Auch das Christentum war lange alles andere als eine friedliche Angelegenheit - Anmerkungen zu einer Debatte um den wahren Charakter des Islam und seiner sogenannten Kritiker.
Man dürfe den Islam nicht tolerieren, sagen seine Feinde. Er sei eine Religion der Gewalt und Intoleranz. Er widerspreche allem, was die westliche Gesellschaft an Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz und Friedfertigkeit hervorgebracht habe. Daran ist so viel Wahres, wie es Muslime gibt, die Gewalttaten in ihrem Glauben gerechtfertigt sehen - und die nicht zögern, diese Gewalttaten auch auszuführen. Nun ist es aber kühn, von solchen Muslimen auf ihre Religion überhaupt zu schließen. Das Christentum zum Beispiel war über lange Zeit eine alles andere als friedliche Angelegenheit. Und auch nach der Epoche der Aufklärung ist das Christentum nicht, wie gelegentlich suggeriert wird, nur eine Religion des Friedens: Erst seit kurzem mündet die Vermischung von Konfession und Politik in Nordirland nicht mehr zwangsläufig in Gewalt.
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Für viele Kritiker steht der Islam für die Unterdrückung der Frau. Doch wenn ein christlich geprägter bayerischer Familienvater seine Frau vergewaltigt, ist das ein Fall für den Richter - und kein Anlass für ein Volksbegehren gegen die architektonische Präsenz der katholischen Kirche in bayerischen Dörfern. (© Foto: AFP)
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Christentum und Islam, möglicherweise auch das Judentum, neigen zum Fundamentalismus, wenn man sie nach ihrem eigenen Ermessen walten lässt. Denn jede dieser Religionen beansprucht nicht nur die letzte Wahrheit für sich, sondern will auch praktisch wirksam sein. Jede beherrscht den Übergang von der Privatreligion zum höchsten Sachwalter der sittlichen Gemeinschaft - und zurück, also die Anpassung an die säkulare Macht. Letzteres, also die Anpassung an Staat und Gesellschaft, hat seit einigen Jahrhunderten in Deutschland zuverlässig funktioniert. Das Wort dafür lautet: Religionsfreiheit. Wenn dagegen nun "Islamkritiker" den Aufstand der Mehrheit gegen eine Minderheit organisieren wollen und das Ende der Toleranz für den Islam verlangen - was geschieht dann, ganz praktisch betrachtet? Wie sollte eine solche negative Vergesellschaftung vollzogen werden? Durch Ausweisung aller bekennenden Muslime nach Asien oder Afrika? Durch Einrichtung von Ghettos innerhalb Deutschlands? Durch eine gigantische Umerziehung nach dem Modell der Entnazifizierung, eine Zwangsbekehrung zum Säkularen?
Nun gibt es aber den Islam. Es gibt ihn seit weit über tausend Jahren. Allein in diesem Land glauben vier Millionen Menschen an seinen Gott. Das sind viel zu viele, als dass man sie - allen Anstand, die Frage nach der deutschen Staatsbürgerschaft und alle demokratischen Grundrechte einmal beseitegeschoben - fortschicken, hinausekeln oder umerziehen könnte. Das wissen auch die sogenannten Islamkritiker, wenn sie "einige Grundsätze des befriedeten Zusammenlebens opfern" (Henryk M. Broder) wollen. Möglicherweise wünschen sie sich solche Maßnahmen, realistisch wollen können sie dergleichen nicht. Was begehren sie aber dann? Sie wollen den Islam aus dem Spektrum der Weltreligionen ausschließen, um ihn als politisches Phänomen bekämpfen zu können. Dazu dient ihnen die Skandalisierung einer vielleicht mühsamen und ganz gewiss nicht gewaltfreien (denn es gibt keine Integration ohne Konflikte), sich aber dennoch vollziehenden Anpassung.
Dummkopf und Drückeberger
Deswegen darf zwischen einer Mehrheit von Muslimen, die höchst unauffällig und in jeder Beziehung friedfertig in diesem Land leben, und religiösen Fanatikern nicht mehr unterschieden werden. Deswegen sollen Islam und Islamismus plötzlich dasselbe sein. Deswegen wird zwischen islamischen Terroristen und gottesfürchtigen Muslimen im eigenen Land nicht unterschieden. Deswegen wird jeder, der sich von angeblichen Islamkritikern nicht in die Skandalisierung des Islam treiben lassen will, als Dummkopf und Drückeberger, als Pfaffe und Gouvernante beschimpft, als jemand, der die muslimische Frau verrät und feige die Selbstaufgabe des Westens betreibt. Und schlimmer - schon die Vorstellung, man könne sich mit dem Islam arrangieren, halten manche seiner sogenannten Kritiker für eine "pathologische Idee".
Absolut böse
Mit der Epoche der Aufklärung, auf die sie sich beruft, hat die "Islamkritik" nichts zu tun. Denn die historische Aufklärung verfolgte den Religionen gegenüber drei Ziele: die Freiheit der Religionen und die Freiheit von den Religionen, die Philologie der kanonischen Texte und die Historisierung, also die Einbettung der Konfessionen und ihrer jeweiligen heiligen Texte in ihren geschichtlichen Zusammenhang. Alle drei Ziele sind den sogenannten Islamkritikern nicht nur von Grund auf fremd, sondern ihren Bestrebungen entgegengesetzt: Der Islam darf, ihrer Überzeugung nach, nicht in den Genuss der Religionsfreiheit kommen, solange er nicht, wie das Christentum seit der Entstehung bürgerlicher Staaten, zwischen religiösen Werten und gesellschaftlicher Realität trennt. Er darf nicht Gegenstand der verstehenden Analyse sein, vor allem nicht der Islam in seiner radikalisierten Form. Und er darf schließlich nicht Gegenstand der Historisierung sein - vor allem die kriegerische Unterwerfung Mekkas im Jahr 630, die doppelte Funktion Mohammeds als Prophet und politischer Führer, soll bis heute als Muster des Umgangs des Islam mit Andersgläubigen gelten. Den Muslimen gegenüber wird ein Verdacht ausgesprochen, der, zumindest in anderen Zusammenhängen, den Rassismus ausmacht: So seien die Muslime eben, beleidigt, rachsüchtig, unfähig zur "Selbstkritik", unwandelbar, unverbesserlich - eben absolut böse.
