Türkische Chronik (XII) Wie lange wird die EU der schrecklichen Eskalation standhalten?

"Wir geben nicht auf": Demonstranten gehen in Istanbul gegen die Verhaftungen in der Redaktion der Cumhuriyet auf die Straße.

(Foto: dpa)

Die Kritik europäischer Politiker an der Türkei hatte zur Folge, dass noch mehr Journalisten inhaftiert und noch mehr Zeitungen geschlossen wurden. Nun muss sich die EU entscheiden.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

"Oh Leute, bitte rettet die Archive vor der Löschung!" Seltsamerweise war das einer der ersten Gedanken, der mir am Montagmorgen durch den Kopf ging. Ich hatte mein Handy ausgemacht, als ich ins Bett gegangen war, nur um jetzt mit neuem Schrecken konfrontiert zu werden: " Cumhuriyet ist verwüstet! Viele Kollegen in Polizeigewahrsam!" Die Verhaftungen ließen mich frösteln. Tiefe Traurigkeit, Verzweiflung. Nun also war Cumhuriyet an der Reihe. Eine der drei wirklich mutigen Zeitungen des Landes, deren Geschichte ebenso alt ist wie die der Republik. Eine letzte Bastion des unabhängigen Journalismus.

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge. Deutsch von Jonathan Horstmann.

Sinnlos, über das Motiv der Polizeirazzia zu sinnieren. Es war, um einen völlig grotesken Vergleich zu ziehen, als klagte man die Washington Post dafür an, zur selben Zeit Straftaten im Namen des Ku-Klux-Klans und der B lack Panther begangen zu haben. Dann kehrten meine Gedanken zu dem digitalen Archiv zurück. "Hoffentlich haben sie eine Sicherheitskopie." Wenig Zweifel konnte daran bestehen, dass die AKP angesichts der Größenordnung und Art der Razzia einen Bevollmächtigten einsetzen, die Kontrolle über das Tagesgeschäft ergreifen und die Redakteure entlassen würde. Um anschließend, wie es mittlerweile Praxis ist, die digitalen Archive zu löschen. Alles darin, die gesamte Erinnerung, würde ins Vergessen befördert.

Als sich die systematischen Attacken gegen die Medien vor genau einem Jahr ausweiteten und nicht länger nur einzelne Journalisten gefeuert und eingesperrt, sondern ganze Medienhäuser angegriffen wurden, waren viele von uns dabei. Es traf das Wochenmagazin Nokta, das als Marke einen ähnlich guten Ruf wie Der Spiegel besaß, und ihr Konkurrenzformat Aksiyon. Die digitalen Archive beider Redaktionen sind Geschichte. Es traf auch die Tageszeitung Taraf, deren früherer Redakteur Ahmet Altan seit mittlerweile 45 Tagen im Gefängnis sitzt und deren wertvolle Archive ebenfalls nicht mehr existieren. Auch die der Gülen-Bewegung nahestehende Tageszeitung Zaman musste dabei zusehen, wie ihre mehr als 30 Jahre lang gepflegten Archive in Luft aufgelöst wurden.

Es traf auch die englischsprachige und mit eigenen redaktionellen Inhalten versehene Schwesterzeitung Today's Zaman, die für ihre liberal-reformerische Kommentarsektion, wie auch für internationale Gastbeiträge weltweit angesehen war. Nachdem die TZ - so die geläufige Abkürzung - im Frühjahr den Bevollmächtigten übergeben wurde, verlor sie ihr gesamtes Archiv. Zuvor war sie neun Jahre lang eine Chronistin der Türkei gewesen, die in Think-Tanks und Wissenschaft herangezogen wurde. Die Links zu Zitaten und Textpassagen in ihren Berichten und Studien fördern nur noch leere Seiten zutage. Das ruft in Erinnerung, wie einst Stalin und Hitler die Presse behandelten. Eine Konsequenz daraus ist, dass sich nun auch der Springer-Verlag - laut seinem Vorstandsvorsitzendem Mathias Döpfner "wegen großer Besorgnis" - aus dem Türkeigeschäft zurückziehen wird.

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