessen wird, dass Licia Ronzulli aus der Not eine Tugend gemacht hat: Der Vater des Kindes lebt in Italien, in Brüssel besucht Vittoria eine Kindertagesstätte, bei den regelmäßigen Sitzungswochen in Straßburg jedoch hat die Mutter ein echtes Betreuungsproblem. Und so läuft Vittoria, nicht erst seit sie aus dem Krabbelalter raus ist, im Politikbetrieb einfach so mit.

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Nach Kristina Schröder (CDU) ist Manuela Schwesig die zweite Familienministerin, die im Amt schwanger wurde. Schröder war die Belastung von Baby und Ministeramt irgendwann zu viel geworden; sie hatte Lotte manchmal in der Tragetasche zu Besprechungen mitgeschleppt und bekannte oft, unglücklich zu sein, wenn sie die Tochter nicht sah. Heute sitzt sie als Abgeordnete im Bundestag und hat inzwischen ein zweites Kind bekommen.

Verändert die hohe Kleinkinddichte in der Regierung die Politik?

Seit den Zeiten von Strauß, Wehner, Schmidt und Kohl hat sich doch einiges geändert in der Bundespolitik, die Bonner Republik galt als wenig familienkompatibel, mit einer klaren männlichen Dominanz. Heute ist das anders.

Noch nie gab es in Berlin so viele Ministerinnen und Minister mit kleinen Kindern wie im jetzigen Bundeskabinett: Da ist Julian Schwesig, acht, der bald das Geschwisterchen bekommt. Vizekanzler Sigmar Gabriels Tochter Marie ist drei Jahre alt. Arbeitsministerin Andrea Nahles hat eine Tochter namens Ella, die fünf ist. Justizminister Heiko Maas' jüngster Sohn ist acht, der kleine Emmeran Cornelius von Verkehrsminister Alexander Dobrindt drei Jahre alt. Die Minister gehen unterschiedlich mit der Pflege ihres Nachwuchses um, die einen treibt es mehr, die anderen weniger in die Öffentlichkeit.

Verändert die hohe Kleinkinddichte in der Regierung die Politik? Nehmen wir mal die öffentliche Wahrnehmung: Auf den ersten Blick, nämlich in den Plenarsaal, hat sich überhaupt nichts verändert.

Eines Babys ansichtig wurde das hohe Haus tatsächlich erstmals im Oktober 2009. Bis dahin war der Bundestag eine komplett babyfreie Zone. Selbst die Grünen hatten sich bislang höchstens ans öffentliche Stricken gewagt, um irgendwie progressiv rüberzukommen - den Nachwuchs ließen sie zu Hause.