Drittes Geschlecht "Die Gesellschaft hat eine Bringschuld, neue Formen des Umgangs zu finden"

Julia Steenken sitzt im Vorstand der Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität.

(Foto: Robert Haas)

Das Bundesverfassungsgericht fordert ein drittes Geschlecht im Geburtsregister. Julia Steenken von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität erklärt, was das für den Alltag der Betroffenen bedeutet.

Interview von Oliver Klasen

Als in Karlsruhe das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung über das dritte Geschlecht im Geburtenregister verkündet, sitzt Julia Steenken in einem Klinikzimmer im Münchner Stadtteil Gern. Am nächsten Tag steht die Operation an - eine Geschlechtsangleichung. Steenken ist MZF, Mann zur Frau. Sie engagiert sich im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI). Obwohl Steenken, Jahrgang 1974, sich eindeutig als Frau identifiziert, hält auch sie die nun von höchster Stelle geforderte Einführung einer Kategorie neben "männlich" und "weiblich" für historisch. Mit der SZ spricht sie über die für Außenstehende manchmal verwirrenden Begrifflichkeiten und über den Unterschied zwischen rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung.

SZ: Frau Steenken, viele Experten sagen, das Bundesverfassungsgericht hat am Mittwoch eine historische Entscheidung gefällt. Sehen Sie das auch so?

Julia Steenken: Ja, für nicht-binäre Menschen ist es das auf jeden Fall. Endlich sind sie als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft anerkannt, die sich nicht mehr ständig rechtfertigen müssen und ihre Identität infrage gestellt sehen. Dafür hat unser Verein, genau wie viele andere Gruppen, seit Jahren gekämpft.

Für diejenigen, die nicht so drin sind in der Materie, erklären Sie doch bitte nochmal, was sie unter nicht-binär verstehen?

Das sind Menschen, die sich nicht nur in eine der beiden Kategorien "weiblich" oder "männlich" einordnen lassen wollen. Das betrifft vor allem Intersexuelle. Aber auch transidente Menschen wollen sich häufig weder als Frau noch als Mann kategorisieren lassen.

Transidentität, ist das dasselbe wie Intersexualität?

Nein. Intersexuelle sind Menschen, die sich nach der Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Das kann sich an den Geschlechtsorganen zeigen, an der Zusammensetzung der Chromosomen oder an der Verteilung der Geschlechtshormone. Intersexuelle werden auch heute noch oft zwangsoperiert und gewissermaßen in eine Richtung gedrängt. Transidente Personen sehen sich mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen, nach den äußeren Geschlechtsmerkmalen bestimmten Geschlecht nicht oder zumindest nicht vollständig beschrieben. Einige von ihnen, so wie ich, lassen später eine Geschlechtsangleichung vornehmen, andere verzichten darauf. Es gibt in der Gender-Community auch viele, die darauf hinarbeiten, dass es überhaupt keine Geschlechtszuschreibungen mehr braucht.

Und wie sehen Sie das?

Ich persönlich sage lieber "transident" statt "transgender" oder "transsexuell". Mir ist wichtig, dass es in dieser Frage um den innersten Bereich der Selbstdefinition geht.

Die Richter in Karlsruhe haben "inter/divers" als eine denkbare Bezeichnung für ein drittes Geschlecht genannt.

Das finde ich ganz charmant, weil man darunter sehr viele verschiedene Identitäten fassen kann. Ich weiß, die Selbstbezeichnungen sind für Außenstehende manchmal kompliziert und in der Community sehr umstritten. Für unsere Gesellschaft, die DGTI, sind diese Begriffs- und Buchstabenspiele aber nicht entscheidend. In dem Ergänzungsausweis, den wir ausgeben, akzeptieren wir sämtliche nachvollziehbare Selbstbezeichnungen, also zum Beispiel auch "genderqueer", "crossgender" oder "androgyner Mensch".

Ergänzungsausweis?

Ja, das ist ein kleines Kärtchen, eine Ergänzung zum Personalausweis oder Reisepass. Bei intersexuellen oder transidenten Personen stimmen Vornamen und Geschlechtsbezeichnungen in den Papieren oft nicht mit dem äußeren Erscheinungsbild und der eigenen geschlechtlichen Verortung überein. Das kann zu erniedrigenden Situationen führen, etwa bei einer Polizeikontrolle oder wenn man bei einer Bank eine passende Kontokarte haben will. Der Ergänzungsausweis schafft da ein bisschen Abhilfe. Da steht auch die Personalausweisnummer drauf, dafür haben wir die Erlaubnis vom Bundesinnenministerium.

Wird dieses Kärtchen nach dem Urteil aus Karlsruhe überflüssig?

Nicht unbedingt. Eine Änderung der Personenstandsangaben ist oft ein langwieriger Prozess. Für die Übergangszeit ist der Ergänzungsausweis also weiterhin hilfreich. Außerdem ist er offener für weitere Selbstbeschreibungen.

Die rechtliche Anerkennung von Intersexuellen ist nun in die Wege geleitet. Aber das stoppt ja nicht die Diskriminierung, die Betroffene aus der Gesellschaft erfahren.

