17. Februar 2013 12:27 Katholische Kirche im Wandel Wenn nur noch Beten hilft

Zwischen Nord und Süd, zwischen dem liberalen, etablierten Christentum der reichen Länder und dem in den ärmeren Regionen der Welt wächst die Spannung. Längst gibt es in den Schwellenländern mehr Katholiken als im reichen Norden - 1,2 Milliarden Gläubige weltweit muss der neue Papst unter einen Hut bringen. Ein schweres Erbe.

Von Matthias Drobinski

Hongjiang ist eine dieser chinesischen Provinzstädte mit pittoresker Altstadt und wuchernden Plattenbauvierteln, der Nebel des Abends mischt sich mit dem Dampf der nahen Ziegelei, der Blick aus den Fenstern des ehemaligen Krankenhauses endet im Milchigen. Vier Frauen stehen um einen Tisch, darauf ein schlichtes Bronzekreuz; den Tabernakel, in dem sie die geweihten Hostien aufheben, haben sie selbst geschnitzt. Sie beten, singen, lesen aus der Bibel.

Tagsüber haben sie sich um Aidskranke gekümmert, um Sterbende, um die Kinder, die die Sterbenden zurückgelassen haben. Aids kommt nicht vor in den staatlichen Erfolgsmeldungen, die Behörden sind froh, dass sie das Unangenehme auf diese vier Frauen abwälzen können. Dass sie katholische Ordensschwerstern sind, weiß niemand, will niemand wissen. Auch nicht, dass die Männer, die da alle paar Monate zu Besuch kommen, Priester sind.

Katholiken gibt es überall, im afrikanischen Busch und der japanischen Großstadt, in Kalifornien und Grönland, in den Adelshäusern und den Slums der Welt, selbst in China leben 15 Millionen Katholiken, vielleicht auch doppelt so viele. Die katholische Kirche ist die größte Glaubensgemeinschaft der Welt, fast 1,2 Milliarden Menschen gehören ihr an, fast 17,5 Prozent der Weltbevölkerung. Sie wächst stärker als diese Weltbevölkerung, vor allem in Afrika, Amerika, Asien; längst gibt es in den armen Ländern und den Schwellenländern des Südens mehr Katholiken als im reichen Norden.

Erfolgsmodell katholische Kirche

Auch 2000 Jahre nach der Gründung ist diese Kirche ein Erfolgsmodell, mit dem Papst in Rom an der Spitze und der einheitlichen Liturgie, ihren sieben Sakramenten und dem Heiligenkalender, mit ihrer Mischung aus Kirchenvätertradition, sozialem Engagement und Weltpolitik. Man kann verstehen, dass mancher im Vatikan die Augenbrauen hochzieht, wenn er von den Sorgen der deutschen Katholiken hört: Kirchenaustritte, Vertrauenskrise, Unverständnis gegenüber Papstamt und Sexualmoral - das sind Probleme dieser säkularen westeuropäischen Minderheit, die sich für den Nabel der Welt hält.

So einfach ist die Lage der katholischen Kirche aber nicht. Der neue Papst, der da bis Ostern gewählt sein soll, tritt ein schwieriges Erbe an. Egal, aus welchem Erdteil er stammt und welcher innerkirchlichen Strömung er nahesteht: Das Amt wird ihn an seine Grenzen bringen. Er muss eine Kirche im Umbruch leiten, in der es Nord und Süd miteinander schwerhaben, die auf Säkularisierungsprozesse genauso Antworten haben muss wie auf die zunehmende Konkurrenz von Religionen und Konfessionen in vielen Teilen der Welt, in der die Änderungswünsche der Katholiken in den reichen Industriestaaten auf die Wünsche vieler Kirchenmitglieder im Süden treffen, ihre Gemeinschaft möge ein besonders klares konservatives Profil zeigen. "Das Papstamt ist die große Stärke des Katholizismus", sagt der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, "aber es gerät zunehmend in die Gefahr struktureller Überforderung."

Das Wachstum der Kirchen ist bei näherem Hinsehen kein Ergebnis besonders erfolgreicher Mission. "Es hat vor allem demografische Gründe", sagt Ulrich Pöner, der im Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz für Fragen der Weltkirche zuständig ist. Weltweit gesehen sind Katholiken verhältnismäßig jung und bekommen verhältnismäßig viele Kinder. Es gibt aber Regionen, in denen die Kirche hohem Konkurrenzdruck ausgesetzt ist. In Lateinamerika kommt er von christlicher Seite: in Guatemala gehört fast die Hälfte der Bevölkerung evangelikalen Gemeinschaften und Pfingstkirchen an, in Brasilien ein gutes Drittel - eine Generation zuvor war das Land zu mehr als 90 Prozent katholisch. In Afrika werben verstärkt radikale wahhabitische Gruppen um Anhänger: "Früher gab es hier ein gutes Miteinander von Muslimen und Christen", sagt Pöner, "heute ist da ein Dialog kaum noch möglich". Bei koptischen Christen beobachte er als Reaktion darauf die Tendenz, selbst Parallelgesellschaften zu bilden, "nach dem Motto: Wir müssen eine stabile, nach außen abgeschlossene Gruppe sein, wenn die Islamisten kommen", wie Pöner sagt.

