Zur Kritik am Islam Militante Propaganda

Auch das Christentum war lange alles andere als eine friedliche Angelegenheit - Anmerkungen zu einer Debatte um den wahren Charakter des Islam und seiner sogenannten Kritiker.

Von Thomas Steinfeld

Man dürfe den Islam nicht tolerieren, sagen seine Feinde. Er sei eine Religion der Gewalt und Intoleranz. Er widerspreche allem, was die westliche Gesellschaft an Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz und Friedfertigkeit hervorgebracht habe. Daran ist so viel Wahres, wie es Muslime gibt, die Gewalttaten in ihrem Glauben gerechtfertigt sehen - und die nicht zögern, diese Gewalttaten auch auszuführen. Nun ist es aber kühn, von solchen Muslimen auf ihre Religion überhaupt zu schließen. Das Christentum zum Beispiel war über lange Zeit eine alles andere als friedliche Angelegenheit. Und auch nach der Epoche der Aufklärung ist das Christentum nicht, wie gelegentlich suggeriert wird, nur eine Religion des Friedens: Erst seit kurzem mündet die Vermischung von Konfession und Politik in Nordirland nicht mehr zwangsläufig in Gewalt.

Christentum und Islam, möglicherweise auch das Judentum, neigen zum Fundamentalismus, wenn man sie nach ihrem eigenen Ermessen walten lässt. Denn jede dieser Religionen beansprucht nicht nur die letzte Wahrheit für sich, sondern will auch praktisch wirksam sein. Jede beherrscht den Übergang von der Privatreligion zum höchsten Sachwalter der sittlichen Gemeinschaft - und zurück, also die Anpassung an die säkulare Macht. Letzteres, also die Anpassung an Staat und Gesellschaft, hat seit einigen Jahrhunderten in Deutschland zuverlässig funktioniert. Das Wort dafür lautet: Religionsfreiheit. Wenn dagegen nun "Islamkritiker" den Aufstand der Mehrheit gegen eine Minderheit organisieren wollen und das Ende der Toleranz für den Islam verlangen - was geschieht dann, ganz praktisch betrachtet? Wie sollte eine solche negative Vergesellschaftung vollzogen werden? Durch Ausweisung aller bekennenden Muslime nach Asien oder Afrika? Durch Einrichtung von Ghettos innerhalb Deutschlands? Durch eine gigantische Umerziehung nach dem Modell der Entnazifizierung, eine Zwangsbekehrung zum Säkularen?

Nun gibt es aber den Islam. Es gibt ihn seit weit über tausend Jahren. Allein in diesem Land glauben vier Millionen Menschen an seinen Gott. Das sind viel zu viele, als dass man sie - allen Anstand, die Frage nach der deutschen Staatsbürgerschaft und alle demokratischen Grundrechte einmal beseitegeschoben - fortschicken, hinausekeln oder umerziehen könnte. Das wissen auch die sogenannten Islamkritiker, wenn sie "einige Grundsätze des befriedeten Zusammenlebens opfern" (Henryk M. Broder) wollen. Möglicherweise wünschen sie sich solche Maßnahmen, realistisch wollen können sie dergleichen nicht. Was begehren sie aber dann? Sie wollen den Islam aus dem Spektrum der Weltreligionen ausschließen, um ihn als politisches Phänomen bekämpfen zu können. Dazu dient ihnen die Skandalisierung einer vielleicht mühsamen und ganz gewiss nicht gewaltfreien (denn es gibt keine Integration ohne Konflikte), sich aber dennoch vollziehenden Anpassung.

Dummkopf und Drückeberger

Deswegen darf zwischen einer Mehrheit von Muslimen, die höchst unauffällig und in jeder Beziehung friedfertig in diesem Land leben, und religiösen Fanatikern nicht mehr unterschieden werden. Deswegen sollen Islam und Islamismus plötzlich dasselbe sein. Deswegen wird zwischen islamischen Terroristen und gottesfürchtigen Muslimen im eigenen Land nicht unterschieden. Deswegen wird jeder, der sich von angeblichen Islamkritikern nicht in die Skandalisierung des Islam treiben lassen will, als Dummkopf und Drückeberger, als Pfaffe und Gouvernante beschimpft, als jemand, der die muslimische Frau verrät und feige die Selbstaufgabe des Westens betreibt. Und schlimmer - schon die Vorstellung, man könne sich mit dem Islam arrangieren, halten manche seiner sogenannten Kritiker für eine "pathologische Idee".

Absolut böse

Mit der Epoche der Aufklärung, auf die sie sich beruft, hat die "Islamkritik" nichts zu tun. Denn die historische Aufklärung verfolgte den Religionen gegenüber drei Ziele: die Freiheit der Religionen und die Freiheit von den Religionen, die Philologie der kanonischen Texte und die Historisierung, also die Einbettung der Konfessionen und ihrer jeweiligen heiligen Texte in ihren geschichtlichen Zusammenhang. Alle drei Ziele sind den sogenannten Islamkritikern nicht nur von Grund auf fremd, sondern ihren Bestrebungen entgegengesetzt: Der Islam darf, ihrer Überzeugung nach, nicht in den Genuss der Religionsfreiheit kommen, solange er nicht, wie das Christentum seit der Entstehung bürgerlicher Staaten, zwischen religiösen Werten und gesellschaftlicher Realität trennt. Er darf nicht Gegenstand der verstehenden Analyse sein, vor allem nicht der Islam in seiner radikalisierten Form. Und er darf schließlich nicht Gegenstand der Historisierung sein - vor allem die kriegerische Unterwerfung Mekkas im Jahr 630, die doppelte Funktion Mohammeds als Prophet und politischer Führer, soll bis heute als Muster des Umgangs des Islam mit Andersgläubigen gelten. Den Muslimen gegenüber wird ein Verdacht ausgesprochen, der, zumindest in anderen Zusammenhängen, den Rassismus ausmacht: So seien die Muslime eben, beleidigt, rachsüchtig, unfähig zur "Selbstkritik", unwandelbar, unverbesserlich - eben absolut böse.

Lesen Sie auf Seite 2, was die großen Gruppen von Muslimen in den vergangenen zwei Jahrzehnten dazu brachte, sich fanatisch auf eine radikale, vermeintlich buchstäbliche Lesart des Koran und der Scharia zu versteifen.