Stimmt. Auf die individuelle Diskriminierung im Alltag hat das Bundesverfassungsgericht keinen Einfluss. Aber ich würde die Entscheidung aus Karlsruhe nicht unterschätzen. Zum ersten Mal ist die Existenz von nicht-binären Menschen höchstrichterlich anerkannt und abgesichert. Das ist eine Menge wert und wirkt positiv in die Gesellschaft hinein, in den Arbeitsmarkt oder in Geschäftsbeziehungen zum Beispiel. Der Spielraum für Diskriminierung in diesen Bereichen wird künftig enger.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Es wäre schon hilfreich, wenn man sensibler bei der Anrede wäre. Auf vielen amtlichen Formularen muss ich entweder Frau oder Mann ankreuzen. Dabei könnte man die Geschlechtsbezeichnung einfach weglassen und die Betreffenden mit Vorname und Nachname ansprechen - jedenfalls solange, bis eine andere Lösung gefunden ist.

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Sie meinen eine dritte Form der Anrede?

Warum nicht. Es gab ja mal drei Formen. Mann, Frau und Fräulein. Fräulein wird heute zu Recht als sexistisch und herabwürdigend gesehen, weil nach dieser Vorstellung eine Frau nur komplett ist, wenn sie heiratet und Kinder bekommt. Wenn eine Anredeform obsolet werden kann, können wir auch eine neue Anredeform finden. Die Gesellschaft hat eine Bringschuld, neue Wege des Umgangs zu finden und neue nicht-diskriminierende Kategorien.

Ein Thema, das in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die Frage nach geschlechtsneutralen Toiletten.

Ja, finde ich wichtig. Rechts die Stehabteilung, links die Sitzabteilung, ein gemeinsamer Eingang und in der Mitte die Waschbecken, vielleicht mit etwas besser ausgestatteten Spiegeln, das finde ich so charmant wie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Wichtiger ist mir aber noch die Sichtbarkeit von nicht-binären Menschen oder Menschen mit Transidentität.

Was meinen Sie damit?

Dass diese Menschen zum Beispiel in Büchern oder TV-Serien vorkommen. Aber unverkrampft und nicht immer so problembeladen. Neulich zum Beispiel, da kam im Polizeiruf eine transidente Person vor, aber wo war sie verortet? Im Rotlichtmilieu. Besser finde ich die Figur des Sunny in der Lindenstraße, obwohl man von der Serie sonst halten mag, was man will. Eine wichtige Vorreiterrolle haben Kindergärten und Schulen. Wenn erzkonservative Politiker sagen, Trans- und Intersexualität haben dort nichts verloren, dann finde ich das problematisch. Denn es gibt sie ja, die intersexuellen Kinder. Sie sind, um es mal religiös zu sagen, auch Geschöpfe Gottes.

Was sind denn typische Formen von Diskriminierung, die Ihnen bei Ihrer Vereinsarbeit begegnen?

Erst gestern hatte ich eine Anfrage von einer Person mit nicht-eindeutigem Geschlecht, die Probleme in ihrem Fitnessstudio hat, weil sich andere Gäste belästigt fühlen. Ein anderes Beispiel: Viele Banken weigern sich, neue Kontokarten auszustellen, bevor der Name in der Geburtsurkunde geändert ist. Ich habe mehr als 600 Briefe geschrieben, um passende Kontokarten für transidente und intersexuelle Personen zu bekommen. Nur knapp 100 Banken waren bereit dazu.

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Sind Sie persönlich schon einmal angegangen worden, auf der Straße oder von Vorgesetzten?

Von Vorgesetzten weniger, die hatten eher ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein. Ich habe zwar in einer sehr konservativen Branche gearbeitet, aber nie am Schalter. Auch so ein Standardspruch: Ich als Chef habe persönlich ja nichts gegen Sie, aber die Kunden könnten Anstoß daran nehmen. Ein bisschen skurril wurde es, als ich angekündigt habe, künftig nicht mehr auf die Herrentoilette zu gehen. Mir wurde ein eigener Toilettenraum zugewiesen, in einem weit entfernten Bereich, wo sonst keiner hingegangen ist. Neulich wurde ich beschimpft, auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU südlich von Oldenburg. Da sind wir aufgetaucht und haben ganz brav die Transflagge geschwenkt. Immer wenn ich als Aktivistin unterwegs bin, habe ich auch mein T-Shirt an. "Staatlich anerkannte Frau" steht darauf. Aber der örtlichen Landbevölkerung hat das nicht so gefallen.

Wie wird der Umgang mit Menschen, die nicht nur weiblich oder männlich sind, in zehn Jahren aussehen?

Auch, wenn es immer wieder Rückschritte gibt, glaube ich, dass die Entwicklung immer weiter in Richtung auf eine weltoffene, liberale Gesellschaft zulaufen wird. Sehen Sie, im Jahr 1970 bekam eine Transperson auf dem Münchner Arbeitsamt noch zu hören: So was wie Sie vermitteln wir nicht. Jetzt hat das höchste deutsche Gericht auch die Rechte nicht-binärer Menschen gestärkt und ich bin sicher, dass das nicht der letzte Schritt war.

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