Eine Welle der Wut erfasst das Land: Im Zuge eines beispiellosen Protests könnte das Wort des Jahres nun auch zum Unwort des Jahres gewählt werden.
Ein solche Konstellation gab es noch nie. Da hat die altehrwürdige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gerade erst den Wutbürger zum Wort des Jahres gekürt. Keine zwei Wochen ist das her, nun zeichnet sich bei der Wahl zum Unwort des Jahres ein womöglich folgenschweres Ergebnis ab. Aber der Reihe nach.
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Der Wutbürger zürnt: Erst die Unterstellung, Wut sei seine grundsätzliche Gefühlshaltung, versetzt ihn in Rage (im Bild Klaus Kinski, einer der bedeutendsten deutschen Choleriker des 20. Jahrhunderts). (© picture-alliance/ dpa)
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Zuerst einmal ist die GfdS enttäuscht wegen der geringen Wahlbeteiligung, erst 500 Vorschläge für das Unwort des Jahres sind bisher eingegangen. Doch die Gesellschaft für deutsche Sprache wäre nicht die Gesellschaft für deutsche Sprache, wenn sie das nicht so formulierte, dass der genaue Wortlaut von Jurymitglied Horst Dieter Schlosser an dieser Stelle wiedergegeben werden muss: "Es tröpfelt etwas", war die von ihm gewählte Metapher, mit der er ganz im Sinne aller Gralshüter der deutschen Sprache die spärlich eingehenden Einsendungen umschrieb. Der Mann ist von Beruf Germanistikprofessor.
Dann, und jetzt wird es richtig interessant, gewährte der Sprachwissenschaftler in Frankfurt Einblick in den aktuellen Stand der Wahl. Favorit für den Negativtitel Unwort des Jahres sei derzeit "Stuttgart 21". Auch der Begriff "Wutbürger" habe Chancen auf den Sieg. Wie bitte? Etwa jener Wutbürger, der unlängst zum Wort des Jahres gekürt wurde? Die Wortkomposition könnte folglich Un-/Wort des Jahres in Begriffsunion werden. Was hat das zu bedeuten?
Es ist im Prinzip ganz einfach. Der Ausdruck "Wutbürger" bezeichnet den Anhänger der wieder erwachten Protestkultur in Deutschland: Der gemeine Wutbürger ging 2010 in Stuttgart und andernorts auf die Straße, um zu demonstrieren. Er selbst empfindet es jedoch als diffamierend, wenn man ihn als Wutbürger bezeichnet: Der Begriff impliziert, dass die Triebfeder seines Handelns nichts als Wut sei. Das wertet sein Engagement ab. Schließlich handelt er wohlüberlegt, wenn er für seine Rechte einsteht - nicht aus blinder Wut heraus. Merke: Erst die Unterstellung, er sei wütend, macht aus dem friedliebenden Wutbürger einen Bruder Grimm. Darüber, dass dieser Begriff zu allem Überfluss zum Wort des Jahres geadelt wurde, ist er so erbost, dass er ihn nun wutschnaubend als Unwort des Jahres vorschlägt.
Welche Lehren ziehen wir daraus? Könnten die beiden bislang separat abgehaltenen Wahlen künftig vielleicht in einem Aufwasch durchgeführt werden? Das Wort des Jahres könnte immer gleich zum Unwort mitgekürt werden, entsprechende Siegerehrung inklusive. Man kann gleich mit dem Wutbürger anfangen: Ein Vertreter, etwa ein Castor-Gegner, könnte bei einer feierlichen Verleihungszeremonie auf die Bühne treten und sich vom Publikum schmähfeiern (Un-/Wort 2011?), das heißt wechselweise mit faulen Eiern und roten Rosen bewerfen lassen.
Es wäre schizophren - ein Begriff, der beliebteste wie meistgehasste der Nation. Ein FC Bayern München der Linguistik, wenn man so will. Noch ist es nicht soweit, bis zum 7. Januar haben Wutbürger (und solche, die es werden wollen) noch Zeit, ihren Unmut kundzutun. Die Entscheidung wird am 18. Januar bekannt gegeben.
Der aktuelle Favorit für den Negativtitel "Unwort des Jahres", Stuttgart 21, belegte bei der Wahl zum "Wort des Jahres" übrigens den zweiten Platz. Was immer das zu bedeuten hat.
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(sueddeutsche.de/kelm)
Partyzone Flußufer
Ich lese ja eine ganze Menge,das Wort Wutbürger hab ich auch schon gehört,aber ob es derart verbreitet ist,dass es zum Unwort des Jahres gekürt wird,halte ich für...siehe oben.
Ist aber gut zu wissen wofür manche Leute Geld kriegen.Schon die Idee ein Unwort des Jahres zu benennen,na ja,siehe oben.
Es fängt schon an bei der Auswahl der Begriffe.Es ist doch der Zorn und nicht die Wut,der den Rentner ,den Schüler ,den Arbeiter,die Mütter und Väter auf die Strassen treibt.Gewütet haben nur die Einsatzkräfte,manche mehr ,manche weniger.
Wenn man sich nun schon auf die belanglose Diskussion einlässt,kommt man allerdings am "Gutmenschen" nicht vorbei,wie schon der Eine oder Andere an dieser Stelle bemerkt hat.Beide Begriffe sehen für mich aus ,als kämen sie aus der selben Feder.Ungelenke und phantasielose Wortgebilde,die je nach Benutzer vollkommen unterschiedliche Bedeutung erhalten.
Das ist die Zukunft der deutschen Sprache.Sinnfreies Geplauder.
ja, das stimmt wohl. Wobei Wutbürger ja auch durchkam und ich kenne keine einzige Person, die das Wort vorher schon gehört oder gelesen hatte.
Und Gutmensch war übrigens Mitte des Jahres auch öfter in den Zeitungen und selbst im öffentlich-rechtlichen benutzt worden. Besonders bei der Sarrazin-Debatte.
Ich glaube aber auch nicht, daß es durchkommt.
Und übrigens- meine zweite Wahl wäre "Nazikeule" gewesen. Wobei dieses Wort ja eher vom "Volk" benutzt wird, wenn man sein rechtes Gedankengut angegriffen sieht.
oder auch "beliebtester Politiker Deutschlands".
Inhaltlich sprechen sie mir aus der Seele, aber das Wort hat keine Chance - ein Wort/Unwort des Jahres muß erfahrungsgemäß A) einen konkreten Bezug zu aktuellen Ereignissen haben und B) In den Feuilletons durchexerziert worden sein.
ich habe grad meinen Vorschlag hingeschickt- Gutmensch.
Das wird ja grad als das Schimpfwort überhaupt benutzt, um alles Soziale plattzuwalzen.
Paging