Zum Tod von Günter Grass Der Trommler

Er glaubte an eine "Vielzahl von Wirklichkeiten". Günter Grass prägte die deutsche Nachkriegsgeschichte literarisch, politisch und persönlich - dann wurde der Autor der "Blechtrommel" selbst ein umstrittener Teil von ihr.

Von Irene Helmes

Bei der Annahme des Nobelpreises für Literatur 1999 fragte Günter Grass in seiner Rede, was Bücher und ihre Autoren so gefährlich mache in den Augen der Mächtigen. Oft, so sagte er, reiche "der literarische Nachweis, daß die Wahrheit nur im Plural existiert - wie es ja auch nicht nur eine Wirklichkeit, sondern eine Vielzahl von Wirklichkeiten gibt". Mit Wahrheit und deren Plural schlug sich Grass sein Leben lang herum, literarisch, politisch, persönlich. Seine Lust am Sich-Einmischen machte ihn zu einem weltbekannten Künstler, Polemiker, Nobelpreisträger, umstritten, oft undiplomatisch, nicht immer auf dem Boden der Tatsachen, aber stets gehört - eine der wichtigsten Stimmen Deutschlands. Nun ist Günter Grass in Lübeck an den Folgen einer Infektion gestorben.

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in der Freien Stadt Danzig geboren und besuchte dort Volksschule und Gymnasium. "Und aufgewachsen bin ich zwischen / dem Heilgen Geist und Hitlers Bild", schrieb er später in dem Gedicht "Kleckerburg". Schon im Kindesalter stand sein Wunsch fest, Künstler zu werden. Der Bücherschatz seiner Mutter und deren Leidenschaft für Musik und Theater gaben neben einigen beeindruckenden Lehrern den Anstoß, während der Vater nur Ablehnung hervorrief. "Als ich fünfzehn war, wollte ich in Gedanken, Worten und Werken meinen Vater mit meinem Hitlerjugenddolch ermorden", schrieb Grass später.

Der Zweite Weltkrieg brach mit aller Gewalt in das Leben des Jugendlichen ein und erwies sich als Erfahrung, die größte Teile von Grass' späterem Schaffen bestimmen sollte. Mit nur 15 Jahren floh er aus der familiären Enge als Freiwilliger zu einer U-Boot-Truppe der Kriegsmarine und wurde dann Mitglied der Waffen-SS, was er allerdings erst im Jahr 2006 in einem Interview mit der FAZ öffentlich bekannte. Er wurde in der Lausitz verwundet und geriet schließlich bei Marienbad in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Gegen die "Flucht ins Gegenstandslose"

Nach dem überlebten Weltkrieg, als einer von denen, "die der Krieg launenhaft ausgespart hat und denen die Zufälligkeit ihrer Existenz bewußt wurde", lag eine Zukunft voller Fragezeichen vor Grass wie vor seiner ganzen Generation - "ab 1945 auf die freie Wildbahn geworfen", wie er es einmal nannte. Das kleinbürgerliche, abgesicherte Leben, das der wenig geliebte Vater empfahl, lehnte Grass ab. Er machte sich stattdessen an "die realitätsverachtende, sich gegen alle Widerstände entschlossen durchsetzende Verwirklichung des Kinderwunsches, Künstler zu werden", wie sein Biograf Volker Neuhaus in "Günter Grass - Schriftsteller, Künstler, Zeitgenosse" schreibt.

Ihre Erinnerungen an Günter Grass - ein Kondolenzbuch

"Die Blechtrommel", "Der Butt" und "Im Krebsgang". Die Werke von Günter Grass prägten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wie erinnern Sie sich an den Literaturnobelpreisträger? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Nach einer Steinmetzlehre studierte Grass zwischen 1948 und 1956 Bildhauerei und Grafik. Dabei wechselte er 1953 von der Kunstakademie Düsseldorf an die Hochschule für Bildende Künste und wandte sich zugunsten des komplizierteren Berlin von der rheinischen Wirtschaftswunderwelt ab. In seinem Schaffen verschrieb sich Grass entgegen vorherrschenden Trends der Gegenständlichkeit. Die Abstraktion sah er als eine "Flucht ins Gegenstandslose" vor dem "Hintergrund einer Verdrängung, die ja nicht nur im Politischen stattfand sondern insgesamt, bis in die Künste hinein".

In seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" beschrieb Grass seine jungen Jahre als einen dreifachen Hunger nach Essen, nach Sex sowie nach Schönheit und Kunst. In den Düsseldorfer und Berliner Jahren entwickelte er Leidenschaften, die sein Leben begleiten sollten. Grass war begeisterter Koch aller erdenklichen Fleischgerichte, starker Raucher, Fußballfan (der Briefe auch mal mit "dein Torwart Günter" unterschrieb), Jazzer (unvergesslich blieb ihm ein zufälliger Kneipen-Jam mit Louis Armstrong) und schließlich ein unermüdlicher Tänzer, der später sogar behaupten sollte, das Tanzen habe im Wesentlichen seine erste Ehe zusammengehalten.

Mitte der fünfziger Jahre debütierte Grass als Lyriker und Dramatiker, nach ersten Versuchen als Schriftsteller wurde er Mitglied der "Gruppe 47". Von 1957 bis 1959 lebte Grass mit seiner Frau Anna in Paris. Die Bildhauerei gab er bis auf Weiteres auf und beschäftigte sich erst in späteren Jahren wieder mit der bildenden Kunst. Allerdings gestaltete er zeitlebens die Umschläge seiner Bücher selbst und illustrierte viele von ihnen.

Mit Anfang 30 setzte Grass sich in eigenen Worten "dickarschig" hin und schrieb seinen ersten Roman über Nationalsozialismus und Weltkrieg durch die Augen des scheinbar ewigen Kindes Oskar Matzerath. Die Veröffentlichung seines Debüts "Die Blechtrommel" 1959 machte ihn weltbekannt. Hans Magnus Enzensberger sah damals in einer Radio-Besprechung "Schreie der Freude und der Empörung" kommen, und lobte weiter: "Unserm literarischen Schrebergarten (...) zeigt er, was eine Harke ist. Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unsrer domestizierten Literatur, und sein Buch ist ein Brocken (...), an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzent lang zu würgen haben, bis es reif zu Kanonisation oder zur Aufbahrung im Schauhaus der Literaturgeschichte ist".

"Nofalls als Splitter im Auge"

Im Schauhaus der Literaturgeschichte kam das Werk in der Tat an, und nicht nur das. Die Verfilmung 1979 durch Volker Schlöndorff mit Mario Adorf, Angela Winkler und David Bennent erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Zusammen mit der Novelle "Katz und Maus" (1961) und dem Roman "Hundejahre" (1963) bildet "Die Blechtrommel" die Danziger Trilogie. "Die meisten meiner Bücher beschwören die untergegangene Stadt Danzig. (...) Verlust machte mich beredt", wie Grass später schrieb. Zeitlicher Hintergrund war die dramatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, geschildert in einem oft grotesken und expliziten Stil, der seinerzeit durchaus schockieren konnte, nicht nur ideologisch. Der ehemalige NS-Publizist Kurt Ziesel etwa setzte vor Gericht durch, Grass einen "Verfasser übelster pornographischer Ferkeleien" nennen zu dürfen.

Bei seiner Nobelpreislesung sagte Grass, er habe durch die Trilogie gelernt, "daß Bücher Anstoß erregen, Wut, Haß freisetzen können. Was aus Liebe dem eigenen Land zugemutet ward, wurde als Nestbeschmutzung gelesen. Seitdem gelte ich als umstritten." In diesem Umstrittensein richtete sich Grass ein. Privat pflegte er laut Biograf Neuhaus einen "Spagat zwischen Bohème und Großbürgertum". Als Intellektueller wollte er ausdrücken, was er dachte, und seinem Land "verbunden" sein, "notfalls als Splitter im Auge", wie er es 2012 im Gedicht "Trotz allem" formulierte.

Kunst, Politik, Kontroversen

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