Der Bischofskonferenz-Experte betont, dass es da auch Gegentendenzen gebe, aber der gleiche Prozess ist auch bei Anglikanern und Lutheranern zu beobachten: Weil im Süden die Auseinandersetzungen zwischen den Religionen und Konfessionen zunehmen, wachsen innerhalb der Gemeinschaften die Spannungen zwischen Nord und Süd, zwischen einem liberalen, etablierten Christentum der reichen Länder und einem in den ärmeren und armen Regionen der Welt, in dem das Christentum in der Abgrenzung zu den konkurrierenden Sinnangeboten konservativ geworden ist. Die Anglikaner weihen im Norden Frauen und Homosexuelle zu Priestern - im Süden sieht man das als Verrat am Glauben. "Die Vorstellung, dass ein Papst aus Afrika die katholische Kirche weiter und weltoffener macht, ist schlicht eine Illusion", sagt Friedrich Wilhelm Graf, "da würde sich mancher deutsche Reformkatholik bald nach Papst Benedikt zurücksehnen."

Allerdings, um die Lage noch übersichtlicher zu machen: Ausgerechnet das Papstamt, das in seiner jetzigen Ausformung vielen liberalen Katholiken solche Bauchschmerzen bereitet, garantiert, dass die katholische Kirche nicht so tief gespalten ist wie die anglikanische, dass die Konflikte nicht so offen ausgetragen werden wie bei den Lutheranern. Der römische Zentralismus frustriert zwar inzwischen Bischöfe aus allen Kontinenten, die sich mehr regionale Eigenständigkeit wünschen, mehr Rücksicht auf die heimischen Kulturen. Doch dieser Zentralismus hält auch die katholische Kirche zusammen, garantiert eine einigermaßen einheitliche Theologie: Der römische Katechismus gilt überall; in Washington, Madrid oder Berlin mag er als einengend und formelhaft empfunden werden, in Ghana oder der philippinischen Provinz verhindert er das Abgleiten des Katholischen ins Abergläubische oder aggressiv Abwertende des Andersgläubigen.

"Modernitätsparadox des Papstamtes"

Und die Weltkirche ermöglicht den gegenseitigen Erfahrungsaustausch: In Rom weiß man spätestens über drei, vier Ecken über beinahe jeden Priester in der Welt Bescheid - nicht immer eine angenehme Vorstellung. Aber andersherum kommen auch viele Priester und Ordensangehörige aus Afrika, Lateinamerika und Asien zum Studieren nach Rom, Los Angeles, München, gibt es den Austausch über die Hilfswerke Missio (Afrika, Asien), Misereor (Lateinamerika), Renovabis (Osteuropa). "Da kehrt niemand unverändert in sein Heimatland zurück", hat der Bischofskonferenz-Experte Pöner erfahren.

Friedrich Wilhelm Graf nennt dies das "Modernitätsparadox des Papstamtes": "Ausgerechnet das, was wir in Europa als aus der Zeit gefallen oder gar überholt empfinden, garantiert in weiten Teilen den Zusammenhalt und die relative Modernität der katholischen Kirche", sagt er. Die Probleme der Konzentration auf ein Amt, gar eine Person seien aber auch unübersehbar: "Die Überhöhung des Amts führt irgendwann zur Selbstüberforderung, wenn einer alles klären muss."

Denn es ist ja nicht so, dass die Probleme der Europäer mit der Kirchenlehre weltweit einzig und damit ein Minderheitenproblem wären. Zum Beispiel der Zölibat: In ganz Lateinamerika herrscht Priestermangel, reisen Pfarrer manchmal zwei, drei Tage, um ihre Gläubigen zu besuchen; weltweit ist die Zahl der Ordensfrauen drastisch zurückgegangen. Oder das Thema Säkularisierung: Als sich vergangenen Oktober die Bischöfe der Welt zur Synode in Rom trafen, berichteten viele, wie schwer es geworden ist, in einer glaubensskeptischen Welt von Gott, Jesus und der Kirche zu erzählen.

Und selbst bei den Nonnen in China sind die Themen angekommen: Nach dem Gottesdienst, bei chinesischen Maultaschen, warmem Wasser und Tsingtao-Bier für die Besucher, sagen sie, dass sie sich durchaus mehr Anerkennung für Frauen in der Kirche wünschen. Steht bei ihnen nicht jeden Abend eine Frau dem Gottesdienst vor? Und warum sollte die nicht auch irgendwann einmal geweiht sein?