Lesen Sie auf Seite 2, was die großen Gruppen von Muslimen in den vergangenen zwei Jahrzehnten dazu brachte, sich fanatisch auf eine radikale, vermeintlich buchstäbliche Lesart des Koran und der Scharia zu versteifen.
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Eine ganz hervorragende Analyse. Sicher nur die Oberfläche, aber eben diese, weil 2010 eigentlich jeder soweit sein sollte. Besten Dank.
Es gibt einen neuen Ansatz zur Offenlegung genetisch verankerten Verhaltens, Grundverhaltenskomponenten GVK, ("die menschliche Natur"), mit deren Hilfe sich das "religiöse Thema" sehr objektiv beurteilen lässt.
In Kurzform:
Die Liste der Grundverhaltenskomponenten GVK liefert eine hervorragende Argumentationskette dafür, dass Glaube an Übernatürlichkeit, dann Religionen auf das genetisch verankerte Bedürfnis nach Sicherheit (GVK) zurückzuführen ist, als immer besseres Bewusstsein enstand. Religionen entstanden als Fiktionen vor dem damaligen Weltbild der Hominiden, weil Vorgänge immer auf andere Wesen zurückzuführen waren. Und zuvor irrelevante Vorgänge (Gestirne, Blitze, Regen, Geburt und besonders Tod) wurden mit immer besserem Bewusstsein zu höchst relevanten. (Der älteste bekannte Toten"kult" ist etwa 120 T Jahre alt).
Das Streben nach Stärke (GVK) und das Rangordnungsverhalten (GVK) führte zur Entwicklung von Religionsmerkmalen (Rituale, Tabus, Regeln, ...). Man kann zeigen, dass tatsächlich das archaisch primitive Verhalten nach den GVK hinter den Religionen steckt, insbesondere das Streben nach Stärke (GVK), das zu Herrschaftswille und Machtwachstum, Machtausweitung antreibt.
Damit ist der Antrieb zu militanter Religiosität "umgekehrt proportional" zu Aufklärung über deren Entstehung.
Wer nicht nur die Evolution als richtig verstanden hat, sondern insbesondere die Entwicklung von VERHALTEN ab den frühesten Anfängen, kann keinen Zweifel mehr daran haben, dass Religionen tatsächlich Fiktionen sind. (Die berühmte Existenzfrage lässt sich für einen Moment abkoppeln).
Der Islam ist in dieser Hinsicht am wenigsten aufgeklärt. Seine Führer werden ganz sicher nichts dagegen tun. Wer sägt schon an seinem Stuhl?
Habt Ihr Moslems, Christen, Juden, Hindus folgendes schon ´mal überlegt?
Wenn sich alle Gläubigen in ihrer spezifischen Religion wohl fühlen, dann können es doch unmöglich die spezifischen Merkmale dieser Religionen sein, die "wohl fühlen" lassen.
(Merkmale: Jenseits, Paradies, Tabus, Rituale, Regeln ...)
Was zum "Wohlfühlen" führt, ist ganz schlicht die Befriedigung des genetisch verankerten Sicherheitsbedürfnisses, was mit uns nach dem Tod geschieht. Unwahr oder nicht ist egal: Hauptsache glauben, was sich Leute vor Tausenden von Jahren dazu mangels besseren Wissens über Entstehung und Vergehen ausgedacht haben.
An alle (militanten) Gläubigen:
Setzt ´mal eure Vernunft ein und hinterfragt alte Botschaften: Euer All
Sie schrieben: "Aber interessiert jemanden, der westliche Werte schon in Anführungszeichen setzt, wahrscheinlich weniger."
"Westliche Werte" gehören ja auch relativierend in Anführungszeichen gesetzt, weil der Begriff keinen klar umrissenen Inhalt beschreibt.
Er wird häufig (nicht immer) benutzt als inhaltsleerer, schwammiger Stereotyp, der eine klare Diskussion vernebelt. Ist häufig so was wie die Gummiente in der miefigen Badewanne selbsternannter Moralapostel, die hinter ihrem vernebelten Horizont ganz mit sich allein zufrieden sind. Die häufig in einer Phobie gegen Fremdes kräftig an der Demontage wesentlicher dieser "westlichen Werte" - wie z.B. aufgeklärte Dialogbereitschaft, Toleranz, Menschenrechte, Nächstenliebe, soziale Empathie, égalité, liberté, fraternité, ... arbeiten.
Wie Thomas Steinfeld "die Islamkritiker" mit ihren blindwütigsten Vertretern gleichsetzt - am Ende lässt er sogar die Anführungszeichen weg - das ist kein Beitrag zu einer Versachlichung der Diskussion, schon gar nicht zu einer konstruktiven Suche nach Lösungen für die angesprochenen Probleme.
"Den allergrößten Teil der Schandtaten, die dem radikalen Islam zugeschrieben werden, kann man dem bürgerlichen Recht und der Strafverfolgung überlassen."
In Grossbritannien kann man die mittlerweile auch einem der zahlreichen Scharia-Tribunale überlassen. Aber interessiert jemanden, der westliche Werte schon in Anführungszeichen setzt, wahrscheinlich weniger.
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