Verhandlung um Goebbels-Tantiemen Geld der Vergangenheit

Man kann es unsäglich finden - Joseph Goebbels' Tagebücher unterliegen dem Urheberrecht. Noch.

(Foto: Scherl)

Das Geschäft mit Joseph Goebbels läuft auch im 21. Jahrhundert noch prächtig, da möchte die Nachlassverwalterin nicht auf ihr Recht verzichten. Nun ist sie gegen den Verlag Random House vor Gericht gezogen.

Von Willi Winkler

Die Klägerin ist mit einer so großen Tasche gekommen, dass sie damit ohne Weiteres in der Maximilianstraße renommieren könnte, doch sie ist eine ältere Dame, die längst nicht mehr jedem letzten Schrei nachlaufen muss. Eine weite Hose trägt sie, dazu eine Kostümjacke in einem fernen Altrosa, aber hell und fest ist noch immer die Stimme, als sie darauf besteht, dass ihr Vater kein Kriegsverbrecher gewesen sei, sondern im Gegenteil im Widerstand und deshalb im Konzentrationslager.

Cordula Schacht ist die Tochter von Hjalmar Schacht, Reichsbankchef und Hitlers Wirtschaftsminister. 1946 in Nürnberg, beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, wurde er freigesprochen und später Bestseller-Autor und Wirtschaftsberater verschiedener asiatischer Staaten. Seine Tochter klagt gegen den Verlag Random House, weil der ihr Geld schuldet und so gar keine Lust zeigt, die Schulden zu begleichen. Es geht um genau 6507,87 Euro.

Wie mit diesen Außenständen zu verfahren sei, versuchte gestern das Landgericht München zu klären. Der Fall ist so einfach wie kompliziert: Im Herbst 2011 veröffentlichte der zu Random House gehörende Siedler-Verlag eine Biografie von Joseph Goebbels. Der Autor, der Zeithistoriker Peter Longerich, versuchte ein Charakterbild von Hitlers Propagandaminister zu zeichnen, wobei er sich auch auf das umfangreiche Tagebuch von Goebbels stützte. Als Frau Schacht über das Internet erfuhr, dass ein solches Buch erscheinen würde, meldete sie sich bei Verlag und Autor und forderte einen Anteil am Honorar. Sie ist nämlich, wie der Vorsitzende Richter feststellte, Verwalterin des Nachlasses von Joseph Goebbels.

Inkasso-Büro für Goebbels-Tantiemen

Der Autor Goebbels war zwar einer der übelsten Verbrecher des Dritten Reiches und entging einer Verurteilung nur, weil er sich 1945 in der Nachfolge seines heiß geliebten Führers mitsamt seiner Familie umbrachte, aber als Autor unter anderem seiner Tagebücher hat er ein unveräußerliches Urheberrecht geschaffen, das ihm ebenso wenig zu nehmen ist wie beispielsweise dem Autor von "Mein Kampf". Aber während sich der Freistaat Bayern um den Autor Adolf Hitler kümmert und verhindert, dass dessen Hauptwerk wieder aufgelegt wird, ist der Propagandaminister Hitlers eine bis heute und bis zum Auslaufen der Schutzfrist zum Ende nächsten Jahres eine munter sprudelnde Geldquelle.

Ganz egal, ob der Südwestfunk eine Dokumentation über Joseph Goebbels bringt und dabei die Kamera über die im Bundesarchiv aufbewahrten Tagebücher gleiten lässt, ganz gleich, ob die Schauspielerin Iris Berben bei Lesungen in bester aufklärerischer Absicht die Tagebücher von Anne Frank und Joseph Goebbels nebeneinanderstellt, für den Nazi-Hetzer werden bis heute Gebühren fällig. Frau Schacht, deren Vater kein Kriegsverbrecher war, amtiert als eine Art Inkassobüro für Goebbels-Tantiemen.

Die 71-Jährige hat diesen Anspruch geerbt. 1996, kurz bevor er seinerseits Selbstmord beging, vermachte ihr der Schweizer Multi-Unternehmer François Genoud (der Richter bezeichnet ihn als "einen Herrn Genoud", den er deutsch ausspricht) die Verwertungsrechte an Goebbels, dazu auch etwas Hitler und Martin Bormann. Genoud war auch kein Kriegsverbrecher, aber seit er Hitler als 17-Jähriger hatte die Hand schütteln dürfen, ein glühender Nazi, der offen seine Bewunderung für Männer wie Bormann und Frauen wie Eva Braun äußerte und den Deutschen verübelte, dass sie seiner Begeisterung fürs Dritte Reich nicht mehr so begeistert folgen mochten. Genoud gelang es in den Fünfzigerjahren, sich mit den Erben von Goebbels zu einigen und die Einnahmen aus der Verwertung hälftig zu teilen. Dieser Anspruch wurde von Anfang an bezweifelt, aber zähneknirschend geduldet. So machte das Münchner Institut für Zeitgeschichte fast von Beginn an Geschäfte mit diesem Herrn Genoud. Der Stern zahlte, der Spiegel zahlte, alle zahlten.